Erst Tankstelle, dann Kiosk: Polizei fasst Räuber schnell

Von: Beatrix Oprée
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Tageszeitungen, Zigaretten, Süßigkeiten und Dosensuppe: Der Kiosk an der oberen Kleikstraße ist längst zur Institution im Schatten von Burg Rode geworden. Die 72-jährige Inhaberin Marianne Trapp führt ihn seit 20 Jahren und wurde schon dreimal überfallen. Foto: Beatrix Oprée
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Blick aus dem weihnachtlich geschmückten Kassenraum: An dieser Zapfsäule hatte der Räuber seinen Motorroller abgestellt. Foto: Beatrix Oprée

Hezogenrath. Der Paketbote stapelt einen ganzen Berg Kartons und Päckchen auf seine Sackkarre. „Machen Sie es gut“, sagt er zu Marianne Trapp und drückt ihr voller Mitgefühl die Hand, bevor er die schwere Ladung herausrollt. Fünfmal die Woche fährt er die Annahmestelle an der oberen Kleikstraße im Schatten der Burg Rode an.

Ein Kiosk, wie man ihn noch von früher kennt. Zeitungen und Zeitschriften gibt es hier, kleine Geschenkartikel, Zigaretten, Süßigkeiten, Kekse, haltbare Milch, Tütensuppen und Fruchtkonserven. Das „Büdchen“ und seine 72-jährige Inhaberin sind zur Institution im Viertel geworden. Hier kauft man seit 20 Jahren die Tageszeitung, aber auch schon mal eine Packung Margarine oder ein Toastbrot, sollte sich sonntags herausstellen, dass im Kühlschrank etwas Essbares fehlt.

Und genau hier stand am Dienstagmorgen gegen 8.10 Uhr plötzlich ein Typ mit Helm und herabgelassenem Visier. Der Bewegungsmelder an der Tür hatte ihn mit einem lauten Piepen angekündigt, und Marianne Trapp war aus der angrenzenden Küche in den Verkaufsraum getreten. „Er stand nur da“, erinnert sie sich. „Ich wollte ihm noch sagen, ob er denn nicht den Helm abnehmen könne. Ich konnte seine Augen ja gar nicht sehen. Aber da zog er die Waffe, kam wortlos auf mich zu und wollte mich in die Küche drängen.“

Hinter der Wand jedoch saßen mehrere Bekannte der Kioskbesitzerin bei Kaffee und Brötchen zusammen. „Damit hatte er wohl nicht gerechnet“, berichtet Marianne Trapp. „Alle schrien sofort laut auf – Hilfe! Überfall! Polizei!“ Angesichts der klaren Übermacht trat der Täter unverrichteter Dinge die Flucht an. Doch die Hilferufe waren von einem Nachbarn gehört worden, der sich im gegenüberliegenden Haus zufällig auf seinem Balkon aufhielt. Er reagierte sofort und alarmierte die Polizei.

Und die war flugs zur Stelle, nahm mit Unterstützung der niederländischen Ordnungshüter sowie eines eigens angeforderten Polizeihubschraubers die Verfolgung auf. An der Gierlichsstraße wurde der Täter, ein 20-Jähriger, der mit seinem Motorroller in Richtung Grenze unterwegs war, schließlich gestellt.

„So haben sie den jetzt auch“, bilanziert Marianne Trapp und berichtet von zwei weiteren Überfällen, die sie bereits erlebt hat. In den Jahren 2005 und 2010 sei das gewesen. Die Täter waren jedes Mal bewaffnet. „Und auch die wurden geschnappt.“

Während sie erzählt, betreten vier Jugendliche den Laden und nehmen den Inhalt des Süßigkeiten-Regals ins Visier. Was sich genau an der Stelle, an der sie jetzt stehen, nur wenige Stunden zuvor abgespielt hat, können sie nicht ahnen. Denn Marianne Trapp ist nichts anzumerken. Saure Drops und Gummibärchen kaufen die Jungs schließlich. Kleingeldbeträge sind die Summen, die hier in der Regel umgesetzt werden. Ein paar Euro für Flaschenbier, Cola und Chips, für Zigaretten und Zeitschriften. „Und selbst das wollen sie mir noch nehmen“, kann die 72-Jährige nur fassungslos den Kopf schütteln.

Von frühmorgens bis abends um sieben ist ihr Kiosk geöffnet, auch samstags. Dazu sonntags von 8 bis 13 Uhr. Marianne Trapp ist fast immer für ihre Kunden da. Sogar am Tag des Überfalls denkt sie nicht daran, einfach mal zu schließen. „Was will man machen?“, sagt sie tapfer. „Man darf nur keine Zeit zum Grübeln bekommen ...“

Als eine Freundin den Laden betritt und sie tröstend in den Arm nimmt, werden ihre Augen dann doch feucht. „Nein, das, was da heute Morgen abging, das musste wirklich nicht sein ...“

Wie sehr sie die Seele anderer Menschen verletzen, das interessiert Räuber offenbar nicht, wenn sie mit Waffengewalt Geldbeträge erpressen wollen.

Wie sich später bestätigen soll, hatte der 20-jährige Täter bereits in den frühen Morgenstunden zugeschlagen. Opfer war eine 35-jährige Angestellte der Tankstelle an der Kirchrather Straße. Gegen 6.40 Uhr fuhr der Täter dort vor. Seinen Roller stellte er an einer Zapfsäule ab. „Und dann zog er sich Handschuhe an“, berichtet eine Kollegin, die kurzfristig eingesprungen ist, weil die Überfallene noch zu sehr unter Schock steht.

Jede Bewegung des Täters ist von Videokameras aufgezeichnet worden. „Meine Kollegin hat ihm noch den Tipp gegeben, mit dem Tanken ein paar Minuten zu warten, weil der Spritpreis gleich runter gehe“, erzählt die junge Frau im Gespräch mit unserer Zeitung. Doch der Unbekannte spazierte mit herabgelassenem Visier hinter der Kollegin in den Kassenbereich der Tankstelle und zog dort seine Pistole.

Die Kollegin habe daraufhin die Scheine aus der Kasse geholt, in der sich nur Wechselgeld befand, da die Tankstelle erst zehn Minuten zuvor geöffnet worden war. Der Täter habe seine Waffe auf die Theke gelegt, um das Geld in einen mitgebrachten Rucksack zu packen. Dann sei er mitsamt Pistole und Beute wieder verschwunden. Die sofort eingeleitete polizeiliche Fahndung verlief zunächst negativ.

Auch diese Tankstelle ist nicht das erste Mal überfallen worden. „Zuletzt war dies vor rund einem Jahr der Fall“, berichtet die Angestellte.

Da waren es gleich mehrere Täter, ebenfalls bewaffnet. Sie drängten den Mitarbeiter hinter die Theke, griffen in die Kasse und flüchteten unerkannt in einem Wagen, in dem ein dritter Täter gewartet hatte. Dem 20-jährigen Täter von Dienstag indes wurde zum Verhängnis, dass er seinen Beutezug kaltschnäuzig fortsetzen wollte ...

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