Erinnerungen: Migranten erzählen von ihrem schweren Start

Von: Stefan Schaum
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Der ist schon lange nicht mehr gültig: Mustafa Piri zeigt seinen alten Ausweis, mit dem er 1981 in Deutschland ankam. Foto: Stefan Schaum
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So war das damals: Der aus Schlesien nach Setterich gekommene Arnold Beer (l.) hat Buchautor Günter Pesler und Saniye Kol von der Integrationsagentur im Haus Setterich von seiner Ankunft erzählt.

Baesweiler. Der Vater ging 1970 fort. Raus aus der Türkei, in der er keine Arbeit fand. In Deutschland liege seine Zukunft, hatte er zum Sohn gesagt. Der sollte zunächst noch einige Jahre in der Türkei bleiben und dort die Schule beenden. Mustafa Piri folgte 1981 – und wurde Bergmann wie der Papa. Da war er 16.

Heute arbeitet der 49-Jährige als Geräteführer bei RWE Power und lebt in Loverich. Längst kennt er seine Wege, hat viele Kontakte, kann sich gut verständigen. Der Beginn war anders. Hart, voller Misstrauen – und oft recht einsam.

Jüngst hat er sich an seine damaligen Gefühle erinnert und von Ablehnung und vom Fremdsein gesprochen. In einem Interview für ein Buch, in dem Günter Pesler die Geschichte(n) von Migranten in Baesweiler aus deren Sicht erzählen möchte. Nachdem der Geschäftsführer des Baesweiler Geschichtsvereins in seinem ersten Werk von der Zeit berichtet hatte, „Als der Krieg nach Baesweiler kam“, lässt er im zweiten die zu Wort kommen, die ab 1955 in das Land kamen, um dessen Wirtschaft wieder aufzubauen. Menschen wie Mustafa Piri.

Im heutigen Baesweiler war es vor allem Setterich, das durch die Ankunft der Arbeiter aus anderen Nationen gewaltig wuchs. Zunächst unterzeichnete Deutschland 1955 ein Anwerbeabkommen mit Italien, es folgten Spanien und Griechenland, 1961 kam die Türkei hinzu. Doch die Bezeichnung für die Neuankömmlinge war zugleich deren Schicksal: Gastarbeiter. Gekommen, um auf Zeit zu arbeiten – und dann wieder zurückzukehren in ihr Herkunfstland. Das war der Plan, an eine Integration oder an Hilfen im täglichen Leben dachte damals niemand.

 

Das hat auch Mustafa Piri zu spüren bekommen. „Ich sprach zu Beginn kein einziges Wort Deutsch“, sagt er. „Ich habe mich damals hier wie in einem offenen Gefängnis gefühlt.“ Nicht bloß gedanklich und wegen der Sprachbarriere. „In der Türkei hatte ich meine Freiheit, in Deutschland lebte ich mit Eltern und beiden Schwestern in einer zugewiesenen Wohnung, die knapp 50 Quadratmeter hatte.“

Es hat lange gebraucht, bis Piri Fuß gefasst hat in dem Land, das er heute seine Heimat nennt. „Doch jetzt bin ich hier glücklich“, sagt er, „auch wenn mich manche Leute immer noch schief ansehen.“ Nein, Angst habe er nicht, auch nicht mit Blick auf Dinge wie die Pegida-Märsche. „Dass es diese Ablehnung immer noch gibt, macht mich bloß wütend.“

Schief angesehen zu werden? Das war noch das Harmloseste, an das Arnold Beer sich erinnert. Dabei hatte er keine Sprachprobleme, als er nach Deutschland kam. Er stammt aus Oberschlesien, wurde 1937 geboren und war noch ein Kind, als nach dem Krieg die deutschstämmige Bevölkerung von der polnischen Verwaltung zunehmend unterdrückt und vertrieben wurde, wie er erzählt Doch erst 1957 durfte seine Familie das Land verlassen. Sie wurden zu Flüchtlingen.

Der Begriff „Willkommenskultur“ war noch lange nicht geprägt, als Arnold Beer in Essen die Tauglichkeitsprüfung für den Bergbau durchlief und schließlich unter Tage auf Emil-Mayrisch bei Aldenhoven-Siersdorf begann. „Die Menschen ließen mich bei der Arbeit und anderen Kontakten ständig spüren, dass ich aus dem Osten kam, dass ich ein Polacke sei“, sagt Beer. „Und Flüchtlingen und Gastarbeitern wurde oft vorgeworfen, dass wir immer alles bekommen und bevorzugt werden.“

Worte, die auch heute vom rechten Rand in die Mitte der Gesellschaft schwappen. Er schüttelt den Kopf. „Wahr war aber bloß, dass die Flüchtlinge vieles oder alles verloren hatten. Wir wollten einfach hart arbeiten, damit wir uns endlich wieder etwas leisten konnten.“ Und schon damals hat Beer solche Anfeindungen gekontert: „Während ihr Einheimischen am Wochenende lieber frei habt, arbeiten wir komplette Schichten!“ Das bedeutete gut 250 D-Mark mehr im Portemonnaie, sagt er.

Den Neid, den es damals gegeben habe, den gebe es bis heute. „Die Vorwürfe und Anfeindungen, denen wir Flüchtlinge ausgesetzt waren, erinnern mich sehr an die Situation der Flüchtlinge und vieler Migranten, die jetzt kommen.“ Schon deshalb sei er gern bereit gewesen, seine Lebensgeschichte zu erzählen. Um für Verständnis zu werben, für Offenheit. Für die Möglichkeit, miteinander zu leben, ohne sich aufzugeben. „Wenn in Deutschland von Integration die Sprache ist, wird leider oft Assimilation gemeint. Ich kann aber doch auch in einem anderen Land meine kulturelle Identität nicht einfach vergessen.“

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