Alsdorf - Erinnerung an 1945: Weihnachten neben den Bombentrichtern

Erinnerung an 1945: Weihnachten neben den Bombentrichtern

Von: Toni André
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Wie ein vorgezogenes Weihnachten: Die Amerikaner sind da, endlich ist der Krieg vorbei. Die Erleichterung steht Hilde Mickartz, vor dem Café rechts stehend, ins Gesicht geschrieben. Die Aufnahmen hat ein amerikanischer Kriegsberichterstatter im Oktober und November 1944 an der Bahnhofstraße gemacht. Repro: Alsdorfer Geschichtsverein
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Die Aufnahmen hat ein amerikanischer Kriegsberichterstatter im Oktober und November 1944 an der Bahnhofstraße gemacht. Repro: Alsdorfer Geschichtsverein
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Die Aufnahmen hat ein amerikanischer Kriegsberichterstatter im Oktober und November 1944 an der Bahnhofstraße gemacht. Repro: Alsdorfer Geschichtsverein
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Die Aufnahmen hat ein amerikanischer Kriegsberichterstatter im Oktober und November 1944 an der Bahnhofstraße gemacht. Repro: Alsdorfer Geschichtsverein
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Vor dem Krieg: Weihnachten 1927 „Am Dreieck“. Die Linie 15 fuhr bis nach Hoengen – bis zur Evakuierung im Jahr 1944. Rechts das ehemalige Postamt (bis 1938), davor der Kiosk Sevenich, der später an den Buschweg versetzt wurde. Repro: Toni Andre

Alsdorf. Weihnachten 1945. Ein bescheidenes, ja man kann sagen, ein armseliges Fest. Das Wort Armut beherrschte unsere Tagesordnung. Nicht nur in materieller, nein, auch in familiärer Hinsicht. Ehemänner, Väter, Brüder, viele davon waren gefallen, vermisst oder auch noch in Gefangenschaft.

Damals sehr ungewisse Schicksale, an die man sich in Gedanken an diesen Tagen erinnerte. Viele von ihnen hatte man seit Jahren nicht mehr gesehen. Es war auch nicht verwunderlich, dass viele Kinder ihre Väter bis dato nicht einmal kannten. Bei vielen dieser Menschen änderte sich dieses Schicksal nie, weil Vater oder Bruder aus dem nun Gott sei Dank beendeten Krieg nicht mehr zurück kamen. Trotzdem wurde fast in jeder Familie traditionsgemäß Weihnachten gefeiert, aber ganz anders, als es früher der Fall war. Man war ja erst wieder seit ein paar Monaten oder Wochen zu Hause in der alten Heimat. Mit Handwagen oder alten Kinderwagen voll bepackt, war man in vielen Fällen zu Fuß nach Hause „gepilgert“. Mit viel Strapazen auf dem langen Heimweg. Vielfach war das, was man mit nach Hause brachte, auch das einzige, was man noch besaß.

Die Straßen in Alsdorf waren übersät mit Granatlöchern und Bombentrichtern. Straßenbahn- und Zugverbindungen waren zerstört. Als wir den Fußweg von Herzogenrath bis nach Mariadorf zurücklegten, hatten wir Angst, dass unser alter klappriger Handwagen irgendwann zusammenbrechen würde. Unsere Blicke wurden immer trauriger, wenn wir an zerschossenen Häuserreihen vorbeizogen. Überall Trümmer, die unsere Wege dort begleiteten.

Bei uns zu Hause war die Situation nicht anders. Das Dach unserer Wohnung war zerstört. Es waren keine Fensterscheiben mehr vorhanden. In den Zimmern herrschte ein großes Chaos. Berge von Asche lagen auf den Böden, die Wände waren schwarz vom Kohlenruß. Man muss dazu wissen, dass Mariadorf damals fast sechs Wochen von Alsdorf aus unter Beschuss genommen wurde, ehe der Ort besetzt werden konnte. Die Soldaten, die in den Wohnungen gelebt hatten, benutzten die Feuerstelle parterre, um dann das Ofenrohr durch die Decke in das Obergeschoss zu leiten. Hierhin gingen dann die ganzen Rauchabzüge, damit die feindlichen Truppen keinen Rauch aus Schornsteinen sahen. Sie hätten sonst die Häuser sofort unter Beschuss genommen.

Aber bis Weihnachten waren unsere Wohnungen wieder in einen „komfortablen“ Zustand versetzt worden. Das Dach war mit Brettern zugenagelt, die Fenster mit Pappkarton abgedichtet, die Wohnung gesäubert.

Man bekam wieder zu Essen, was die Lebensmittelkarten so hergaben. Es war nicht viel, aber man verhungerte nicht. Für Kartoffeln oder oftmals auch Steckrüben stand man stundenlang in der Schlange. Es kam oft vor, dass – kurz bevor man an der Reihe war – alles vergriffen war.

So hatte Mutter zu Weihnachten das Notwendigste, das zu ergattern war, zusammengetragen. Wir hatten anstatt eines Tannenbaumes ein paar Zweige zusammengesteckt. Christbaumkugeln hatten wir keine. Buntes Papiergeschnipsel war unser Baumschmuck. Wir hatten zwar in unserer Nähe, hinter Gut Blumenrath, einen hübschen Tannenwald, wo viele schöne Christbäume standen. Aber leider war dieses Gebiet damals noch vermint.

Wenigstens hatten wir unseren kleinen „Volksempfänger“ aus der Evakuierung mit nach Hause gerettet, so dass wir wenigstens ein paar Weihnachtslieder des NDR (der heutige WDR), empfangen konnten, und kräftig mit einstimmten. Auf den Tellern lagen ein paar Äpfel, ein paar Walnüsse (wofür Mutter in Höngen bei Honnef lang angestanden hatte) und Haferflockenplätzchen. Weihnachten 1945.

Aber wir waren wieder zu Hause.

Dabei fällt mir grade ein, dass es heute auch viele Menschen gibt, die ein ähnliches Schicksal erfahren. Ihnen wünsche ich, sowie allen Menschen auf der Welt, dass Hoffnung und Frieden zukünftig ihr Leben bereichern möge.

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