Ericsson Eurolab in Kohlscheid: Jetzt kommunizieren Dinge miteinander

Von: Beatrix Oprée
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Vor einem Vierteljahrhundert wurde das Ericsson Eurolab in der ehemaligen Hauptverwaltung der Grube Laurweg begründet: Mittlerweile gibt es mehrere Erweiterungsbauten. Foto: Ericsson, Oprée
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Unter anderem 9000 Glasfaserverbindungen machen es möglich, dass weltweit täglich rund 1800 Ericsson-Ingenieure auf Mobilfunksoftware in Kohlscheid zugreifen, wie Eurolab-Chef Jan-Peter Meyer-Kahlen erläutert. Foto: Ericsson, Oprée
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„Ericsson Response“ heißt das Programm, mit dem sich der schwedische Telekommunikationskonzern in Katastrophengebieten engagiert. Seit vielen Jahren sind Eurolab-Ingenieur Lars Ruediger und vier Herzogenrather Kollegen dabei. Foto: Ericsson, Oprée

Herzogenrath. Eine bunt leuchtende Drohne kreist durch den Raum, landet, hebt ab, landet erneut und ... hebt wieder ab. Wenig spektakulär, sollte man meinen, doch die fünf Ingenieure, die das Ganze gespannt beobachten, sind zufrieden. Der elektronische Brummer tut genau das, was sie ihm aufgetragen haben. Die Formulierung von Datenstrukturen und Algorithmen ist ihr Alltagsmetier.

Aber wenn es darum geht, neue Ideen zu entwickeln, setzt sich offenbar auch bei Ingenieuren ein gewisser Spieltrieb durch. Das Kohlscheider Eurolab bietet seinen Mitarbeitern einen passenden Spielplatz: die „Ericsson Garage“, ein von einer modernen Sofaecke beherrschter Raum mit einer inspirierenden Glasvitrine, bis oben hin gefüllt mit Ericsson-Unikaten – vom Kurbeltelefon aus Pionierzeiten bis zu einem von Dr. Andreas Fasbender bereits 1999 entwickelten Tablet-Computer.

Auch der surrende Mini-Quadrokopter könnte eines Tages eine wichtige Mission erfüllen: mobile Kommunikation zu ermöglichen, wenn das normale Netzwerk – etwa aufgrund einer Katastrophe – vorübergehend nicht zur Verfügung steht. Denn die Mobilfunk-Ingenieure tüfteln neben ihrem Joballtag an Alternativen zur üblichen Datenübertragung.

Eine Drohne könnte das passende Medium sein, gekoppelt an eine Technologie, über die jedes Smartphone verfügt: Bluetooth oder Wifi. Als elektronische Brieftaube würde sie in abgeschnittene Dörfer fliegen, Handynachrichten aufnehmen, das nächste verfügbare Netzwerk ansteuern und die Infos absetzen. Noch ist dies Theorie, eines Tages könnte es gängige Praxis bei Hilfsorganisationen sein.

Immerhin 80 bis 100 Patente werden von Eurolab-Ingenieuren jedes Jahr angemeldet. Seitdem das Forschungs- und Entwicklungslabor vor 25 Jahren in Kohlscheid gegründet wurde, ist da einiges zusammengekommen.

„Ericsson gibt dem Grenzland Impulse“, titelte unsere Zeitung, als im Juni 1990 in der Stockholmer Zentrale des schwedischen Telekommunikationskonzerns die Entscheidung für den Herzogenrather Technologiepark gefallen war.

Umfangreiche Standortuntersuchungen in ganz Europa waren dem vorausgegangen, Kohlscheid punktete letztlich mit der Nähe zu RWTH und FH Aachen sowie dem Forschungszentrum Jülich als Garant für ein hohes Potenzial an hochqualifizierten Ingenieuren und Wissenschaftlern. Dazu kam die zentrale Lage zu Kunden in Europa und, das betonen die Akteure von heute: „eine gute Lebensqualität, in einer Region, die europäisch denkt“.

Innerhalb von drei Jahren, so die Maßgabe seinerzeit, sollten 500 Forscher in Kohlscheid tätig sein – was damals durch Rekrutierungskampagnen erreicht wurde und eine Mitarbeiterzahl darstellt, die sich bis heute im Wesentlichen gehalten hat: 550 sind es derzeit, will heißen, das Eurolab hat auch die konzernweite Transformationsphase im vergangenen Jahr fast unbeschadet überstanden.

Auch dank gelungener Auftragsakquise durch Eurolab-Leiter Jan-Peter Meyer-Kahlen und seine Manager, in deren Folge Mitte des vergangenen Jahres der Zuschlag für die Gründung eines weiteren Kompetenzzentrums, des Cloud Labs, erfolgte. Ministerpräsidentin Hannelore Kraft reiste Mitte Juli 2015 zur feierlichen Eröffnung an.

Jan-Peter Meyer-Kahlen kam vor 25 Jahren selbst als frischgebackener RWTH-Absolvent zum Konzern. „Auch wenn man Ericsson hierzulande kaum kannte und es Mobiltelefone als Massenprodukt noch nicht gab: Auf das Gerücht hin, dass hier vor Ort ein Entwicklungszentrum errichtet werden solle, hat man sich eben beworben“, erinnert er sich im Gespräch mit unserer Zeitung.

Und so wurde Meyer-Kahlen ein typisches Abbild des Ericsson-Mitarbeiters, der erst technisch arbeitet, dann ins Management aufrückt und längere Zeit auch im Ausland tätig ist. Bei Meyer-Kahlen waren es drei Jahre in Kanada und fünf Jahre in Schweden. Seit anderthalb Jahren ist er Eurolab-Chef in Kohlscheid.

Die internationale Ausrichtung wird von jedem Ericsson-Mitarbeiter erwartet, ebenso wie der offene, anwendungsorientierte Blick in die Welt, „um immer drin zu bleiben im permanenten Entwicklungsprozess am Markt“, wie Ericsson-Sprecher Hans-Peter Ott es formuliert.

Und die ist seit der ersten Generation, der analogen Telefonie, rasant verlaufen: 2G, die Digitalisierung, ging einher mit der „Mobilisierung“ per GSM (Global System for Mobile Communications), an der Ericsson durch den Auftrag des Großkunden Mannesmann Anfang der 90er Jahre maßgeblichen Anteil hatte. 3G brachte mit dem Universal Mobile Telecommunications System (UMTS) deutlich höhere Datenübertragungsraten, gefolgt von der vierten Generation, LTE. „Das Schöne dabei ist “, so führt Innovation-Manager Dr. Norbert Niebert vor Augen, „von Herzogenrath aus ist die digitale Welt entscheidend mitgeprägt worden.“

Jetzt hat das Eurolab mit 5G den nächsten Mobilfunk-Meilenstein im Visier, das Internet der Dinge (Internet of Things = IoT). „Es geht um den Ausbau von Netzleistungen, die es Industrien erlauben, mit dem mobilen Internet zu arbeiten“, erklärt Jan-Peter Meyer-Kahlen. Stichwort: Industrie 4.0. Die Anwendungsmöglichkeiten sind schier unendlich, Automobilsektor und Energiewirtschaft nur zwei Beispiele. „Schon heute sind in vielen Autos vier bis fünf Mobilfunk-Module verbaut“, sagt Meyer-Kahlen.

Doch fürs avisierte automatisierte Fahren müssen noch entscheidende Hürden genommen werden: Latenzzeiten müssen aufs Minimum reduziert werden, um eine reibungslose, sprich unfallfreie Kommunikation zwischen Fahrzeugen, Ampeln und allen möglichen anderen denkbaren Geräten zu ermöglichen. Niebert: „Da kommt es auf Millisekunden an.“

Hochempfindlich stellen sich auch Anwendungen bei der Windenergie dar, der Notwendigkeit zu dezentraler Steuerung folgend. Meyer-Kahlen: „Windräder, die nicht richtig gesteuert werden, können ganze Netze zum Zusammenbruch bringen.“

Und wo findet der blitzschnelle Datenaustausch statt? Über eine Cloud, die höchste Sicherheitsstandards erfüllen muss. Diese Standards aufzubauen, ist eine Mammutaufgabe, der sich das Kohlscheider Cloud Lab ambitioniert stellt. Ein Paradigmenwechsel, den die Ericsson-Ingenieure wieder bewältigen werden – spielerisch leicht.

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