Er wollte trösten und wurde zum Opfer

Von: Holger Bubel
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Alsdorf. Andreas Plum ist verbittert: „Zivilcourage wird eingefordert, helfen, wenn jemand in Not ist. Doch was geschieht, wenn das mal schief geht? Wenn der Helfer selbst zum Opfer wird?”, fragt der 38-Jährige.

Er meint damit nicht die jüngsten Fälle, in denen Menschen in U-Bahnen oder Bahnhofstationen scheinbar wahllos oder eben, weil sie helfen wollten, herausgepickt und zu Tode getreten werden. Andreas Plum wurde selbst vom Helfer zum Opfer, weil er trösten, schlichten und schützen wollte. Dass nach solch einem Versuch von einer Sekunde auf die andere nichts mehr so ist, wie es war, mit dieser Erkenntnis muss der Aldenhovener seither leben. Und mit dem Gefühl des Alleingelassenseins.

Weinende junge Frau

Was war geschehen? Andreas Plum erzählt: Am 14. November des vergangenen Jahres, nachts um halb vier, wartete er nach der Motto-Party „Winterzeit” gemeinsam mit einem Freund vor dem Alsdorfer Cinetower auf ein Taxi, als er eine weinende junge Frau auf einem niedrigen Pflanzstein sitzend bemerkte: „Die schluchzte nicht so ein bisschen, das war schon ein recht bitterliches Weinen.” Plum kniete sich neben die junge Frau und fragte, ob er ihr helfen könne, redete auf die etwa 20-Jährige beruhigend ein. Ihr Gesicht konnte er hinter langen blonden Haaren nicht erkennen. Stattdessen bemerkte er einen jungen Mann, etwa Mitte 20, der neben ihn getreten war und ihn barsch aufforderte, seine Freundin in Ruhe zu lassen. Die Situation drohte da bereits zu eskalieren, sagt Plum: „Ich hatte das Gefühl, der wollte der Frau ans Leder, ich wollte ihr beistehen. Ich hatte Angst, dass eine Gefahr von diesem Mann für sie ausgeht.”

Nun ist Andreas Plum mit 1,92 Metern Körpergröße keine kleine Gestalt, „doch handgreiflichen Auseinandersetzungen bin ich immer schon aus dem Weg gegangen”. Eine nachvollziehbare Strategie, kann bei dem 38-Jährigen als Hämophilie-Patient (Bluter oder auch Marcumar-Patient) schon eine kleine Verletzung lebensbedrohliche Folgen haben. Auch in diesem Fall sah es so aus, als würde sich die Situation beruhigen, nach wüsten Beschimpfungen und einem verbalen Scharmützel zogen der junge Mann, die vermeintliche, immer noch weinende Freundin und weitere zu dieser Gruppe gehörende Personen von dannen.

Was dann passierte ist für den 38-Jährigen immer noch unbegreiflich: „Ich wartete mit meinem Kumpel weiter auf ein Taxi, als ich zu meiner Rechten eine Person bemerkte, die zu mir sagte ?Jetzt mach ich dich kalt. Dann spürte ich nur noch einen kalten, wuchtigen Schlag im Gesicht.”

Wie ärztliche Befunde darlegen, handelte es sich vermutlich um einen Stein, der den Schlag, der fortan Andreas Plum immer wieder mit Alpträumen aus dem Schlaf hochschrecken lässt, verursacht hatte. Der Befund weiter: Trümmerfrakturen an der Nase, eine gebrochene Augenhöhle, einen doppelten Kieferhöhlenbruch, eine Gehirnerschütterung und Prellungen - insgesamt mussten die Chirurgen elf Frakturen im Gesicht von Andreas Plum richten.

Immer noch Schmerzen

Zahlreiche stationäre und ambulante Aufenthalte vom Augenarzt bis zum Kieferorthopäden folgten in den kommenden acht Monaten. „Ich bin meinem Arbeitgeber, meiner Familie und meinen Freunden dankbar, dass sie mich besonders in dieser schweren Zeit unterstützt haben, und das auch weiterhin tun”, sagt Andreas Plum. Denn er hat immer noch Schmerzen im Gesicht, die ihn nahezu handlungsunfähig machen. An den „Weißen Ring” hat er sich gewandt, einen Rechtsanwalt beauftragt. Die Folgen dieses Angriffs führen ihn noch regelmäßig zu Ärzten und in Krankenhäuser. Mit Traumabehandlungen und Psychotherapie muss er sein seelisches Ungleichgewicht wieder in geregelte Bahnen bringen. Titanplatten unter der Gesichtshaut wird Andreas Plum sein Leben lang behalten. Zu groß ist das Risiko einer weiteren OP.

„Und von der Polizei höre ich nichts”, beklagt sich Andreas Plum nun. Dabei meint er, den Täter eindeutig identifiziert zu haben: „Auf einer Homepage habe ich ihn bei den Partybildern der Veranstaltung erkannt”, sagt er und fragt sich, warum die Mühlen der Justiz so langsam mahlen.

Paul Kemen, Pressesprecher der Polizei Aachen, kann die subjektive Betroffenheit des 38-Jährigen durchaus nachvollziehen, doch: „Die Ermittlungen in solch einem Fall sind oftmals langwierig. Es müssen viele Zeugen befragt werden. Schließlich muss die Polizei eine Empfehlung an die Staatsanwaltschaft aussprechen. Und die sollte gut recherchiert sein.” Die umfangreichen Ermittlungen hätten bis in die Niederlande geführt, doch bislang, so sagt der Polizeisprecher, hätten sie nicht zur Untermauerung der Täter-Angaben durch Andreas Plum geführt. „Keiner der bislang Befragten kann zweifelsfrei bestätigen, dass der vom Opfer als Täter identifizierte Mann tatsächlich der Täter ist.”

Immer noch mehr Zeugen

Dr. Jost Schützeberg von der Staatsanwaltschaft bestätigt die Ausführungen von Polizeisprecher Kemen. Die Akten wurden zweimal an die Polizei Alsdorf zurückgeschickt, mit dem Auftrag, weitere Zeugen zu vernehmen. „Das ist aber nicht ungewöhnlich”, bekräftigt der Staatsanwalt: „Ermittlungen im öffentlichen Raum sind in einem solchen Fall sehr aufwändig, besonders wenn die Tat nachts geschehen ist.”

Hinzu komme ein merklicher Anstieg von Gewaltdelikten von fragwürdiger Qualität, die Polizei und Staatsanwaltschaft derzeit über das Normalmaß beanspruchen, heißt es aus Justizkreisen. Noch steht die Befragung einer weiteren Personen aus, dann geht die Akte wieder an die Staatsanwaltschaft.

Einstellung oder Anklage?

Das soll laut Pressestelle im kommenden Monat der Fall sein. Ob es dann zu einer Anklage und einem Gerichtsverfahren zur Aufklärung des Angriffs auf Andreas Plum kommt, hängt von den endgültigen Ermittlungsergebnissen und der Einschätzung der Staatsanwaltschaft Aachen ab. Eine Einstellung des Verfahrens ist offenbar derzeit ebenso möglich wie eine Anklage.

Wie dieser tragische Fall auch ausgehen wird, Andreas Plum ist überzeugt: „Ich würde wieder helfen. Man darf nicht weggucken, wenn jemand in Not ist oder bedroht wird. Doch wenn der Helfer zum Opfer wird, sollte dieser mehr Untzerstützung erfahren.”
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