Alsdorf - Entwidmung: Nach der Trauer keimt die Hoffnung auf

Entwidmung: Nach der Trauer keimt die Hoffnung auf

Von: Sigi Malinowski
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Gemeinsam am Altar: Heinz Wolke (v.l.), Ulrich Eichenberg, Elisabeth Peltner und Stephan Saffer.
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In Busch werden die Altargegenstände eingesammelt: Sie sollen in der Martin-Luther-Kirche einen neuen Platz finden.
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Auch die Krippe zieht um: Pfarrer Ulrich Eichenberg freut sich über die tatkräftige Unterstützung auch der jüngeren Gemeindemitglieder.
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Die Ofdener ziehen in die Martin-Luther-Kirche ein: Dort wird der Gottesdienst mit der ganzen Alsdorfer Gemeinde feierlich fortgesetzt. Foto: Sigi Malinowski

Alsdorf. Wer nimmt den Jesus denn aus der wunderschönen Krippe? Bei dieser Frage, die Pfarrer Ulrich Eichenberg stellt, fliegt direkt eine Kinderhand hoch. Auch bei anderen Gegenständen, wie Taufbecken, Weinkelch, Kerze und weiteres Mobiliar, braucht der Pfarrer nicht lange um Mithelfer für den Umzug zu suchen.

Die Buscher Kirchengemeinde rückt in diesen Minuten so zusammen, wie es enger nicht sein kann. Die Immanuel-Kirche, am 18. Dezember 1960 zum vierten Advent eingeweiht, ist entwidmet. Ein einzigartiger Vorgang, bei dem sich niemand auch nur annähernd wohlfühlt. Samstag gegen 17 Uhr lässt Küsterin Silke Sistermanns zum letzten Mal die Glocken läuten. Mit welchem Gefühl, das braucht nicht näher beschrieben zu werden. Die Frau, die mit ihrem Mann Gerd in dritter Generation die Küsterstelle ausfüllt, ist einfach nur verzweifelt und weiß nicht, wo sie hinschauen soll.

45 Minuten zuvor: Hausherr und Pfarrer Ulrich Eichenberg betritt die hübsche und kleine Kirche. Etwa 70 Gläubige haben sich bereits aufs Bänklein gesetzt und schauen fast gemeinsam nach unten. Gleich werden sie ihre Kirche für immer verlassen müssen. Manche von ihnen sind hier getraut, getauft worden oder haben einfach nur ihre Gottesdienste in diesem modernen und doch gemütlichen Gotteshaus gefeiert. Sie wollen keinen Abschied nehmen. Aber ebenso wie ihre Ofdener Leidensgenossen, die zu gleichen Momenten der Entwidmung beiwohnen, werden sie es tun müssen. Für manche ist das fast ein Akt der Brutalität, wie ihre Gesichter das nachzeichnen. Organistin Olga Loosen tastet mit feinen Fingern die letzten Lieder. Ulrich Eichenberg sucht nach Worten, die Trost spenden sollen. Er ruft den Herrn an und bittet: „Stärke unsere Hoffnung!“ Er begleitet diesen Wunsch mit den Worten: „Öffne unsere Herzen für das, was Du uns zu sagen hast“.

Keiner dreht sich noch mal um

Dann gibt es einen geschichtlichen Rückblick der Evangelischen Kirchengemeinde Alsdorf. Nur eine Zahl, die Eichenberg nennt, schneidet sich tief ins Fleisch der Christen. „1962 waren es noch 8200 Gemeindemitglieder. Heute zählen wir 3850 mit weiter rückläufigem Trend.“ Eichenberg bemerkt: „Wir alle haben unsere eigene Geschichte mit dieser Kirche“. Wenn es „erlaubt“ wäre, hätten sicherlich einige in diesem Moment Beifall geklatscht. Denn da hat er allen aus den Herzen gesprochen. So wie das ein paar Kilometer weiter in der Ofdener Paul-Gerhardt-Kirche gerade Pastorin Elisabeth Peltner ausdrückt. Auch hier sieht man kaum ein Lächeln. Um 17.08 Uhr, zum endgültigen Ende, bekennt Ulrich Eichenberg: „Es tut mir unendlich weh, jetzt diesen Abschiedsgottesdienst halten zu müssen“. Es gibt niemanden, der das bezweifelt. Aber auch niemanden, der sich noch mal umdreht. Um so die Fassung zu bewahren. Ofden hinterlässt die geschlossene Paul-Gerhardt-Kirche, Busch weint innerlich um die Immanuel-Kirche.

Also eilt man zu den Autos, und fährt in die Stadtmitte. Sie machen sich auf zum neuen Zentrum der Gemeinde, um feierlich ihr Altargerät und die anderen Dinge hineinzutragen, zur Martin-Luther-Kirche. Ulrich Eichenberg und Elisabeth Peltner leiten hier gemeinsam mit dem Prädikanten Dr. Stephan Saffer und Gemeindepädagoge Heinz Wolke den Entwidmungsgottesdienst. „Wir haben die Gottesdienste so gestaltet als Zeichen, dass wir alle die Martin-Luther-Kirche jetzt als unsere Kirche mitnehmen“, sagte Eichenberg und ergänzte. „Dabei wollen wir auch deutlich machen, dass wir etwas mitnehmen und auch mitbringen“. Elisabeth Peltner wandte sich an die Gemeinde mit den Worten: „Der Weg hierher war für manche von uns ein sehr schwerer Weg. Aber wir sind ihn nicht alleine gegangen.“ So baut sie auf Gott. „Das wird uns stärken“. Die Gemeinde brauche Hoffnung, plädiert sie für den Aufbruch.

Auch Heinz Wolke bekannte, „dass der heutige Tag für uns ein einschneidendes Erlebnis bedeutet“. Aber auch er sieht Perspektiven. Und das veranlasste die Geistlichen dann auch darum zu bitten: „Gott möge uns seinen Geist schicken, der uns Beine macht, wenn es nötig ist“. Ein bisschen fröhlicher wurde es dann auch, als die Musiker des Kreises „Piccola Scala“ aufspielten. Die kleine Tonleiter. Es kann ja mal – symbolisch auf Alsdorfs evangelische Kirchengemeinde gemünzt– eine ganz große werden . . .

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