Baesweiler - Entsetzen über dreisten Glocken-Diebstahl

Entsetzen über dreisten Glocken-Diebstahl

Von: Stefan Klassen
Letzte Aktualisierung:
Da war alles noch intakt: Gloc
Da war alles noch intakt: Glocke und Kupferdach gibt es leider nicht mehr.

Baesweiler. Plötzlich musste alles ganz, ganz schnell gehen. Aus dem Osten rückte die Front vor, und es mögen nur noch drei oder vier Tage gewesen sein, die den Bürgern des siebenbürgischen Ortes Tschippendorf zur Flucht blieben.

„Immer Richtung Westen” machten sich die vielleicht 250 Menschen aus Tschippendorf am 19. September 1944 auf, erinnert sich der Settericher Michael Ohler. Auch er - damals ein Knirps von gerade einmal vier Jahren - musste mit seiner Familie den Heimatort in Rumänien verlassen. Auf Wagen, gezogen von Pferden und auch Ochsen, brachten die Flüchtlinge nur das Allernötigste unter: sich selbst, Kleidung, einige wenige persönliche Dinge - und eine bronzene Glocke, die bis dahin seit 1926 in der Tschippendorfer Volksschule ihren Dienst verrichtet hatte.

Die Flüchtlinge nahmen die zusätzliche Last auf sich, die 21 Kilogramm schwere Glocke mit in ihre unbestimmte Zukunft zu nehmen. „Als letzte Erinnerung an Tschippendorf”, sagt Michael Ohler. Bei Gottesdiensten während der Flucht wurde sie angeschlagen.

Die Glocke wurde den Flüchtlingen zum treuen Begleiter. Mitte November 1944 fand der Treck im oberösterreichischen Vorchdorf bei Bauern, in Schulgebäuden und anderen Sälen eine Unterkunft. Dort lebten sie als Staatenlose, bis im Jahr 1954 etwa die Hälfte der Ex-Tschippendorfer dem Ruf nach Arbeitskräften ins boomende Aachener Steinkohlerevier folgte. Ihre neue Heimat: Setterich. Auch die Glocke zog mit in den Westen Westdeutschlands: Sie bekam 1957 einen Platz als Totenglocke auf dem Settericher Friedhof.

Bis sie in der vergangenen Woche gestohlen wurde. Auch das sie schützende Kupferdach - 2006 nach großem Engagement des Settericher Geschichtsvereins errichtet - fiel den rabiaten Metalldieben zum Opfer. Die ehemaligen Tschippendorfer sind entsetzt.

„Ich bin sehr betrübt. Das ist ein unersetzbares Stück”, sagt Ohler, dessen mittlerweile verstorbener Nachbar, Michael Weber, die Glocke einst eigenhändig in der Heimat abmontiert und dann transportiert hatte. „Der Diebstahl bewegt viele Leute sehr.”

Diese Erfahrung hat auch der evangelische Pfarrer Ulrich Schuster gemacht. Seine Gemeinde war Mitte der 50er Jahre von den protestantischen Ankömmlingen aus Tschippendorf quasi gegründet worden. „Deshalb ist die Empörung sehr, sehr groß”, wie am Sonntag auch am Rande des Gottesdienstes deutlich geworden sei. „Die Glocke war ein Symbol für das Gemeinschaftsgefühl, das sich in den fast 60 Jahren hier in Setterich entwickelt hat. Sie war ein Bindeglied zu den Wurzeln vieler Menschen.”

Nun ist sie verschwunden, die Tschippendorfer Glocke. Und kaum einer glaubt ernsthaft daran, das ideell so immens wertvolle Stück jemals wieder läuten hören zu können.

Pfarrer Schuster hat den Menschen deshalb in seiner Predigt geraten, den Blick nach vorne zu richten. Eine neue Glocke solle her, ja. Aber nicht unter dem Leitthema Tschippendorf. Vielmehr könne das gemeinsame Gestalten der Zukunft in Setterich im Fokus stehen, schlägt Schuster vor. Ihm schwebt vor, zu diesem Zweck mit anderen Akteuren in der Stadt „in den nächsten Monaten Geld zusammenzubringen”, damit eine neue Glocke angeschafft werden kann.
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