Baesweiler - Engagement im „Weißen Ring“: Hans Jahn über seine Erfahrungen

Engagement im „Weißen Ring“: Hans Jahn über seine Erfahrungen

Von: Stefan Schaum
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Opfern von Raub und Gewalt zur Seite stehen: Seit sieben Jahren engagiert sich der Baesweiler Hans Jahn im Weißen Ring. Foto: Stefan Schaum

Baesweiler. Nach der Tat beginnt für viele Opfer von Überfällen, von Raub oder Vergewaltigung die schlimmste Zeit. Wenn sie alleine sind – und mit Furchtbarem fertig werden müssen. Umfangreiche Hilfen bietet der Weiße Ring ihnen an. Bald auch in einer Sprechstunde in Baesweiler. Darüber spricht Hans Jahn, Mitarbeiter der Außenstelle Aachen-Städteregion, im Wochenend-Interview.

Sie engagieren sich für die Opfer von Kriminalität. Was hat Sie dazu gebracht? Gab es eigene Erfahrungen mit Gewalt?

Jahn: Keine eigenen, aber in meinem Bekanntenkreis gab es einen ganz schrecklichen Fall. Der Sohn einer Bekannten wurde vor sieben Jahren ermordet. Die Mutter hatte sich damals verzweifelt an mich gewandt, wusste nicht, wie sie damit umgehen kann, wo sie Hilfe bekommt. Ich habe dann die Polizei kontaktiert, die mir gleich den Weißen Ring empfohlen hat. Dorthin habe ich meine Bekannte begleitet und einige Gespräche geführt. Anschließend meinte ein Mitarbeiter zu mir: „Das haben Sie gut gemacht. Wollen Sie uns nicht auch künftig unterstützen?“ Und so blieb ich dabei.

Waren Sie denn beruflich vorbelastet?

Jahn: Vielleicht ein wenig. Ich war früher handwerklich tätig, in der Elektrobranche. Die letzten 15 Berufsjahre war ich als Betriebsrat freigestellt – bei dieser Aufgabe lernt man wohl ganz gut, mit Menschen umzugehen, Dinge zu regeln.

Aber die Erfahrungen, die Opfer zum Beispiel bei einer Vergewaltigung machen, haben doch eine völlig andere Dimension als Unstimmigkeiten in einem Betrieb.

Jahn: Sicher. Und in vielen Fällen, die ich bislang erlebt habe, war ich auch sehr betroffen. Jetzt gerade wieder. Ich betreue den jungen obdachlosen Mann, der in Alsdorf von drei Tätern misshandelt und schwer verbrannt wurde. Eine Ärztin hatte sich an uns gewandt und gefragt, ob wir ihn unterstützen. Das Leid dieses Opfers zu sehen, ist hart. Aber man darf es nicht zu sehr an sich ranlassen, das ist klar. Ein wichtiges Gefühl kann ich in jedem Fall vermitteln, und das steht über allem anderen bei unserer Arbeit: Dass das Opfer erkennt, das man ihm helfen will.

Ist das denn nicht der Normalfall?

Jahn: Nein, leider nicht. Das Opfer bleibt häufig auf der Strecke, wird alleingelassen, muss selbst schauen, wo es Hilfe bekommt. Aber nicht jeder kann dramatische, einschneidende Erlebnisse auch verarbeiten.

Welcher Weg führt zum Weißen Ring?

Jahn: Mancher kommt von selbst auf uns zu, weil er schon zuvor von uns gehört hat, oft raten Angehörige dazu. Oder die Polizei, die einer unserer vielen Kooperationspartner ist.

Ist der Weiße Ring bekannt genug?

Jahn: Unbekannt ist er sicher nicht – aber bekannter kann er durchaus noch werden. Deshalb wollen wir ja jetzt mehr Präsenz zeigen.

Und bieten erstmals Sprechstunden an.

Jahn: Genau. Bislang ist es in unserer Außenstelle wie in vielen anderen so, dass ein Erstkontakt per Telefon zustande kommt. Ein Opfer oder ein Angehöriger ruft uns an, dann wird in der Regel ein Gesprächstermin in der Wohnung des Opfers vereinbart. Es kann aber vorkommen, dass einem Hilfesuchenden das schwer fällt. Weil er sich nach einem Überfall in der Wohnung vielleicht fürchtet, einen Fremden dort zu sehen. Oder es selbst kaum noch aushält, dort zu sein. Da kann es sicher sehr hilfreich sein, dass es eine Anlaufstelle an einem neutralen Ort gibt.

Den haben Sie im Internationalen Technologie- und Servicecenter gefunden. Warum ausgerechnet in Baesweiler? Sind die Opferzahlen dort etwa so hoch?

Jahn: Nein, das ganz sicher nicht (lacht). Das hat vor allem mit der Erreichbarkeit zu tun. Ich selbst bin vor kurzem in diese Stadt gezogen, da war es einfach naheliegend, vor Ort Kontakte zu knüpfen. Und Bürgermeister Dr. Willi Linkens hat das Anliegen gleich sehr eifrig unterstützt und dem Weißen Ring einen passenden Raum angeboten. Der steht Hilfesuchenden aber aus dem gesamten Nordkreis offen.

Wer kann und sollte dorthin kommen?

Jahn: Jeder, der Opfer von Kriminalität geworden ist. Angefangen vom Handtaschenraub bis zur schweren Misshandlung. Auch um Prävention kann es gehen. Wer etwa mit Mobbing zu tun hat oder von einem Stalker verfolgt wird, kann sich ebenfalls an uns wenden.

Und Sie sind eine Art Wegweiser, der zu Therapeuten und anderen Spezialisten vermittelt?

Jahn: Zum Beispiel. Es gibt ein großes Netzwerk, in dem wir uns bewegen. Wir können aber auch aufzeigen, welche Ansprüche ein Opfer hat. So wissen nur die wenigsten, dass ihnen laut Opferentschädigungsgesetz bestimmte Hilfen zustehen. Da können wir bei der Antragstellung helfen. Oder wenn jemand nach einem Einbruch so traumatisiert ist, dass er nicht mehr in der Wohnung leben kann – auch dann gibt es Möglichkeiten, Unterstützung auf den Weg zu bringen. Wir verstehen unser Angebot im Grunde als Hilfe zur Selbsthilfe. Wir versuchen, die Folgen der Tat zu lindern.

Rechnen Sie mit großer Resonanz auf die Sprechstunde?

Jahn: Wir schauen einfach mal, wie es sich entwickelt. Andere Außenstellen haben aber sehr gute Erfahrungen damit gemacht. Und es hat ja auch Symbolwert. Wir zeigen Präsenz, suchen die Öffentlichkeit. In Baesweiler sind wir Anlaufstelle für Opfer aus dem gesamten Nordkreis. Eine weitere Sprechstunde ist dann für die Stadt Aachen geplant. Auch in Eschweiler oder Stolberg wollen wir in absehbarer Zeit ein Angebot haben.

Das lässt sich stemmen? Gibt es dafür genug Helfer?

Jahn: Mehr können es immer sein. Aber wir sind mit derzeit 16 Ehrenamtlern für die Städteregion ganz gut aufgestellt.

Wie wird man zum Helfer?

Jahn: Indem man zunächst unsere Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen bei Gesprächen mit Opfern begleitet. Dabei merkt man in der Regel rasch, ob dieses Ehrenamt das Richtige ist. In dem Fall gibt es ein Wochenendseminar, das auf künftige Einsätze vorbereitet. Wer sich vor der Arbeit mit Opfern scheut, kann uns in anderer Weise unterstützen. Etwa bei der Pflege unserer Homepage oder in der Öffentlichkeitsarbeit.

Steigt die Zahl der Ratsuchenden? Nimmt die Kriminalität aus Ihrer Sicht zu?

Jahn: Das kann man nur sehr schwer sagen. Mal kommen zwei, drei Tage gar keine Anrufe, dann plötzlich fünf an einem Tag. Und es meldet sich ja längst nicht jeder. Was ich beobachte, ist, dass die Brutalität zunimmt. Täter, die Gewalt anwenden, sind immer skrupelloser. Man glaubt gar nicht, wie schnell man zum Opfer werden kann. Da ist es wichtig, jemanden zu finden, der einem helfen kann.

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