Alsdorf - Elektromobilität: „An unausgereifter Technik liegt es nicht“

Elektromobilität: „An unausgereifter Technik liegt es nicht“

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Stephan Nagel, passionierter Elektromobilist, mit seinem ausgemusterten Auto der französischen Post. Der 61-Jährige wird mit seinen Vereinsfreunden am Dienstag, 23. Mai, beim Forum „Nachhaltige Mobilitätsentwicklung“ zugegen sein und für Auskünfte zur Verfügung stehen. Foto: V. Müller

Alsdorf. Als Überzeugungstäter muss man Stephan Nagel (61) wohl bezeichnen, schließlich ist er schon seit mehr als 20 Jahren elektrisch unterwegs und außerdem Vorsitzender von „VERA“ – dem Verein der Elektromobilfreunde in der Region Aachen mit Sitz in Alsdorf. Einer Selbsthilfegruppe, wenn man so will. Hier tauscht man sich aus, hier berät man „Neu-Elektromobilisten“.

Mitglied werden kann nur, wer ein Elektroauto oder einen anderen elektrisch betriebenen Untersatz besitzt. Über seine Erfahrungen mit der Technik sprach Verena Müller mit ihm vor dem Forum „Nachhaltige Mobilitätsentwicklung“, das am Dienstag, 23. Mai, im Alsdorfer Energeticon stattfindet:

Herr Nagel, warum fahren immer noch so wenige Elektroautos auf unseren Straßen? Liegt es an der nicht ausgereiften Technik?

Stephan Nagel: Was heißt nicht ausgereift? Den elektrischen Antrieb gibt es schon ewig. Sie werden in keiner Küche einen Mixer finden, der mit Verbrennungsmotor betrieben wird. Und auch in der Verkehrstechnik ist er lange etabliert. Denken Sie mal an Straßenbahnen. Sie könnten auch so fragen: Warum fahren in Norwegen so viele Elektroautos, aber im Hochtechnologie-Land Deutschland nicht? Liegt das an den Herstellern oder daran, dass die Nutzer die Autos nicht nachfragen?

Sie wissen genau, was ich meine. Ich spiele auf die Speicherkapazitäten der Akkus an.

Nagel: Ja, in dem Punkt wird es natürlich ein bisschen knifflig, das gebe ich zu. Die alten Bleiakkus waren schwer und hatten eine geringe Kapazität. Die neueren Lithium-Ionen-Akkus haben zwar eine größere Kapazität, aber nur eine Lebensdauer von geschätzt zehn Jahren. Und wenn man sich die Ladeleistung anschaut, so muss man ehrlicherweise sagen, dass man nur mit einem Zusatzladegerät innerhalb von einer Stunde wieder einen vollen Akku hat.

Und dann muss man nach 80 Kilometern trotzdem wieder laden.

Nagel: Das kommt zwar ein bisschen auf das Modell an, aber grundsätzlich: ja. Es sei denn, sie bauen einen zweiten Akku ein. Damit erhalten Sie logischerweise die doppelte Reichweite. Für mich zum Beispiel ist eine Reichweite von 80 Kilometern wirtschaftlich sinnvoll. Viele Fahrzeuge bei uns im Verein haben aber auch schon Reichweiten von weit über 100 bis hin zu deutlich über 200 Kilometern.

Akkus sind mit das teuerste an Elektroautos, und – wie Sie schon sagten – von begrenzter Lebensdauer.

Nagel: Warum das für die Hersteller so ein Problem ist, kann ich auch nicht sagen.

Nichtsdestotrotz sind Sie überzeugter Elektromobilist. Wie kam es dazu?

Nagel: Durch Zufall. Ich war mit meiner Familie auf dem Weg in den Urlaub und hatte in Hamm einen Zwischenstopp eingelegt. Dort haben wir eine Solarausstellung besucht, bei der man Elektro-Kabinenroller probeweise fahren durfte. Das war ein tolles Gefühl! Allerdings war mir die Anschaffung erst noch zu teuer, das Ganze zu unzweckmäßig. Aber als Zweitwagen habe ich mir 1995 dann doch einen zugelegt.

Und den fahren Sie immer noch?

Nagel: Ich besitze den noch, heute bin ich aber mit einem Berlingo hier. Von der französischen Post ausgemustert und ziemlich zerbeult, aber er fährt gut. Sind Sie schon mal mit einem Elektroauto gefahren?

Nein.

Nagel: Das müssen Sie mal machen! Kein Motorgeräusch, kein Schalten ... Wenn Sie damit durchs Rheintal fahren und die Vögel singen hören ... Es ist ein leichtes und leises Dahingleiten.

Okay, überredet. Es tut zwar nichts zu Sache, aber ich überlege eh, umzusteigen. Insofern hatten Sie gerade leichtes Spiel.

Nagel: Beim Forum sind wir mit unseren Autos vertreten. Da kann sich jeder gerne bei uns informieren und auch eine Probefahrt machen. Oder, wenn er an dem Tag keine Zeit oder Gelegenheit hat, bei unserem Stammtisch vorbeischauen.

Guter Hinweis. Aber noch mal zu den kritischen Punkten zurück. Von den Reichweiten der Autos abgesehen, ist das Netz an Ladestationen wohl noch ausbaufähig.

Nagel: Sagen wir es so: Inzwischen ist es kein Problem mehr, weite Strecke zu bewältigen. Es hängt aber vereinfacht ausgedrückt ein bisschen davon ab, welchen Stecker das Fahrzeug hat und auch, wann man unterwegs ist.

Inwiefern?

Nagel: Vom Ladestationen-Netzwerk der RWE-Tochter Innogy mal abgesehen, sind nicht alle Stationen rund um die Uhr zugängig und freigegeben. Ein großer Discounter zum Beispiel hat seine Ladestationen nur zu den Ladenöffnungszeiten in Betrieb. Es kann auch passieren, dass sich eine Station auf einem Betriebsgelände befindet und das Tor am Wochenende geschlossen ist. Alles schon vorgekommen. Es gibt noch ladenetz.de, dem sich einige Energieversorger angeschlossen haben und das als zuverlässig gilt. Das nutze ich persönlich aber nicht, deshalb kann ich dazu nicht viel sagen.

Trotz dieser Unwägbarkeiten gibt es Unbeirrbare, die das Abenteuer wagen (lacht).

Nagel: Ja, wir haben ein Mitglied, das 60000 Kilometer im Jahr fährt, andere fahren 40000 oder 50000. Das geht also schon. Eine gute Adresse ist dabei auch die sogenannte Drehstromliste. Das ist ein privates, leistungsfähiges Ladenetz.

Denken wir mal in die Zukunft. Angenommen, alle fahren elektrisch, das Ladepunktenetz ist hervorragend ausgebaut – manche befürchten, dass dann die Stromkosten in die Höhe schnellen, weil deutlich mehr Strom nachgefragt wird.

Nagel: Das ist ein weitverbreiteter Irrtum, der allerdings zum Teil auch von Stromversorgern genährt wird. Mit dem Strom, der zur Benzinherstellung verbraucht wird, könnte man 70 Prozent der Elektrofahrten abdecken. Für einen Liter Benzin müssen nämlich 1,5 Kilowattstunden Strom aufgebracht werden. Wenn man dann noch bedenkt, dass unser Land Strom ins Ausland verkauft, oder besser gesagt: verschenkt, kann das Argument der Netzbetreiber, die Stromleistung müsste exorbitant erhöht werden, nicht ziehen. Die bisherige 80-Gigawatt-Leistung müsste gerade mal um 0,5 Prozent aufgestockt werden. Das ist ein Volt mehr! Da kann mir keiner erklären, dass der Strom teurer werden muss.

Welchen beruflichen Hintergrund haben Sie? Sind Sie „studierter Experte“ oder haben Sie sich ins Thema mit learning by doing eingearbeitet?

Nagel: Ich bin Soldat im Ruhestand. Beides ist ungebräuchlich und wird schief angeguckt (schmunzelt).

Sie meinen vermutlich nicht den Ruhestand (lacht).

Nagel: Nein, Berufssoldaten und Elektromobilisten. Das sind alles Spinner, meinen viele. Aber um Ihre Frage zu beantworten: Ich bin Diplom-Ingenieur in Elektrotechnik und habe bei der Bundeswehr im Bereich Technik und Entwicklung gearbeitet.

Was glauben Sie: Braucht Elektromobilität große Kampagnen? Ist eine weitere Subventionierung nötig? Oder ist der Durchbruch schon gelungen, und es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis alle umsteigen?

Nagel: Ich denke, es läuft bald von selbst.

Rund 25 Elektroautos unterschiedlicher Fabrikate und Modelle ausgestellt

Das Forum „Nachhaltige Mobilitätsentwicklung“ des Energeticon und der IRR GmbH (Innovationsregion Rheinisches Revier) in Kooperation mit unserer Zeitung findet am Dienstag, 23. Mai, im und ums Fördermaschinenhaus des Energeticon in Alsdorf an der Konrad-Adenauer-Allee 7 statt. Die Veranstaltung ist öffentlich, der Eintritt ist frei. Das Programm beginnt um 14 Uhr mit Impulsvorträgen.

Nach den Vorträgen werden fünf Experten – Theo Jansen, Leiter des Mobilitätsmanagements des Verkehrsverbunds Rhein-Sieg (VRS), Dr. Matthias Dürr, Leiter von Elektromobilität.NRW, Lothar Stanka, Leiter Vertrieb für Elektromobilität von Innogy, Dr. Albrecht Möllmann, Vorsitzender von HyCologne, und Dr. Christian Steinborn, CSO der e.Go Mobile AG in Aachen – für Fragen zur Verfügung stehen, Die Moderation übernimmt unsere Redakteurin Verena Müller. Fragen können auch vorab mitgeteilt werden: entweder per E-Mail an v.mueller@zeitungsverlag-aachen.de, per Fax an 02404/5511-49 oder per Post an die Lokalredaktion der Aachener Zeitung und Aachener Nachrichten, Luisenstraße 16, 52477 Alsdorf.

Ab 16 Uhr ist die Projektausstellung und die Fahrzeugpräsentation geöffnet. Bis 18 Uhr sind Autohäuser mit rund 25 Elektroautos unterschiedlicher Fabrikate und Modelle zu sehen, Probefahrten sind vorgesehen. Neben den Autohäusern stehen unabhängige Experten für Auskünfte zur Verfügung, darunter auch Mitglieder des Vereins VERA.

VERA - Verein der Elektromobilfreunde in der Region Aachen, ist eine Interessengruppe von Elektromobilisten. Zum monatlichen Stammtisch sind alle eingeladen, die entweder schon ein Elektrofahrzeug besitzen oder eine Anschaffung in Erwägung ziehen. Hier tauscht man seine Erfahrung aus und hilft sich gegenseitig.

Der Stammtisch trifft sich jeden ersten Donnerstag im Monat, ab 20 Uhr im Vereinslokal Gasthof Rinkens, in Fronhoven 70a, 52249 Eschweiler-Fronhoven.

Weitere Infos im Internet unter

www.energeticon.de
www.elektromobilfahrer.de

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