Eine wortreiche Diskussion über „Verschweigen“

Von: Nadine Tocay
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Intensiver Austausch über Pressearbeit: (v.l.) die kritischen Leser, aber auch Akteure Bruno Barth und Marika Jungblut sowie Karl Stüber und Thomas Thelen (beide Redakteure). Foto: Nadine Tocay

Baesweiler. „Presse heute – Verschweigen oder Berichten?“ Wer so etwas fragt und schreibt, hegt zumindest einen Verdacht – gegenüber der Presse, in diesem Fall gegenüber unserer Zeitung.

Marika Jungblut und Bruno Barth haben „Anspruch und Realität der Presse anhand von persönlichen Erfahrungen“ – so die von ihnen gewählte Formulierung – anhand unserer Zeitung und des Lokalteils Nordkreis inklusive Städteregionsseite über zwei mehrwöchige Zeiträume in 2014 und 2015 unter die Lupe genommen und eine Broschüre mit dem provozierenden Titel (siehe oben) veröffentlicht. Über die Vorstellung dieser Broschüre hat unser Zeitung bereits berichtet. Aber nicht nur das.

Was stimmt, was nicht, was ist ein Missverständnis, was erreicht, ja überschreitet die Grenze zur Unterstellung? Und woran liegt das? Darüber muss gesprochen, gegebenenfalls gestritten, aber keinesfalls geschwiegen werden. Deshalb hatte unsere Zeitung in Einvernehmen mit den Autoren der Broschüre eine Podiumsdiskussion im Internationalen Technologie- und Service-Center (its) in Baesweiler organisiert, die der ehemalige Schulleiter des Gymnasiums Herzogenrath, Reinhard Granz, souverän moderierte.

Leider war die Resonanz eher bescheiden. Der stellvertretende Chefredakteur unserer Zeitung, Thomas Thelen, und der verantwortliche Redakteur der Nordkreisausgabe, Karl Stüber, „arbeiteten“ mit Jungblut (Linkspartei), die Mitglied des Städteregionstags und des Stadtrates Baesweiler ist, und Barth, bis vor kurzem SPD-Mitglied und weiterhin Mitglied des Stadtrates Herzogenrath, unter Federführung von Moderator Granz Kernaussagen aus der Broschüre ab. Neben dem Aspekt „Verschweigen“ ging es um Themenauswahl, die Gewichtung des Lokalteils, den Wunsch nach einer kritischeren Berichterstattung, aber auch das Leistbare.

Barth und Jungblut, die neben ihrer politischen Arbeit in weiteren Initiativen aktiv sind, forderten eine stärkere Berücksichtigung „gesellschaftspolitischer Themen“ und politischer Entscheidungsprozesse. „Es ist für die Demokratie wichtig abzubilden, was in Stadträten und Ausschüssen stattfindet“, sagte Jungblut. Dabei gehe es auch um von der Mehrheit abweichende Meinungen. Stüber antwortete: „Es ist nicht unsere Aufgabe, nachzuerzählen, wie die Sitzungen ablaufen. Es geht um Ergebnisse und Kernaussagen. Die Leser wollen wissen, was entschieden wird, was in ihrem persönlichen Umfeld angesagt ist.“

Es sei nicht Aufgabe von Presse, Mehrheiten durch Schreiben an der Macht zu halten oder die Opposition an die Macht zu schreiben. Kommentierung könne immer nur punktuell erfolgen. „Aus Herzogenrath und Würselen melden sich oft Fraktionen bei uns und bringen sich ein, suchen den Austausch. In Baesweiler ist das selten der Fall.“

Da sehe er auch eine Bringschuld der Akteure. Zudem orientiere man sich bei der Themenauswahl an den Wünschen der Leser. Bei rund 160.000 Einwohnern in den vier Kommunen des Nordkreises könne nur ein Teil des vielfältigen Lebens in der Presse Niederschlag finden. Die Empfindung von Barth und Jungblut sei sehr subjektiv.

Neutral und doch kritisch

Bei dem Vorwurf seitens Barth und Jungblut, die Zeitung hätte das Thema Freihandelsabkommen TTIP anfänglich unter den Tisch gekehrt, wurde die Diskussion forscher. Die Behauptung von „Totschweigen über Wochen“ wurde von Thelen und Stüber zurückgewiesen. Anfänglich habe das Thema eher einen nicht mitteilungswürdigen Eindruck gemacht, so Thelen. „Wir haben das Thema zunächst zwar vernachlässigt, aber definitiv nicht bewusst verschwiegen“, räumte er ein. Er betonte jedoch zugleich, dass dies nicht mit der Unterschlagung von Informationen gleichzusetzen sei.

Barth sprach relativierend von „Lückenpresse“, die jedoch keine verschweigende oder gar „Lügenpresse“ sei. Er betonte, dass die Zeitung selbst einschätzen müsse, welche Themen für sie belangreich seien. Thelen entgegnete, dass es nur allzu sinnvoll sei, wenn sich eine Tageszeitung an den Bedürfnissen ihrer Leserinnen und Leser orientiere. „Wenn man aber versucht, es jedem recht zu machen, wird man beliebig, man muss schon selbst eine klare Vorstellung von dem haben, was man will.“

Dr. Anjali Scholten von der Elterninitiative für den Erhalt der Grundschule Bierstraß in Herzogenrath bedankte sich für die Unterstützung im Zusammenhang mit der in Erwägung gezogenen Schließung des Grundschulstandortes. Sie wies darauf hin, dass die Geschichte ohne die ausführliche Berichterstattung vermutlich anders, also negativ ausgegangen wäre. Sie wollte wissen, wie es um die Objektivität bei der Themenauswahl steht.

„Natürlich sind wir zu Neutralität verpflichtet. Es gibt aber Themen, bei denen sagen wir: Da gehen wir offensiver ran, wenn wir es für sinnvoll erachten“, sagte Thelen. Auch hier spielten Rückmeldungen eine Rolle. Unisono sprachen sich die Anwesenden im Publikum, aber auch auf dem Podium dafür aus, dass es eine wichtige, wenn nicht die wichtigste Aufgabe einer lokalen Presse sei, kritisch nachzufragen. „Das muss auch künftig unser Anspruch sein, daran müssen wir uns messen lassen“, sagte Thelen, der aber auch deutlich machte, dass der kritische journalistische Ansatz im Lokalen keineswegs bei allen auf Gegenliebe stoße.

„Es gibt viele Stimmen, die lautstark eine kritische Berichterstattung fordern und uns an unsere journalistische Pflicht erinnern. Fragen wir bei denen, die lautstark rufen, kritisch nach, wirft man uns eine übertrieben kritische Haltung vor.“

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