Eine Liebe, für die Ewigkeit konserviert

Von: Ernst-Hubert Gier
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Mitglieder des Förderverein der Stadtbücherei bei der Betrachtung von Exponaten der Meerbaum-Ausstellung: Christa Ross (r.) und Angela Ortmanns-Dohrmann mit Helmut Braun. Foto: Wolfgang Sevenich

Würselen. „Du, weißt du, wie ein Rabe schreit“ – Unter diesem Titel ist eine von Kurator Helmut Braun im Auftrag der Rose-Ausländer-Stiftung und des Zentrums für verfolgte Künste in Solingen konzipierte Ausstellung ins Leben gerufen worden, die nun im Alten Rathaus an der Kaiserstraße in Brauns Beisein eröffnet wurde.

Sie erzählt auf eindrucksvolle Weise vom Leben und Leiden der jüdischen Dichterin Selma Meerbaum, beschreibt aber auch den Lebensraum Czernowitz, der Hauptstadt der Bukowina, berichtet von der Kultur des osteuropäischen Judentums und vom Holocaust in Transnistrien. Zur Ausstellung ist im Rimbaud-Verlag ein Begleitbuch erschienen, das bei der Buchhandlung Schillings, Kaiserstraße 73, gekauft werden kann.

Besondere Kulturlandschaft

Dass es in Europa kaum eine Kulturlandschaft gibt, die im 20. Jahrhundert eine so reichhaltige und vielfältige Literatur hervorgebracht hat wie die Bukowina, jenes „Buchenland“, das heute zur Ukraine gehört und dem auch Rose Ausländer und Paul Celan entstammen, belegt die Ausstellung durch Zeugnisse auf Tafeln und in Vitrinen.

Die Bedeutung dieses Landstrichs ist umso bemerkenswerter, wenn man bedenkt, dass sich die Staatszugehörigkeit der Bukowina allein innerhalb der ersten Jahrzehnte des letzten Jahrzhunderts etliche Male änderte. Es wurde ukrainisch gesprochen sowie deutsch, jiddisch und rumänisch.

Dass es in der Bukowina bis zum Zeitpunkt der faschistischen und nationalsozialistischen Terrorherrschaft keine Ausgrenzung kultureller Minderheiten gegeben hatte, führte Braun hauptsächlich darauf zurück, dass es sich bei ihnen um keine ausgegrenzten Gruppen handelte: seien doch alle Sprach-, Kultur- und Religionsgemeinschaften in der Minderheit gewesen.

In dieser Situation empfahl sich nicht nur einem jeden das freundliche Auskommen mit den anderen, vielmehr entstand auch ein Klima kultureller Offenheit, „ein wunderbarer Nährboden für die Literatur, die Kunst, die Musik und die Wissenschaft“. 150 Jahre hatten die Menschen – vor allem unter österreichischer Herrschaft – konfliktfrei gelebt, bis der Faschismus über sie hereinbrach.

In diese weltoffene Atmosphäre wurde Selma Meerbau am 5. Februar 1924 in Czernowitz hineingeboren. Sie war die Tochter des Schuhhändlers Max Meerbaum, der verstarb, als seine Tochter gerade mal neun Monate alt war. Schon früh begann sie mit der Lektüre jener Autoren, die großen Einfluss auf ihr Werk ausüben sollten: Heinrich Heine, Rainer Maria Rilke, Klabund, Paul Verlaine und Rabindranath Tagore.

Eigene Gedichte sind von Selma Beerbaum ab 1939 erhalten. Nach dem Einmarsch deutscher Truppen in das 1940 von Rumänien an die Sowjetunion abgetretene Czernowitz im Juli 1941 wurden Selma, ihre Mutter und ihr Stiefvater Leo Eisinger im Oktober 1941 gezwungen, im Ghetto der Stadt zu leben. Bis Juni 1942 blieb die Familie von der Deportation verschont.

Mit der letzten „Aushebung“ am 28. Juni wurde auch sie in das Übergangslager Cariera de Piatra in Transnistrien verschleppt, von dort in das Arbeitslager Michailowka östlich des Bugs, ein von Deutschen besetztes Gebiet der Ukrainischen Sowjetrepublik. Die Häftlinge dort wurden gezwungen, Steine für den Straßenbau zu hacken. Selma verstarb mit 18 Jahren völlig entkräftet an Fleckfieber.

Das Werk von Selma Meerbaum umfasst 57 Gedichte, die sie sorgfältig mit Füller auf Einzelseiten geschrieben und zu einem Album gebunden hatte, das sie mit „Blütenlese“ betitelte. Sie widmete es ihrem Freund Leiser Fichmann, dem Führer der zionistischen Jugendgruppe Hashomer Hazair, in den sie unsterblich verliebt war, der aber ihre Liebe nicht erwiderte.

Braun dazu: „Sie lebte im Jetzt, Leiser träumte vom Leben in Palästina.“ Auf dem Weg in die Deportation konnte sie das Album einem Bekannten zustecken. Er reichte es auf ihre Bitte hin an ihre Freudin Else weiter, diese dann an Selmas geliebten Leiser. Er nahm das Album mit ins Gefangenenlager, gab es aber an Else zurück, als er sich zur Flucht nach Palästina entschloss. Das Schiff wurde torpediert, nur fünf Passagiere überlebten – Leiser Fichmann nicht.

Doch Selmas Gedichte wurden von ihrer Freundin durch Europa bis nach Israel transportiert. Selmas Lehrer von der Jiddischen Schule, die sie in Czernowitz besucht hatte, veröffentlichte sie als Privatdruck 1976. Die eigentliche Entdeckung Selma Meerbaums sei durch die Stern-Reportage des Journalisten und Exil-Forschers Jürgen Serke, der von Hilde Domin auf die Gedichte aufmerksam gemacht worden war, erfolgt, führte Braun aus.

Nur drei Jahre hatte die jüdische Dichterin Zeit zu schreiben – bis zu ihrem Tod im Arbeitslager. Der Kurator schloss: „Sie konnte ihre Liebe nicht leben. Sie musste sterben. Doch ihre 57 erhaltenen Gedichte machen sie unsterblich.“

Das schmale Werk der jungen Autorin gehört neben den Gedichten von Rose Ausländer und Paul Celan zum großen literarischen Erbe der ausgelöschten deutsch-jüdischen Kultur der Burkuwina. Iris Berben fuhr 2011 nach Czernowitz und trug Semas lyrische Gedichte dort vor. Die Ausstellung wurde initiiert vom Würselener Germanisten Christoph Leisten.

Organisiert wurde sie vom Förderverein der Stadtbücherei in Zusammenarbeit mit der Kulturstiftung und dem Kulturforum mit Unterstützung der Buchhandlung Schillings. Musikalisch umrahmt wurde die Vernissage von Jannik Schroeder mit Werken von Sergey Rachmaninoff und Franz Liszt.

Besichtigt werden kann sie bis zum 14. Februar.

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