Ein Vortrag über die „Franzosenzeit“ im Rheinland

Von: ehg
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Hielt einen fundierten Vortrag: Heimathistoriker Günter Breuer. Foto: Ellen Thielen-Vafaie

Würselen. Wie kaum ein anderes Ereignis hat die französische Revolution die Geschichte des Rheinlandes nachhaltig geprägt. Rund 20 Jahre herrschten die Franzosen ab 1794 am Rhein. In dieser Zeit entwickelte sich Frankreich vom Land der Revolution zum Kaiserreich und zur dominierenden Macht im Staatengebilde des damaligen Europa.

Die vier linksrheinischen Departements Roer, Rheinland-Mosel, Donnersberg und Saar waren seit 1798/1800 Teil dieses Gefüges, das rechtsrheinisch gelegene Großherzogtum Berg war ihm seit 1806 verbunden. Beiderseits des Rheins wurden grundlegend umgestaltet. Wie sich die Beseitigung der Strukturen des Alten Reiches und die Neueinführungen auf den „Mikrokosmos“ Aachen in den einzelnen Lebensbereichen spiegelte, stellte der Heimathistoriker Günter Breuer in einem Vortrag dar, zu dem die Deutsch-Französische Gesellschaft mit den Heimatvereinen Würselen und Euchen sowie dem Geschichtskreis St. Sebastian eingeladen hatte.

Infolge der Bedeutung und Lage der Stadt Aachen sei er immer wieder Gegenstand von kriegerischen Belagerungen, Einquartierungen, Raubzügen und Brandschatzungen gewesen. 1788 musste Heu zwangsweise wegen der Einquartierung von französischen Truppen abgeliefert werden. 1792 erklärte Frankreich Österreich den Krieg. Am 16. Dezember marschierten französische Revolutionstruppen erstmals in Aachen ein.

Nach dem Sieg in der zweiten Schlacht bei Aldenhoven brachten die Franzosen Aachen und das Umland wieder in ihre Hand, sagte Breuer. 1804 übernahm der französische Staat alle Schulden der Freien Reichsstadt Aachen. Außerdem wurde eine straffe und musterhafte Verwaltung eingeführt, „was ein Segen für das durch fortwährenden Parteienstreit und soziale Konflikte völlig heruntergekommene Gemeinwesen war. Die Franzosen griffen mit fester Hand durch, um die Stadt aus dem Zustand der Versumpfung und ständigen Querelen herauszuführen“, sagte der Heimathistoriker.

Die administrative Neuordnung des linksrheinischen Gebiets und die Eingliederung in die Republik Frankreich sah vor, dass das gesamte Gebiet in Departements aufgeteilt wurde. Das Departement de la Roer mit Aix-la-Chapelle als Hauptstadt reichte von Kleve im Norden bis etwa zur Linie Schleiden-Gemünd.

Für Würselen gab es eine Besonderheit. Vermutlich wegen der Größe teilte man zunächst das Gesamtgebiet in vier Distrikte auf: Würselen Schweilbach, Scherberg und Morsbach. In jedem Distrikt führte ein „Agent municipale“ die Verwaltung. 1800 wurde die Distriktaufteilung aufgehoben. Die Ortsteile wurden zur Commune Würselen zusammengefasst. Wie im gesamten Anschlussgebiet arbeitete die französische Verwaltung nach den strengen Vorgaben der Zentralverwaltung.

Die moderne Verwaltung benötigte, so der Historiker Günter Breuer, belastbare statistische Angaben zur Bevölkerung. Erstmals sei eine Volks- und Standeserfassung durchgeführt worden: Würselen 3230, Bardenberg 2146, Broich-Euchen 1573 und Weiden 1183 Einwohner. Sicherlich wenig beliebt sei der Französische Revolutionskalender gewesen. Völlig abgelehnt wurde das von den Franzosen eingeführte Papiergeld, im Volksmund „Hoddelegeld“ genannt.

Dem radikalen Revolutionsgedanken folgend, wurde auch in den angeschlossenen Gebieten der gesamte kirchliche Besitz enteignet und ging zunächst in staatlichen Besitz über. Klöster und weitere kirchliche Einrichtungen wurden aufgelöst. Priester und Ordensleute standen zunächst auf der Straße. Als Beispiel führte Breuer das Schicksal des Johanniterhofs in Elchenrath an. Die Beziehungen von Kirche und französischem Saat normalisierten sich nach dem Konkordat 1801.

Trotz der versuchten strikten Trennung von Staat und Kirche sei weiterhin in kirchlichen Fragen die Obrigkeit eingeschaltet worden. Zu einer schwerwiegenden Auseinandersetzung war es zwischen der Kirchengemeinde von Würselen und dem seit 1804 davon abgekoppelten Weiden gekommen. Dabei ging es um die Salmanus-Kapelle in Dobach. Die angekündigte Entscheidung des Präfekten, zu welcher Gemeinde die Kapelle endgültig gehören soll, ist unbekannt. Der Streit um die Reliquien war 1818, als die Kapelle abgerissen wurde, nicht beigelegt.

Auch in einem weiteren Würselener Kirchenstreit musste der Präfekt eingreifen, als es um die Einsetzung des Pfarrers Johann Heinrich Müllejans in St. Sebastian ging. 1798 wurden alle bestehenden richterlichen Gewalten abgeschafft, gleichzeitig wurde die Organisation der Justiz nach Bestimmungen der französischen Konstitution in Friedens-, Zivil- und Zuchtgerichte vorgenommen. Der Revolutionsgedanke von Freiheit und Gleichheit schaffte für den Bereich von Industrie, Handwerk, Handel, Gewerbe und Landwirtschaften völlig neue Voraussetzungen.

Von völlig chaotischen Zuständen auf sämtlichen Gruben sei die Rede gewesen, bevor sich die Franzosen einer Neuorganisation annahmen. „Bedeutende technische Neuerungen, die die Franzosen mitbrachten, erleichterte die bergmännische Arbeit.“ Auch im Bildungswesen und im Straßenbau habe es viele positive Neuerungen gegeben.

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