Alsdorf - Ein Spurenleser an der Lärmschutzwand

Ein Spurenleser an der Lärmschutzwand

Von: Verena Müller
Letzte Aktualisierung:
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Begehung der Lärmschutzwand entlang der B57 in Alsdorf: Hier muss neu verputzt werden, sonst laufen die Metallträger mit Wasser voll und könnten bei Frost Risse bekommen. Dann wäre die Standfestigkeit gefährdet. Foto: vm
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„Da hat einer rumgesponnen“, sagt Karl-Heinz Hennerici und schaut sich das Fahrradschloss mit der angehängten Gartenschere an. Foto: vm

Alsdorf. Karl-Heinz Hennerici liest die Spuren auf der Lärmschutzwand wie ein Buch: „Punktueller Einschuss, von innen weggesplittert“, sagt er und zeigt mit seinem langen Stock auf das Loch im Glas. Von der Häuserseite aus, nicht von der Straße, sei der Schuss gekommen. Er notiert sich die Stelle auf dem im Feldrahmen, einem besseren Klemmbrett, fixierten Papier und macht ein Foto mit seiner kleinen Digitalkamera.

Dann geht er ein paar Meter weiter, klettert über ein Geländer, das zur Fußgängerbrücke über die B57 gehört, um die Betonschalen mit den Bimsbetonlamellen auf Schäden zu untersuchen. Mit seinem langen Stock bahnt er sich den Weg durchs Grün. Eine Machete wäre wahrscheinlich hilfreicher, aber das sorge immer für unnötiges Aufsehen, sagt der 60-Jährige.

Wer meint, Hennerici gehöre dem Kriminalkommissariat an, der irrt. Er ist technischer Beamter beim Landesbetrieb Straßen NRW Ville-Eifel, Außenstelle Würselen, und für die turnusgemäße Überprüfung der Lärmschutzwände und anderer Bauten zuständig.

Gleich mehrere Löcher mit spinnennetzförmigen Rissen weist die Glasscheibe auf, die Hennerici in Augenschein genommen hat – aber ob sie bald ersetzt werde, könne er nicht sagen. „Unterhaltungsschäden sollte man zügig beheben“, sagt er. Dafür sei aber ein anderer Trupp zuständig, bei dem wie überall das Personal fehle. Mit 40 Leuten seien Straßenmeistereien noch Mitte der 90er besetzt gewesen, heute mit der Hälfte.

Bei gleichzeitigem Arbeitszuwachs. Da bleibe vieles Reparaturbedürftige liegen, während Großbaustellen wie Jackerather oder Aachener Kreuz Vorrang hätten. Die Endabnahme dürfe man nicht auf die lange Bank schieben, ebensowenig die Kontrolle der Bauelemente, bei denen nach fünf Jahren die Gewährleistung abläuft.

Und da – um darauf zurückzukommen – das Glas weder die Standfestigkeit noch die Verkehrssicherheit des Baus gefährde, habe sein Austausch nicht oberste Priorität. Zumal die Scheiben inzwischen Sonderanfertigungen sind und das Stück mindestens 1000 Euro kostet. So viel wie ein ganzes Wandelement.

Geld, das man sich eigentlich hätte sparen können, findet Hennerici. Damals, vor 20 oder 25 Jahren, hätten die Leute noch nicht das Gefühl haben wollen, eingesperrt zu sein, was bei einer mehrere hundert Meter langen Wand beziehungsweise dem anschließenden Wall gegeben wäre.

Deshalb habe man sich damals für Abschnitte mit Glas entschieden. „Heute verstecken sich die Leute lieber. So ist eben der Zeitgeist“, lautet Hennericis Urteil. Man hätte also gleich die kostengünstigere Variante ohne Durchsicht wählen können. „Außerdem ist eh alles schnell wieder überwuchert“, sagt Hennerici.

Im Frühjahr war die Wand – unter großem Protest aus Teilen der Öffentlichkeit – freigeschnitten worden. Eigentlich, um die Begehung einfacher zu gestalten und Schäden sichtbar zu machen. Aber gut ein halbes Jahr später sind die meisten Abschnitte schon wieder von Efeu und anderen Kletterpflanzen eingenommen, Sträucher und andere Hölzer stehen bereits über einen Meter hoch. Hennerici hat so seine Mühe, sich durch Ranken und Äste zu kämpfen. Insgesamt ist er zufrieden mit dem Zustand der Wände und der Brücke. „Gutes Material“ sei da vor einem Vierteljahrhundert verwendet worden.

Alle drei bis vier Jahre steht eine mehrtägige Begehung an, alle sechs Jahre eine Hauptuntersuchung. Die für 2017 hat Hennerici gerade vorgezogen. Der letzte Bericht, im Feldrahmen, datiert aus dem Jahr 2014, wie das Dokument aussagt. Auf den Bildern sieht man nichts als Grün. Dass sich darunter eine Mauer verbirgt, lässt sich nur der Form nach erahnen.

Eine Überraschung erlebte Hennerici so auch, als er die Tür suchte, die als Notdurchgang zwischen Otto-Brenner-Straße und der Bundesstraße, die hier wie ein Kanal zwischen den Wänden verläuft, gedacht war. Total überwuchert. Aber auch ohne die Pflanzen käme hier keiner durch. Die Tür lässt sich nur einen Spalt öffnen. Ein Fahrradschloss verbindet den Türgriff mit dem Rahmen.

„Da hat einer rumgesponnen“, sagt Hennerici. Offenbar mit ein bisschen schlechtem Gewissen ob des Streichs, denn ans Schloss hängte der Täter eine große Gartenschere. Nur: Die ist inzwischen derart verrostet, dass sie sich weder bewegen, geschweige denn zum Durchtrennen verwenden lässt. Auch das fotografiert Hennerici kopfschüttelnd und mit einem leisen Lächeln.

Auch dokumentiert werden ein Stück abgebrochene „Rippe“ aus der Lamellenfront und der Mörtel, der am oberen Ende der Verankerung der Wände bröckelt: Getragen werden die quasi freischwebenden Wände von im Boden verankerten Pfählen. Von oben sieht man die Rohre, die einzelnen Elemente sind draufgesteckt. Hennerici kann den Mörtel mit dem bloßen Stock lösen.

„Das ist nicht so gut“, sagt er. Denn ohne den „Deckel“ könne Wasser ins Metallrohr laufen, gefrieren und durch die Ausdehnung das Rohr sprengen. Dann wäre die Stabilität der Wände ernsthaft gefährdet. Unterspülte Wandelemente hingegen sind weniger dramatisch, wenn auch kein schöner Anblick.

Ebenso wie jenseits des Geländers entsorgter Grünschnitt aus der Nachbarschaft – oder Graffitis. „Ich würde eher sagen: Schmierereien“, sagt Hennerici. Das dürfe er unterscheiden. Schließlich ist er selbst Künstler. Ob er das hauptberuflich machen würde, stand in seiner Jugend auf der Kippe. Letztlich entschied er sich – auch mit Blick auf die Familie – für ein gesichertes Einkommen und die Freiheit in der künstlerischen Entfaltung. Abstrakte Gemälde sind Seins. Die Inspirationen dafür findet er aber, wie er sagt, nicht an der Straße.

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