Ein Spagat zwischen Strenge und Nachsicht

Von: Stefan Schaum
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Kleinkind heult, doch Mama ist
Kleinkind heult, doch Mama ist „beschäftigt”: Wie Eltern und Kinder zueinander finden, ist Thema in der Erziehungsberatung. Foto: Stock/Felix Jason

Nordkreis. „Warte nur, bis dein Vater nach Hause kommt. Dann gibts aber was hinten drauf!” Noch vor 50 Jahren waren die Erziehungsmaschen oft nach grobem Muster gestrickt: Mama macht alles alleine - doch muckt der Nachwuchs auf, kommt Papa und schlägt zu.

1962, als die Rollen derart verteilt waren, ist in Alsdorf eine Erziehungsberatungsstelle gestartet, die es dort bis heute gibt. Leiter Claus-Ulrich Lamberty hat zum Jubiläum die alten Geschäftsberichte zur Hand genommen und musste bei der Lektüre des öfteren schmunzeln. „Junge, Junge, was sich seit damals alles getan hat...”

Seit 25 Jahren gehört der Diplom-Psychologe zum Team der Beratungsstelle an der Schaufenberger Straße, die heute in Trägerschaft des Vereins zur Förderung der Caritasarbeit im Bistum Aachen arbeitet. 118 Fälle wurden 1962 bearbeitet, rund 600 Familien suchten im vergangenen Jahr Hilfe. Nicht nur die Zahl der Gespräche ist deutlich gestiegen. Auch die Gründe für den Besuch sind heute ganz andere. Rund zehn Prozent der Ratsuchenden wurden 1962 vorstellig, weil ihre Kinder an ihren Nägeln knabberten.

„Darüber würde man sich heute wohl kaum noch Gedanken machen”, sagt Lamberty, wobei er einräumt, „dass Nägelkauen auf andere Pro-bleme hindeuten kann. Damals aber galt das Phänomen alleine schon als seltsam und daher behandlungsbedürftig.” Noch 1979 ist in der Jahresstatistik zu lesen von „einer bemerkenswert gestiegenen Zahl von Klienten, die aus zerrütteten Familien stammen”. Scheidungskinder? „Die sind heute doch eher die Regel.”

Keine Spur von den „68ern”

Dass zu Beginn der 60er Jahre nicht nur in Alsdorf, sondern im gesamten Bistum Erziehungsberatungsstellen eröffnet wurden, sei der „Umbruchszeit nach dem Krieg geschuldet. Viele Familien mussten sich damals ganz neu orientieren.” Die 1968er Jahre mit der seinerzeit propagierten antiautoritären Erziehung seien dabei an der vom Bergbaumillieu geprägten Region weitgehend spurlos vorübergegangen, sagt der 54-Jährige. „Die Kinder sind damals disziplinarisch oft in Normen hineingezwungen worden. Da gab es ganz klare Linien.” Verklären will er diese Zeit ausdrücklich nicht. „Kinder, die damit nicht klargekommen sind, wurden ausgegrenzt.”

Dass seit damals die Zahl der Beratungsgespräche kontinuierlich emporgeklettert ist - mittlerweile gehören fünf Berater zum Alsdorfer Team - spricht für gestiegenen Informationsbedarf. In der Tat: „Heute gibt es eine weniger einheitliche und verbindliche Erziehungsvorstellung. Viele Eltern sind definitiv verunsichert.” Und sie stecken in einem Dilemma: „Sie wollen ganz anders erziehen als sie selbst erzogen worden sind - wissen aber nicht, wie.” Daher hat sich der Schwerpunkt in der Beratung geändert: Wurden früher die Kinder behandelt, geht es heute eher um die Beratung von Eltern.

Lamberty: „Unsere wichtigste Aufgabe ist es, Eltern dabei zu helfen, Verantwortung für ihre Kinder zu übernehmen.” Sie sollen in die Lage versetzt werden, den Spagat zu meistern zwischen größtmöglichen Freiräumen der kindlichen Entfaltung und dem Abstecken von Grenzen. „Die heutige Zeit fordert auch den Kindern immer mehr Selbstständigkeit ab, weshalb diese nicht selten schon früh überfordert sind.”

Akzeptanz steigt

Die Akzeptanz der Beratungsstelle sei insgesamt gestiegen, die Hemmschwelle gesunken. „Vor 50 Jahren war das noch sehr makelbehaftet. Da haben sich viele gescheut, zu uns zu kommen.” Das sei heute anders, auch seit Erziehungsratgeber und -shows im Fernsehen zum Standardprogramm gehören. „Es fällt den Eltern leichter, eine Beratung anzunehmen.”

27 Prozent kommen aus eigenem Antrieb, weist die Statistik für 2011 aus. Das sind die meisten. Erst auf Platz zwei kommen mit gut 20 Prozent die, denen das Jugendamt einen Besuch nahegelegt hat. Auch Ärzte, Schulen und Kindergärten geben oft die Empfehlung weiter, sagt Lamberty. „Das ist heute alles viel besser vernetzt. Gut so.” Nur eines bedauert er dabei: Dass bei der Vielzahl der Anfragen nicht immer Zeit für eine umfängliche Beratung bleibt. „Heute steht das Finden von Lösungen im Vordergrund, während man früher mehr Zeit hatte, um der Entstehung der Probleme auf den Grund zu gehen. Das ist manchmal schade.”

Kontaktadresse für Familien im Nordkreis

Rat in Erziehungsdingen bietet die Katholische Beratungsstelle allen Familien im Nordkreis an.

Erreichbar sind die Berater in Alsdorf, Schaufenberger Straße 72a, unter Telefon 02404/26088 oder per E-Mail: ebalsdorf@mercur.caritas-ac.de.

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