Ein Buch als Zeugnis der Bergbaugeschichte

Von: Verena Müller
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Auch nach seinem Sturz ließ ihn der EBV nicht fallen: Fritz Looser hat sein Leben in einem kleinen Buch festgehalten. Darin berichtet er auch von seiner persönlichen Begegnung mit Gott. Foto: Verena Müller
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Wahrzeichen des EBV auf dem Annagelände: Der Turm steht längst nicht mehr, aber das Fördergerüst. Foto: Bergbaumuseumsverein Alsdorf

Alsdorf. Nach dem Unfall hat Fritz Looser nicht nur sein Akkordeon, sondern auch seine Träume an den Nagel gehängt. Schlosser wollte er werden. Wie sein Vater und sein Großvater wollte er beim EBV Karriere machen. Aber mit nur einem Arm war das ausgeschlossen. Damals war Fritz Looser 16.

Dass der Eschweiler Bergwerksverein (EBV) ihn nach dem Sturz nicht hat fallenlassen, rechnet er dem Unternehmen bis heute hoch an, auch wenn er an dem ein oder anderen Vorgesetzten durchaus Kritik zu üben weiß. An dem Betriebsführer etwa, der bei der Belegschaft Spitznamen wie „Zerstörer“, „Bär“ oder „Barri“ trug.

Eine starke Gemeinschaft

Das alles kann man in dem schmalen Buch nachlesen, das Looser Ende vergangenen Jahres veröffentlicht hat. Auch wenn der Anlass für die kleine Biografie ein ganz anderer war, nämlich seine persönliche Begegnung mit Gott, ist sie dennoch ein Zeugnis der Bergbauhistorie. Was wenig überraschend ist, wenn man sich vor Augen führt, dass Looser noch zu der Generation gehört, die ihr gesamtes Berufsleben beim EBV verbracht hat. Gemeinsam mit Verwandten, den Nachbarn, den Freunden. „Die Belegschaft war von Generation zu Generation gewachsen, so dass man brüderlich verbunden war“, sagt Looser.

Looser ist inzwischen 87 Jahre alt und sitzt im Café des Altenheims am Denkmalplatz. An den Wänden der Flure hängen Bilder des Alsdorfs von früher und von heute. Kohlenstaubgeschwärzte Gesichter unter Tage und Schwarz-Weiß-Aufnahmen von Straßenzügen neben am Computer nachkolorierten Aufnahmen markanter Punkte im aktuellen Stadtbild. Auch bei den neueren Aufnahmen ist die Zechenvergangenheit allgegenwärtig: alte Bergmannssiedlungen („Kolonien“) und Industriedenkmäler.

Fritz Looser hat früher mit seiner Frau Trudi nicht weit von diesen Bauten entfernt gewohnt: an der Schaufenberger Straße. Im Mai vergangenen Jahres waren sie zusammen ins Heim gezogen, wenige Monate später war Trudi – nach 63 Ehejahren – gestorben. Einsam ist Looser seitdem nicht, er hat zwei Kinder, zwei Enkel und drei Urenkel. Und er ist noch gut auf den Beinen. Sein Geist ist wach, nur seine Ohren lassen ihn ab und an trotz der Hörgeräte im Stich. Ein Gespräch ist beim Gemurmel in einem Café nicht immer leicht, seine Botschaften formuliert er aber glasklar. Da gibt es kein Vertun.

Nie käme es Fritz Looser beispielsweise in den Sinn, ein schlechtes Wort über den EVB zu verlieren. Nie. Das lässt sich nicht nur mit Loyalität gegenüber dem Arbeitgeber erklären, auch nicht mit der verschworenen Solidargemeinschaft der Bergleute, die an Soldatenkameradschaft erinnert. Der EBV war in Alsdorf eine Institution. Oder, wie es Fritz Looser formuliert: „ein Arbeitgeber von Format“.

Zuverlässiger Arbeitgeber

Das Leben seiner und der Familie seiner Frau war über Generationen mit dem EBV eng verwebt. Der Vater war Maschinen- und Elektroreviersteiger im Übertagebetrieb von Anna 1, der Großvater Leiter der größten Kohlendestillation (KD) Europas. Zu Loosers Zeit erlebte der EBV seine Blüte. Im Jahr 1974 nimmt der EBV-Konzern insgesamt mit einem Umsatz von 1,5 Milliarden DM Platz 67 der 100 größten deutschen Unternehmen ein. Gemessen an der Zahl der Beschäftigten – 22 333 – belegt er sogar Rang 40. Im selben Jahr liefert er über fünf Millionen Tonnen Kohle. 70 Prozent seines Absatzes lieferte er an die Stahlindustrie der EG.

„Er war der größte und der zuverlässigste Arbeitgeber in unserem Ort“, sagt Looser. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden in der Grube Anna 8000 Tonnen Kohle abgebaut, jahrzehntelang war die Grube nicht nur der geografische Mittelpunkt des Aachener Reviers, sondern lag auch mit der Förderung an der Spitze. Und, Stichwort „Spitze“: Wer es in der Kohle zu etwas bringen wollte, ging nach Alsdorf. Das war gemeinhin bekannt. Knapp 6700 Beschäftige zählte der EBV in der Grube Anna zeitweise.

1978 war auf Anna Betriebsende, danach war hier nur noch die Ein- und Ausfahrt für Emil Mayrisch. Ende 1987 beschäftigte der EBV im Aachener Revier noch 6900 eigene Mitarbeiter und 900 Mitarbeiter in Bergbauspezialgesellschaften (1991: 3632 eigene und 428 sonstige). Von der Ruhrkohle AG lag die Zusicherung vor, sozial nicht abgesicherten EBV-Mitarbeitern bei einer Zechenstilllegung ein Übernahmeangebot zu machen. Rheinbraun schloss sich an. Am Ende übernahm Rheinbraun 1200 ehemalige EBV-Beschäftigte. Aus der letzten Schicht am 18. Dezember 1992 stammte die Hälfte.

Zu dem Zeitpunkt war Looser schon längst in Rente; nach 40 Jahren beim EBV. Aber er erlebte die Zechenschließung und die Umgestaltung des Geländes mit. Sein Urteil: gelungen.

Als die Nachricht von der Zechenschließung die Runde machte, sei das gewesen, als habe jemand mit der Faust dazwischengeschlagen. „Auf einmal waren die Kameraden nicht mehr da, jeder ging seinen eigenen Weg.“ Wohin? Looser zuckt mit den Achseln. Manche seien in die Braunkohle, andere zu anderen Zechen gegangen. Der EBV habe sich bis zuletzt sehr gut um jeden gekümmert, getreu dem Motto „Keiner fällt ins Bergfreie“.

Die persönlichen Bindungen seien aber von heute auf morgen weg gewesen, sagt Looser. Selbst, wenn Kumpel im Ort blieben. Neue Kameradschaft fand Looser im Sport, vor allem im Behindertensport. Ursache seiner Behinderung war ein Zwischenfall am 27. März 1946. Im Luftschachtgebäude von Anna III sollte Looser mit zwei Gesellen eine Turbine reparieren. Eine Kette war aus der Führung gesprungen. Bei einem waghalsigen Klettermanöver – das er, wie er betont, in jugendlichem Leichtsinn eigenmächtig vollzogen hatte – verliert er den Halt, greift im Fall in eine Starkstromleitung und verletzt sich dabei. In der Folge müssen ihm der Unterarm und ein Teil des Oberarms amputiert werden.

Radikal verändert

Nicht die einzige Beeinträchtigung seiner Gesundheit: Migräne, Magenleiden. Zweimal sei er dem Tod nahe gewesen, sagt Looser. das zweite Mal bei einem Magendurchbruch. Da habe er eine Botschaft an Gott geschickt – und der habe sofort geantwortet. Nicht mit Worten. Er habe aber Gottes Anwesenheit sofort gespürt. Gesprochen hat der 87-Jährige viele Jahre mit niemandem darüber. Nicht mal mit seiner Frau. Heute sagt er, dass die Begegnung ihn radikal verändert habe. Er habe sich seitdem stärker zurückgenommen, keinen Sinn mehr in langen Diskussionen und Konflikten gesehen. Erst nachdem seine Frau ihn auf die Wesensveränderung ansprach, rückte er mit der Sprache raus, teilte seine Erlebnisse.

Seine Gedanken dazu hat er im Jahr 2000 zu verschriftlichen begonnen. Das Ergebnis ist in „Hommage an Gott“ (Buchwerkstatt Berlin, ISBN 978-3-946467-22-9, 7,80 Euro) nachzulesen. Zwei Drittel der kleinen, 71-seitigen Biografie sind seinem sonstigen Leben gewidmet. Seiner Familie, seinem Beruf. Es ist also ein recht persönliches Zeitzeugnis, wenn man so will, und ein sehr eindrückliches.

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