Ehemaliges Kloster hat fast 100 Jahre das Ortsbild geprägt

Von: Elisa Zander
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Zwei Kriege hat das Gebäude überstanden – nun muss es für ein modernes Haupthaus für das Kinderheim weichen. Mit dem Bagger wird das Haus Stück für Stück abgetragen. Foto: Elisa Zander
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Auf die Glocke gibt Hausmeister Uwe Petat (rechts) besonders gut acht: Bernd Matthiesen, Rosi Sommer, Heinz Intrau und Karin Franken (v.l.) hoffen, dass das „Glöckchen“ demnächst wieder läuten wird.
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So soll das neue Haupthaus aussehen: An die Bestandsgebäude angelehnt aber nicht krampfhaft auf Alt gemacht.

Herzogenrath. Die Mauer zerfällt unter dem Druck der Baggerschaufel als ob sie aus Pulver wäre. Ziegelsteine fallen aus dem ehemals zweiten Stock auf die mittlerweile große Anhäufung von Schutt, an die Stelle, wo bis vor kurzem noch die kleine Nähstube war. „Dort haben wir vor ein paar Tagen noch Besprechungen gehabt“, erinnert sich Rosi Sommer.

Die Leiterin des Kinderheims St. Hermann-Josef in Merkstein wird ein bisschen melancholisch. „Einige Kinder waren am ersten Abrisstag hier. Einer fragte, ob er einen Stein mitnehmen darf. Zur Erinnerung.“ Das Gebäude, von dem an dem Tag nur noch die Hälfte steht, ist, oder war, das Hauptgebäude der Einrichtung. Beinahe 100 Jahre stand es in der nach Pfarrer Edmund Bungartz benannten Straße. Nun wird es dem Erdboden gleich gemacht.

Ein Bauarbeiter lässt zur Staubbindung kontinuierlich Wasser auf den Schutt niederprasseln. Der Baggerführer sortiert unterdessen mit dem 24-Tonner den Müll in die bereitstehenden Container.

Einige Anwohner stehen in der Bungartzstraße und sehen zu. „So etwas passiert ja nicht alle Tage“, sagt einer. Recht hat er. Und so hält der ältere Mann seinen Fotoapparat im Anschlag und drückt rechtzeitig auf den Auslöser, als eine Zwischenwand vom Bagger eingerissen wird. Staub wirbelt auf. Die Wasserzufuhr durch Bauarbeiter und Regen schafft eben nicht alles.

Mittagessen mit Ordensschwester

Auch Pfarrer Heinz Intrau ist an diesem Tag vor Ort. Und wie Rosi Sommer blickt auch er mit einem lachenden und einem weinenden Auge auf das Spektakel. „Ich bin hier früher oft zum Mittagessen gewesen“, fällt ihm spontan ein. Damit meint er die Zeit, in der einige Ordensschwestern vom Heiligsten Herzen Jesu aus Hiltrup noch in dem Gebäude lebten. Sie waren es, die sich seit der Gründung des Kinderheims um die dort lebenden Kinder und Jugendlichen kümmerten.

Aber seit 2009 ist alles etwas anders. Allein von 1995 bis 2009 war die Zahl der ansässigen Schwestern von acht auf zwei zurückgegangen. Und diese beiden Schwestern wurden dann auch noch von ihrem Orden abberufen.

Ungewollt stand die Pfarrgemeinde St. Willibrord Merkstein als Träger des Kinderheims vor einer wichtigen Entscheidung: Trennt man sich von dem Haus oder investiert man und sucht eine neue Leitung? „Aber für den Kirchenvorstand war das eigentlich keine große Frage“, erinnert sich Intrau an die Gespräche. Man sprach sich deutlich dafür aus, das Heim weiter zu führen.

Die Leitung liegt seitdem in den Händen von Diplom-Sozialarbeiterin Rosi Sommer. Sie brachte neue Ideen in das Haus und kommunizierte den Wunsch, wettbewerbsfähig zu bleiben. Denn: „In den vergangenen Jahren gab es mehr Anfragen, als wir Kinder aufnehmen konnten.“ Das war der Auslöser dafür, Gespräche mit dem Träger und dem Jugendamt der Stadt Herzogenrath zu führen. Man war sich einig: Eine Erweiterung soll her.

Erst wurde versucht, das Haupthaus durch aufwendige Sanierungsarbeiten zu retten. Aber Architekt Bernd Matthiesen zeigte auf, „dass das ein Fass ohne Boden gewesen wäre“, erinnert sich Heinz Intrau. „Es ist günstiger, das Haus abzureißen und neu zu bauen.“

Und eben dieser entstehende Neubau ist es, der Pfarrer Intrau mit einem lachenden Auge auf das Vorgehen blicken lässt.

Etwa zwei Millionen Euro kostet das Vorhaben. Möglich wird das unter anderem durch öffentliche und private Gelder und die Unterstützung der deutschen Fernsehlotterie, die 300.000 Euro in das Projekt investiert. „Dadurch ist der Bau von zwei Therapieräumen möglich“, freut sich die Heimleiterin.

Es sind Räume, die bislang nicht vorhanden sind. „Damit erweitern wir das pädagogische Angebot und können dem gestiegenen Förderbedarf unserer Kinder und Jugendlichen gerecht werden.“

Insgesamt entstehen 623 Quadratmeter Nutzfläche, darunter fünf Einzel- und zwei Doppelzimmer. Das bedeutet Platz für weitere neun Kinder, so dass die Zahl der Heimkinder auf insgesamt 39 ansteigen wird. Das Personal wird ebenfalls aufgestockt: Statt derzeit 24 werden sich künftig 30 Mitarbeiter um das Wohl der Kinder und Jugendlichen kümmern. „Das ist ein deutliches Zeichen für eine Investition in Kinder“, so Rosi Sommer.

Die Verwaltungsbüros werden wieder in das Haupthaus ziehen. Und eine zentrale Großküche wird entstehen. „Es gibt die Überlegung, die Kitas in unserer Trägerschaft künftig aus dieser einen Küche zu beliefern“, sagt Karin Franken, Koordinatorin der Pfarrei St. Willibrord. „Da achten wir innerhalb unseres Betriebs auch auf Wirtschaftlichkeit.“

Eines schönen Tages...

Effizienz – die soll es künftig im gesamten Gebäude geben. Schall-, Brand- und Dämmschutz konnte der scheidende Komplex nicht bieten. Dafür war es ein Ort der Geschichte, der Jahrzehnte das Ortsbild prägte. 1917 wurde es als St. Antonius Kloster, das mehr ein „Klösterchen“ war, wir Pfarrer Intrau sagt, gebaut. Die Ordensschwestern betreuten die Kranken und junge Frauen, die in der Knopf- und Munitionsfabrik arbeiteten. „Und dann wird immer erzählt“, beginnt Heinz Intrau die Erzählung, „dass eines schönen Tages ein kleiner Junge anonym vor der Haustür abgelegt wurde.“ Die Schwestern nahmen sich dem Kind an. „Das war die Geburtsstunde des Waisenhauses.“

Eben weil so viele Herzen an dem Haus hängen, hat man sich entschieden, den Neubau an den Bestand (drei Wohnhäuser von 1960) anzupassen. „Es wird kein hypermodernes Objekt“, sagt Architekt Bernd Matthiesen. „Aber es wird auch nicht krampfhaft auf Alt gemacht.“

Vielmehr sollen Strukturen beibehalten werden. Die auch von Außen sichtbaren zwei Treppenhäuser etwa. Oder der Eingangsbereich. Wo die vor dem Abriss geretteten Andenken, drei Kapellenfenster von Künstler Joachim Reil, Reliefe der Heiligen Hermann-Josef und Antonius und die Kapellenglocke einen Platz finden, wird sich später zeigen.

Ob man die Kapellenglocke auch wieder läuten hört? Matthiesen will das nicht ausschließen. Einen der Schaulustigen würde das besonders freuen. „Wir haben hier in der Kapelle geheiratet. Da hängen viele Erinnerungen an diesem Haus.“ Vielleicht nimmt er sich auch einen Stein mit nachhause. So wie der ehemalige Heimbewohner. Ein Andenken mit hundert Jahre altem Staub.

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