Ehemalige Priesterwohnung ist wieder mit Leben gefüllt

Von: Markus Bienwald
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Nur der Vater fehlt noch: Hejat Shawish mit ihren Kindern auf dem Sofa im neuen Wohnzimmer ihrer Wohnung. Fotos (2): Markus Bienwald Foto: Markus Bienwald
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Hier kommen die Möbel: Mitarbeiter des Merksteiner Gebrauchtwarenkaufhauses „Patchwork“ legen kräftig Hand an. Foto: Beatrix Oprée

Herzogenrath. Acht Jahre alt war Almaaz Shawisch, als sie in den Flieger gesetzt wurde. Ganz alleine. Ostern ist das gewesen. Ihre Familie traf die Kleine erst einige Zeit später wieder. Es ging weg für sie aus ihrer von Bomben zerstörten Heimatstadt Aleppo, heraus ging es aus ihrem kriegsgeschüttelten Heimatland Syrien, hinein in ein neues Leben. Doch das Mädchen dürfte das Ganze kaum als Abenteuer aufgenommen haben.

„Schließlich ging es weg aus ihrer Heimat“, sagt Eva Sommer, Sozialarbeiterin der Gemeinde St. Josef in Straß. Sprechen will die inzwischen Neunjährige über die Flucht, die ihr wahrscheinlich das Leben gerettet hat, nicht. „Sie geht viel lieber zur Schule, hier macht sie mit, liebt die Offene Ganztagsschule und war auch bei der Adventfeier zum Jahresabschluss voll dabei“, erzählt Sommer weiter.

Enormer Zeitdruck

Sie will lernen und leben. In Straß hat die Familie ein neues Zuhause gefunden. Der Onkel hat schon in der Stadt gewohnt, doch bis die Mutter und die drei Brüder von Almaaz – Ewan (3), Sherwan (6) und Yan (8) – wieder gemeinsam leben durften, vergingen drei lange Monate. In der Zwischenzeit hatte Almaaz einen gesetzlich vorgeschriebenen Vormund. Die Familie kam zunächst beim Onkel unter. „Das war ein Zustand, der natürlich nicht lange anhalten durfte, im Sinne aller Beteiligten“, sagt Eva Sommer. Hilfe kam mit der Idee, die freigewordene Pfarrwohnung von St. Josef zu nutzen. „Wir mussten ohnehin renovieren, die Wohnung war zuletzt leider unbewohnbar“, erklärt Gemeindereferent Wilfried Hammers. „Durch die anstehende Aufnahme der Familie mussten wir alles unter enormem Zeitdruck erledigen“, erzählt er weiter. Das bedeutete, in nur sechs Wochen einen großen Wasserschaden beseitigen, von den Böden über den Anstrich bis zu den Türen alles zu erneuern, um den Menschen aus Syrien den Neustart in einer fremden Umgebung so leicht wie nur möglich zu machen. „Das ging nur durch den gemeinschaftlichen Einsatz aller Menschen in unserer Gemeinde“, sagt Hammers. Mit der Gemeinschaft und dem guten Gefühl, nicht alleine dazustehen, kennen sie sich in Straß bestens aus.

Sehr aktives Netzwerk

So wohnte schon einmal eine kurdische Flüchtlingsfamilie in der einstigen Priesterwohnung. Über zehn Jahre ist das her, mittlerweile lebt diese Familie im eigenen Heim in Straß und ist voll ins Leben im Stadtteil integriert. „Wir haben schon damals Menschen- und Telefonketten gebildet, um die kurdische Familie vor einer drohenden Abschiebung zu schützen“, erinnert sich Wilfried Hammers.

Und so war es für ihn überhaupt keine Frage, wieder zu helfen und die Wohnung einer Flüchtlingsfamilie bereitzustellen, wie es aktuell der Fall ist. Das wird auf unbestimmte Zeit so bleiben, sagt Hammers. Dafür wird auch das sehr aktive lokale Netzwerk in Straß sorgen. Denn hier arbeiten Einrichtungen wie die Kirchengemeinde St. Josef, die Schule, die Kindertagesstätte, die gemeinnützigen Organisationen wie die Mittagstisch-Initiative „Tellerrand“ und und das nachbarschaftliche Unterstützungsnetzwerk „Vergissmeinnicht“ zusammen, um Menschen – egal welcher Herkunft – zu helfen, ihnen ein gutes Leben zu ermöglichen.

„Natürlich ist das hier alles noch sehr neu für Familie Shawisch“, sagt auch Sozialarbeiterin Eva Sommer. Doch die Erfahrungen aus der Vergangenheit zeigten, dass in der Gemeinschaft die Hilfe so groß sei, dass sich Menschen hier schnell heimisch fühlten.

Das von den Grundschulkindern gemalte Willkommensschild, das an der Wohnungstüre klebt, ist da nur ein kleiner Mosaikstein dessen, was oft unter „Willkommenskultur“ verbucht wird. Viel wichtiger ist es, den Menschen das Gefühl zu geben, dass sie angekommen und willkommen sind, da sind sich alle Beteiligen sicher.

In Freiheit und Frieden

„Das ist besonders wichtig, denn der Vater der Familie ist auf seiner Flucht aus Syrien derzeit noch in der Türkei gestrandet und muss erst noch seinen Weg nach Straß machen“, erklärt Eva Sommer. Denn auch er hat letztlich seine Heimat aufgeben müssen, um anderswo ohne Bombengefahr leben zu können. Und auch er soll bald in Straß nicht nur seine Lieben wieder in den Arm nehmen, sondern auch in Frieden und Freiheit leben können.

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