E-Mobil: Entwicklungsarbeit in Alsdorf

Von: Karl Stüber
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Testfahrt mit dem Gast glücklich überstanden: GIF-Mitarbeiter Matthias Biringer, Teamleiter Software, am Fahrzeug mit Kegelringantrieb. Foto: Stüber

Alsdorf. Jahrelang hat Dr. Ulrich Rohs an der RWTH Aachen gelehrt. Rohs ist der Einrichtung weiterhin eng verbunden, etwa bei dem Gemeinschaftsprojekt „StreetScooter”. Hierbei handelt es sich um das Konzept eines serienfähigen Kleinwagens, der als Elektrofahrzeug für die Nutzung im städtischen Verkehr ausgelegt ist.

„Auch E-Mobile brauchen ein Getriebe, vor allem mit Blick auf niedrige und hohe Drehzahlen”, sagt Rohs.

Die Veredelung und Weiterentwicklung dieses Getriebeprinzips ist das absolute As der Gesellschaft für Industrieforschung (GIF) auf dem internationalen Markt. Als Testfahrzeug dient bei der Probefahrt ein handelsüblicher Ford Fiesta mit 1,6-l-Maschine.

Das eingebaute Kegelringgetriebe lässt das mehr oder weniger übliche Einnicken des Wagens, das scheinbare Kraftsammeln vor dem Beschleunigen herkömmlicher stufenloser Getriebe („Gummibandeffekt”) vergessen. Sanft, aber kontinuierlich wird die Kraft des Motors, der dabei im verbrennungstechnisch günstigsten und effektivsten Drehzahlbereich gleichförmig läuft, auf die Antriebsachse übertragen - als wenn Engel ziehen würden.

Das ist vor allem bei fortdauerndem Anfahren, Anhalten und zwischenzeitlicher „Kriechfahrt” in Ballungsgebieten von Vorteil. Bis zu 28 Prozent Treibstoff können dank Know-how aus Alsdorf gegenüber Fahrzeugen mit konventionellem Automatikgetriebe gespart werden, sagt Dr.-Ing. Ulrich Rohs. Mit Kegelringgetrieben kennt er sich bestens aus. Rohs ist Sprecher der GIF-Geschäftsführung. Im Jahre 1986 hatten Rohs und Dr.-Ing. Dieter Voigt zusammen mit einigen Mitarbeitern des Instituts für Kraftfahrwesen (ika) der RWTH Aachen das Unternehmen gegründet.

Auch jetzt, 25 Jahre danach - kürzlich stand das Firmenjubiläum mit einer Fahrt auf dem Rhein an - sprüht der 74-jährige Dürener Rohs vor Witz und Detailwissen. Es macht ihm einfach Spaß, knifflige technische Aufgaben zu lösen.

Rohs Firma, die im chinesischen Suzhou, einer Stadt mit sieben Millionen Einwohnern, im vierten Jahr eine Niederlassung mit Prüfständen betreibt, darf sich nun über einen strategisch wichtigen Auftrag aus dem alten Reich der Mitte freuen.

Ein chinesischer Autohersteller, dessen Namen Rohs auf Wunsch dieses Gesprächspartners für sich behält, setzt auf die KRG-Technik und will diese in seinen Fahrzeugen einbauen. Das KRG ist genau das Richtige für Fahrzeuge, die sich im Stop-and-go-Modus durch vollgestopfte chinesische Straßen schieben müssen.

Die Zeit drängt. Die Serienfertigung des Wagens mit 1,4-l-Motor soll im Jahre 2013 anlaufen, eine entsprechende Fabrik wird derzeit gebaut.

Die Firma GIF soll mit dem nun geschlossenen Entwicklungsvertrag das Automatikgetriebe in den chinesischen Wagen einpassen. Dazu gehört, für einen möglichst kostengünstigen Einbau in der Massenfertigung zu sorgen. Also nicht nur eine Aufgabenstellung für echte Schrauber und Ingenieure, sondern auch für Softwarespezialisten. „Das bedeutet, dass Entwicklungsarbeit nicht nur in China, sondern auch am Standort Alsdorf geleistet wird”, sagt Rohs.

Das Kegelringgetriebe zählt zu den von der chinesischen Führung ausgewählten und gewünschten Technologien, um das riesige Land voranzubringen. Folglich gibt es für chinesische Firmen, die die Vorteile erkennen und sie in Produkten Made in China einsetzen wollen, entsprechende Förderung durch den Staat, wie Rohs erläutert.

Rohs sieht die Rahmenbedingungen für den weiteren Vertrieb des KRG in China mit Blick auf den neuen Lizenz- und Entwicklungsvertrag überaus positiv. Noch in diesem Jahr rechnet er mit einem weiteren Vertragsabschluss. Das Verhandlungsvolumen beläuft sich auf rund 11 Millionen Euro. Das klingt erfreulich.


Auch der Ford Fiesta mit Kegelringgetriebe hat seinen Gastfahrer augenscheinlich gut überstanden, inklusive Anfahrt in Steillage. Für solche Herausforderungen steht auf dem GIF-Gelände als Stichstraße der Teststrecke ein kleiner Hügel zur Verfügung. Co-Pilot Matthias Biringer sagt, dass noch viel Arbeit vor ihm und seinen GIF-Kollegen liegt. Aber das ist auch eine Frage der Berufsehre von Ingenieuren und Techniken. Aufgaben sind dazu da, gelöst zu werden. Die Spezialisten werden dies sicherlich meistern - am Standort Alsdorf.

Geschäftsführer Wolfgang Schmitz führt durch die weitläufigen Hallen mit verschiedenen Prüfständen. Ausgetestet und optimiert werden hier Motoren. Über die GIF-Standorte verteilt sind es insgesamt 120 Prüfstände, die in der Regel rund um die Uhr in Betrieb sind.

Auftraggeber sind erste Adressen der deutschen Automobilherstellerkunst. Entsprechend motorisiert ist die Geschäftsführerriege. So fährt man mit Blick auf die Kunden VW, BMW und Daimler, sagt Rohs schmunzelnd.



Beim Kegelringgetriebe erfolgt die stufenlose Übersetzungsanpassung über zwei Kegel und einen Ring. Diese Übertragungselemente sind im Betrieb durch einen Ölfilm voneinander getrennt.

Der Traktionseigenschaft des Öls kommt eine entscheidende Bedeutung zu. Um das Öl hinsichtlich Leistungsübertragung optimal gestalten zu können, sind im KRG die Ölräume für die Lagerung und die stufenlose Reibkraftübertragung voneinander getrennt.

Als Anfahrelement sind grundsätzlich alle in der Automobilindustrie bekannten Systeme möglich. Da das KRG aufgrund seiner mechanischen Anpressung keine Druckölpumpe benötigt, bietet sich eine automatisierte Trockenkupplung mit ihrem systembedingten hohen Wirkungsgrad besonders an.

Als Entwicklungspartner für nahezu alle namhaften Automobilhersteller weltweit löst GIF anspruchsvolle Detailprobleme im Bereich Antriebsstrang und Getriebe. Eine Vielzahl von Erfindungen sind national wie international angemeldet.

GIF zählt am chinesischen Standort Suzhou 60 Mitarbeiter, in Wolfsburg und Aachen je 50 und in Alsdorf 376 Mitarbeiter. GIF ist in den USA, Japan und Südkorea präsent.

Das Unternehmen erzielte im Jahre 2010 einen Gesamtumsatz von 42,3 Millionen Euro.

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