Dringend Gastfamilien für junge Flüchtlinge gesucht

Von: Verena Müller
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Nordkreis. Herbert Heinrichs ist bestimmt kein Mensch, der zu Übertreibung oder gar zur Panikmache neigt. Und wenn er als Leiter des Jugendamtes sagt, dass er „SOS funken“ müsse, dann muss die Lage schon sehr ernst sein. Was ist passiert?

Das Jugendamt weiß nicht, wie es Jugendliche, ja, zum Teil sogar Kinder unterbringen soll, die als Flüchtlinge ohne Eltern nach Alsdorf gekommen sind. Die Kinderheime sind voll, Pflegefamilien eh schon rar gesät. Und: Immobilien, in denen man eine betreute Wohngruppe einrichten könnte, hat die Stadt auch nicht.

„In den ersten beiden Oktoberwochen waren es acht Jugendliche. Die konnten wir noch in Pflegefamilien vermitteln“, sagt Heinrichs. Am Montag kamen 17 weitere, einige sind traumatisiert, einige behindert. Die meisten davon haben einen Großteil der Flucht gemeinsam bewältigt und wollen nicht getrennt werden. Heinrichs: „Wir suchen händerringend ein Haus, das wir herrichten können.“

Derzeit sind die Kinder und Jugendlichen, etwas separiert vom Rest, in der Turnhalle des Berufskollegs untergebracht und werden durch das Jugendamt regelmäßig besucht. Der Gesetzgeber verlangt aber eine heimgerechte Unterbringung. Und wie das Problem jetzt zu lösen ist, überlässt das Landesjugendamt mit Verweis auf die geltende Gesetzeslage dem Vernehmen nach den Kommunen. Das ist auch eine Haftungsfrage.

Wer die Nachrichten aufmerksam verfolgt, kann sich ausmalen, dass es nicht bei den 25 Alsdorfer Fällen bleibt. Am Sonntag, 1. November, tritt das sogenannte Gesetz zur Verbesserung der Unterbringung, Versorgung und Betreuung ausländischer Kinder und Jugendlicher in Kraft. Der Verteilungssystem des Landes NRW sieht vor, dass Kommunen pro 1600 Einwohner einen unbegleiteten Minderjährigen aufnehmen müssen. Die Kosten sollen erstattet werden.

Kinder und Jugendliche aus Kriegs- und Krisengebieten wie die, die sich derzeit in Alsdorf befinden, haben sehr oft belastende Erfahrungen gemacht. Sie kommen aus Syrien, Afghanistan, Eritrea, Irak, Somalia und den Balkanstaaten. Sie haben Krieg miterlebt, sind bedroht, verfolgt, manchmal verletzt und gefoltert worden. Sie machen sich Sorgen um Eltern, Geschwister und Angehörige, von denen sie teilweise nicht wissen, ob sie überhaupt noch leben. Deshalb ist es eine besonders verantwortungsvolle Aufgabe, solche Minderjährige aufzunehmen.

Menschen, die sich dieser Aufgabe stellen wollen, suchen die Jugendämter der Städte Alsdorf, Herzogenrath und Würselen. Familien, Einzelpersonen und Lebensgemeinschaften, die bereit sind, ein Kind oder einen Jugendlichen kurz- oder längerfristig aufzunehmen. Die Kinder und Jugendlichen benötigen einen Anker, der ihnen Halt und Sicherheit gibt.

Die Aufnahme stellt für Pflegeeltern eine besondere Herausforderung dar. Sie müssen neben sozialer und interkultureller Kompetenz gegebenenfalls damit umgehen können, dass die Zukunft ihres Pflegekindes wenig planbar erscheint und die Rechtslage für volljährig gewordene Flüchtlingskinder ungewiss ist. Kenntnisse in Englisch oder anderen Sprachen sind von Vorteil, Kontakte zur Herkunftsfamilie (Internet, Skype) sollten ermöglicht werden, ein „guter Draht“ zu jungen Menschen sollte bestehen, Anschluss an gleichaltrige Jugendliche möglich sein.

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