Dragan Jovanovi: Ein doppelter Neuanfang in Bardenberg

Von: Verena Müller
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Ein Neuanfang im doppelten Sinne: Erzpriester Dragan Jovanović wird zum ersten Mal die Gottesdienste an Heiligabend und Weihnachten in der Serbisch-Orthodoxen Kirchen in Würselen Bardenberg abhalten. In seinen Händen: ein Badjnak. Foto: Verena Müller

Würselen. Die Vorbereitungen für das Weihnachtsfest an diesem Wochenende sind so gut wie abgeschlossen. An diesem Wochenende? Ja. In der Serbisch-Orthodoxen Gemeinde in Würselen-Bardenberg. Erzpriester Dragan Jovanovi wird hier zum ersten Mal die Gottesdienste am Heiligabend und an Weihnachten abhalten – er ist erst im vergangenen August von Hamburg nach Bardenberg versetzt worden.

Ein bisschen versteckt liegt die Kirche, am Ende einer Sackgasse im Wohngebiet. Und so unscheinbar der Bau von außen wirken mag, so überrascht ist man vom Inneren: Aus einem lettnerähnlichen wandfüllenden Gebilde aus dunklem Holz blicken einen im Kirchenraum goldhinterlegte Ikonen an. Angefertigt in der alten Heimat, in Serbien. Links neben dem Altarraum warten bereits 500 „Badnjak“ auf die Gemeindemitglieder. Was es damit auf sich hat, erklärt der 51-Jährige Verena Müller im Interview:

 

Herr Jovanovi, wie bereiten sich orthodoxe Christen auf Weihnachten vor?

Jovanovi: Der Beginn ist die sechswöchige Fastenzeit. In der Zeit verzichtet man auf Fleisch, Eier, Milch, Alkohol und die meisten Süßigkeiten. Gegessen wird also vor allem Fisch, Gemüse und Obst. Die letzten drei Wochen vor Weihnachten sind vor allen den Kindern, der Mutter und dem Vater gewidmet.

Wie sieht das konkret aus?

Jovanovi: Es gibt einen Brauch, der die Verbundenheit innerhalb der Familie symbolisiert: In der drittletzten Woche werden den Kindern die Hände gebunden und sie müssen selbst das Band lösen. Danach erhalten sie Geschenke. In der Woche darauf werden der Mutter, danach dem Vater die Hände auf gleiche Weise gebunden. Aber: Nach dem Lösen erhalten wieder die Kinder Geschenke.

Ah. Dann sind die Kinder aus orthodoxen Gemeinden ja gar nicht im Nachteil, weil sie erst am 7. Januar Weihnachten feiern! Sondern sogar im Vorteil!

Jovanovi: (lacht)

Und an Weihnachten gibt es auch noch mal Geschenke?

Jovanovi: Ja.

Toll! Und wer bringt die? Das Christkind? Inzwischen ist es bei uns ja leider in manchem Familien der Weihnachtsmann...

Jovanovi: Nein, das gibt es bei uns nicht. Die Eltern übergeben die Geschenke. Wir kennen natürlich auch den Nikolaus, der am 19. Dezember kommt. Die zeitliche Verschiebung um zwei Wochen hat damit zu tun, dass die Russische und Serbische-Orthodoxe Kirche nach dem alten Kalender rechnen.

Nach dem julianischen statt dem gregorianischen.

Jovanovi: Genau.

Wird ein Weihnachtsbaum aufgestellt?

Jovanovi: Nein, keinen Tannenbaum. Aber es gibt einen großen Badnjak in der Kirche. Unter den wird Stroh gestreut. Darauf legt man Mandarinen und Nüsse.

Wie ist der Ablauf an Heiligabend?

Jovanovi: An Heiligabend wird immer noch gefastet. Viele Menschen gehen dann abends in die Kirche. Unser Gottesdienst beginnt um 18 Uhr und dauert eine Stunde. Traditionell erhält jede Familie am Ende ein Badjnak. Das ist ein Ast, um den Stroh und Eichenlaub gebunden werden.

Wofür steht das Badnjak?

Jovanovi: Das Stroh steht für das Stroh in der Krippe. Der Ast für Feuer. Hier in Bardenberg haben wir auch die Möglichkeit, nach dem Gottesdienst die Badnjak aus dem Vorjahr zu verbrennen. So ist es eigentlich gedacht, in Hamburg hatten wir diese Möglichkeit aber nicht.

Was passiert an Weihnachten?

Jovanovi: Der 7. Januar steht für Neuanfang und er beginnt um 10 Uhr mit einem Gottesdienst. Generell sind der 6. und der 7. Januar Tage, an denen Ruhe einkehren soll und sich Menschen gegenseitig verzeihen. Man grüßt sich traditionell mit den Worten „Friede Gottes, Christus ist geboren“.

Was wird denn zum Fest hauptsächlich gegessen?

Jovanovi: Während an Heiligabend meist Bohnen gekocht werden, Fisch und zum Beispiel Erdnüsse gereicht werden, wird an Weihnachten ein Schwein oder ein Lamm gebraten. Eine Besonderheit ist ein spezielles Brot, das selbst gebacken wird. Es ist schön dekoriert und in ihm ist eine Münze versteckt. Das Brot wird gebrochen, nicht geschnitten. Wer dabei die Münze findet, dem ist das Glück im ganzen kommenden Jahr hold. Ein weiterer Brauch will, dass die Familien zwar zu Hause bleiben, aber junge Söhne andere besuchen. Das soll Glück bringen. Der Junge erhält als Gast ein Geschenk, eine Süßigkeit oder etwas anderes.

Für Sie wird es das erste Weihnachten in Bardenberg sein. Wie bereiten Sie sich darauf vor?

Jovanovi: Nicht anders als sonst. Ich befinde mich noch in der Kennenlernphase. Die Badnjak sind schon fertig, dabei haben uns – also meiner Familie und mir – ein paar Gemeindemitglieder geholfen.

Wie wurden Sie hier in Würselen denn im vergangenen Sommer empfangen?

Jovanovi: Freundlich. Aber der Wechsel von Hamburg war für mich nicht ganz leicht, das muss ich gestehen. Und auch mein Vorgänger hier in Bardenberg war mit der Versetzung nicht ganz einverstanden. Das hat die Stimmung etwas getrübt.

Was vermissen Sie hier?

Jovanovi: Ein aktives Gemeindeleben. In Hamburg gab es ein gesundes System, von humanitärer Hilfe bis hin zu verschiedensten Aktivitäten. Hier gab es mal einen Fußballverein, einen Kulturverein und eine Folkloregruppe, aber nichts davon hat sich gehalten. Das ist sehr schade.

Das heißt... Ihre Aufgabe ist es hier, das „Hamburger Modell“ einzuführen.

Jovanovi: (lacht) So ungefähr. Ich sehe das als Aufgabe. Und als einen Anfang.

Worauf freuen Sie sich, mit Blick auf Weihnachten?

Jovanovi: Auf eine volle Kirche. Es ist so schön zu sehen, wenn viele Menschen da sind. Drei Generationen sind es inzwischen, das ist ein schönes Gefühl.

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