Alsdorf - Dirigent Günther Kerkhoffs: „Wer singen will, muss die Klassik kennen“

Dirigent Günther Kerkhoffs: „Wer singen will, muss die Klassik kennen“

Von: Stefan Schaum
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Den Mund ganz weit öffnen und die Stimme kraftvoll rauslassen: Auch für die Musikalische Früherziehung setzt Günther Kerkhoffs sich gern ein. Dazu besucht er einmal wöchentlich die Kleinen im evangelischen Familienzentrum in Ofden. Foto: Stefan Schaum
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Auch für dieses Oratorium gab es donnernden Applaus: Die Inszenierung von Händels „Der Messias“ hat jüngst das Publikum in der Stadthalle begeistert. Foto: Dagmar Meyer

Alsdorf. Vor Herausforderungen schreckt Günther Kerkhoffs nicht zurück. Das hat er noch nie getan. Als Leiter des Schulchors der ehemaligen Hauptschule in Alsdorf-Ofden hat er gleich zu Beginn das „Stabat Mater“ von Pergolesi aufgeführt. Das liegt bald 50 Jahre zurück – und es war ein großer Erfolg. Viele weitere sollten schon bald hinzukommen.

Auch mit dem gemischten städtischen Chor, den Kerkhoffs in Alsdorf seit 40 Jahren leitet und der sein Jubiläum jüngst mit einer Aufführung von Händels „Messias“ gekrönt hat. Über die musikalischen Wagnisse und die Zukunft seiner Chorarbeit spricht der 72-jährige Aachener im Interview.

Den Jugendchor der Stadt Alsdorf haben Sie 1970 gegründet. Haben Sie geahnt, dass sie 2013 immer noch dessen Geschicke lenken werden?

Kerkhoffs: Nein. Die Gründung wurde mir übrigens angetragen. Nach einem Schulkonzert kam der damalige Stadtdirektor Dr. Helmut Eckert zu mir und meinte: „Jung, wollen wir da nicht was Städtisches draus machen?“ Das ging dann ganz schnell. Im Mai 1970 wurde der Chor im Rahmen der Volkshochschularbeit gegründet. Und schon nach 14 Tagen hatte ich 50 Sänger zusammen.

Blieb der Zuspruch über all die Jahre so hoch?

Kerkhoffs: Im Großen und Ganzen schon. Aber so ein Jugendchor ist ein flexibler Klangkörper, da gehen immer wieder Stimmen raus, und es gibt auch mal dünnere Zeiten. Wenn eine Ausbildung beginnt oder ein Studium, fehlt vielen die Zeit für regelmäßige Proben. Und regelmäßige Proben müssen sein. Wer wirklich gut und auf hohem Niveau singen will, muss präsent sein. Da muss man auch an seinem Geburtstag kommen und mitsingen. Das mache ich ebenfalls. Es gelingt zum Glück bis heute, neue Stimmen für unseren Chor zu finden. Wohl auch, weil ich ziemlich schnell den Unterbau verstärkt habe.

Den Unterbau?

Kerkhoffs: Ja, denn ohne Vorbereitung in einem ganz jungen Alter kann ein Jugendchor auf Dauer nicht funktionieren. Deshalb kamen schon kurz nach Gründung der Kinderchor und eine Singschule hinzu.

Was ist Ihr Anspruch?

Kerkhoffs: Der ist damals wie heute gleich: Ich möchte Kinder und Jugendliche an die klassische Chormusik heranführen.

Ist das noch zeitgemäß? Wo heute doch jedes Kind mit Pop-Musik aufwächst.

Kerkhoffs: Ich denke schon. Wer wirklich gut singen will, der kommt um eine klassische Ausbildung nicht herum. Ich bin auf dem Feld der Pop-Musik zwar nicht so bewandert, aber die wirklich großen Sänger in diesem Bereich sind die, die sich auch in der Klassik auskennen. Wir verschließen uns dem Pop ja auch nicht. Es ist klar, dass mehr jüngere Sänger dem Chor zufließen, wenn sie wissen, dass auch diese Musik eine Rolle spielt. Im Bereich Musical können wir zum Beispiel viele Produktionen vorweisen: „Hair“, „Jesus Christ Superstar“ oder „Der kleine Tag“ von Rolf Zuckowski.

Was wird die Zukunft den Chören bringen?

Kerkhoffs: Große Herausforderungen. Im Kinder- und Jugendbereich machen uns die Offenen Ganztagsschulen und das G8-Abitur sehr zu schaffen. Ich kann schon lange keine Probe mehr um 16 Uhr ansetzen. Dann sind die meisten Kinder noch in der Schule oder müssen zuhause lernen. Und später fehlt mitunter die Konzentration. Das macht es uns richtig schwierig. Auch im Erwachsenenbereich sind Kooperationen immer wichtiger, um große Konzerte stemmen zu können. Es hat aber auch Vorteile, denn es erweitert das Repertoire. Der gemischte Chor könnte zum Beispiel bald mit dem Neuen Chor Würselen auf der Bühne stehen. Da läuft momentan eine Annäherung. Das kann dann in Richtung moderner, sakraler Pop gehen. Bis das mal auf einem stabilen Fundament steht, wird es aber dauern. Das geht nur Schritt für Schritt. Heutzutage kann man am besten projektbezogen arbeiten und sich für Aufführungen mit Gastsängern verstärken oder mit anderen Chören gemeinsame Sache für bestimmte Anlässe machen.

40 Jahre gemischter Chor Alsdorf. Passt da das Etikett „Erfolgsgeschichte“?

Kerkhoffs: Wenn man sich die Chronik so anschaut, ganz sicher. Ich höre das oft von Konzertbesuchern. Die sagen dann: „Dieses Werk habt ihr schon gemacht und dieses auch? Alle Achtung!“ Da stehen viele Meisterwerke der Klassik in der Liste. Die jüngste Aufführung des „Messias“ von Händel war auch wieder so ein Highlight. Das war meisterhaft. Nicht, weil ich es dirigiert habe – sondern weil der Chor sich in einer Weise präsentiert hat, dass man einfach sagen muss: Wow! Und das in der Stadthalle, die für Klassik nicht so gut geeignet ist wie für Pop oder Musical. Dazu kamen Bildprojektionen des Malers Emil Ciocoiu. Das war insgesamt großartig. Dabei war die Gründung des gemischten Chores vor 40 Jahren schwierig.

Warum?

Kerkhoffs: Weil es viel Gegenwind von anderen Chören und Gesangsgruppen gab. Dass ich die Jugendarbeit gefördert habe, fanden alle super. Davon konnten sie später ja vielleicht auch profitieren. Aber als dann die Erwachsenen kamen, hieß es gleich: Konkurrenz! Es hat gedauert, den Chor fest in die Alsdorfer Gesangslandschaft zu integrieren.

Worauf freuen Sie sich in der künftigen Arbeit?

Kerkhoffs: Zum Beispiel darauf, bald wieder eine „Carmina Burana“ zu inszenieren. Das Stück kann man einfach nicht totreiten. Wir haben es schon konzertant aufgeführt, dann mit Ballett. Und immer wieder reißt es die Zuschauer mit. Im kommenden Jahr will ich es nach sieben Jahren wieder auf die Bühne bringen. Ich weiß aber noch nicht, in welcher Form.

Gab es auch Zeiten, in denen Sie den Dirigentenstab gern weitergeben wollten?

Kerkhoffs: Ja. Ich hab‘ hin und wieder mal gedacht, dass ich den ganzen Laden hinschmeiße. Aber wie Alsdorfs Bürgermeister Alfred Sonders einmal über mich gesagt hat: „Der Kerkhoffs ist ein Kämpfer!“ Und so sind die Alsdorfer Chöre immer noch da – und ich auch.

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