Region - Die vergessene Katastrophe: Vor 100 Jahren starben mehr als 100 Bergleute

Die vergessene Katastrophe: Vor 100 Jahren starben mehr als 100 Bergleute

Von: Ulrich Simons
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Damals noch am Rande der Stadt: Die Grube Anna in Alsdorf auf einem Foto aus dem Jahr 1906. Foto: Verein Bergbaumuseum Grube Anna II
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Dieses Foto mit dem Fördermaschinenhaus der Eduardschachtanlage stammt aus dem Jahr 1910. Heute ist das letzte noch erhaltene Gebäude der Ursprungsarchitektur von Anna II Teil des „Energeticon“. Foto: Verein Bergbaumuseum Grube Anna II
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Ein Zeitungsausschnitt von den Tagen nach dem Unglück. Das „Echo der Gegenwart“ hat relativ kurz berichtet. Allerdings war die Anzahl der Seiten auch deutlich geringer als die Umfänge heutiger Tageszeitungen. Foto: Verein Bergbaumuseum Grube Anna II

Region. Der Tod kommt auf leisen Sohlen. Keine gewaltige Schlagwetter­explosion wie 13 Jahre später an gleicher Stelle, kein kapitaler Wassereinbruch wie beim Grubenunglück von Lengede im Oktober 1963. Der Sensenmann holt sich seine Opfer lautlos: in einer giftigen Rauchgaswolke.

Der 29. November 1917 ist ein Donnerstag. Kalt, trübe und schwer hängen die Wolken am Himmel über Alsdorf. Schnee liegt in der Luft. Auf „Anna 1“, später Mutter aller Bergwerke im Wurmrevier, ist die Frühschicht planmäßig eingefahren. Nichts deutet darauf hin, dass die Stadt am Abend Trauer tragen wird.

Was am frühen Nachmittag unter Tage passiert, ist weitgehend in Vergessenheit geraten, verblasst vor dem Hintergrund der Katastrophe von 1930. Sicher scheint, dass 450 Meter vom Schacht entfernt eine Benzollokomotive in Brand gerät. „Vermutlich wegen eines in den Kriegsjahren verwendeten schadhaften Materialteils“, schreibt Hans Jakob Schaetz­­ke 1992 in seiner EBV-Chronik „Vor Ort“.

In den Anfangsjahren des Bergbaus hatten Grubenpferde die Loren mit Kohle und Abraum gezogen. Dann hatte die industrielle Revolution auch unter Tage Einzug gehalten, und die Vierbeiner waren nach und nach durch kleine Lokomotiven ersetzt worden. Als Treibstoff für die Alsdorfer Grubenloks diente Benzol. Es fiel bei der Steinkohleverkokung als Nebenprodukt an, und war daher vor Ort kostengünstig zu erhalten. Allerdings hatte es zwei gravierende Nachteile: Schon bei der regulären Verbrennung wur­de viel giftiges Kohlenmonoxid freigesetzt. Zudem war das leicht flüchtige Benzol explosiv.

Eine dieser mit Benzol betriebenen Loks war unter Tage leckgeschlagen und hatte Feuer gefangen. Die Folgen sind verheerend. Am Ende stehen rund 800 Meter hölzerner Streckenausbau in Brand, angefacht durch den Luftzug der Bewetterung, die den tödlichen Qualm in die letzten Winkel der Grube trägt. Weil die Telefonleitungen unter Tage durch das Feuer verschmort sind, können die Kumpel nicht mehr gewarnt werden.

Dürftige Berichtserstattung

Als die Grubensirenen verstummen, legt sich eine bleierne Stille über die Stadt. Dann macht sich alles auf zur Zeche. Das „Echo der Gegenwart“ berichtet am Tag danach: „Wie bei allen Katastrophen verbreitete sich die Kunde von dem Unglück schnell. Nach kurzer Zeit war der Eingang der Grube umdrängt von Frauen, Kindern, Müttern und Vätern, die um das Schicksal ihrer Lieben bangten, die morgens nichtsahnend von zu Hause weggegangen waren.“

Die Berichterstattung ist nach aktuellen Maßstäben dürftig. In vielen Chroniken ist das Unglück bis heute nicht aufgeführt, im „Politischen Tageblatt/Aachener Anzeiger“ wird es zunächst nur kurz angerissen. Andere Themen haben das Unglück von der Titelseite verdrängt. Der Erste Weltkrieg wütet seit mehr als drei Jahren, am 7. November haben in Petrograd die Roten Garden der Bolschewiken unter Lenin den Winterpalast gestürmt, den Sitz der provisorischen Regierung. Der Tag gilt als Beginn der russischen Oktoberrevolution. Erst in der Abendausgabe vom 30. November 1917 findet sich eine dürre Meldung mit diesem Wortlaut: „Alsdorf. Auf Grube Anna 1 brach gestern mittag, von einer Benzol-Lokomotive ausgehend, ein Grubenbrand aus. Bis jetzt sind 8 Tote geborgen. der Brand ist lokalisiert.“

Einen Tag später, am 1. Dezember 1917, wird das ganze Ausmaß des Unglücks erahnbar. In der Morgenausgabe des „Politischen Tageblattes“ heißt es: „Bis heute vormittag waren 27 Leichen geborgen und 31 Bergleute werden noch vermisst. Die Bergungsarbeiten werden mit größter Energie fortgesetzt, doch besteht wenig Hoffnung auf Rettung der Eingeschlossenen.“ Das „Echo der Gegenwart“ fügt in schlichten Worten Schreckliches hinzu: „Bemerkt sei noch, dass eine Frau ihren Mann und zwei Söhne bei dem Unglück verloren hat.“

40 verletzte Bergleute

58 unmittelbar tote und 40 verletzte Bergleute werden am Ende zu beklagen sein, unter ihnen 17 russische Kriegsgefangene und ein Serbe. Die Zahl der Kumpel, die in den nächsten Tagen in den umliegenden Krankenhäusern ihren Verletzungen erliegen, wird auf 60 geschätzt.

Besonders tragisch: Viele qualifizierte Bergleute waren dem Dienst an der Front entgangen, weil sie zur Aufrechterhaltung der kriegswichtigen Kohleförderung in ihrem alten Beruf unter Tage gebraucht wurden. Dort fanden sie nun den Tod.

Am Dienstag, 4. Dezember, nimmt Alsdorf Abschied. „Unter außerordentlich starker Anteilnahme wurden heute Nachmittag die meisten der Opfer des Grubenbrandes in feierlicher Weise beerdigt. Tausende hatten sich dazu eingefunden“, berichtet das „Politische Tageblatt“. „In der Halle der Grube Anna waren die Leichen aufgebahrt. Hier hatten sich auch die Angehörigen der Verunglückten eingefunden. Die Bergmannskapelle des Eschweiler Bergwerksvereins spielte Trauerweisen und der Alsdorfer Männerchor, dem zahlreiche Bergleute angehören, trug ergreifende Trauerchöre vor.“

Der Berichterstatter im „Echo der Gegenwart“ schildert: „Und da ging von neuem ein Weinen und Jammern an unter den Hinterbliebenen, die zum Teil den Sarg ihrer teuren Toten nur noch von der Ferne grüßen konnten; wieder andere waren von dem Sarg kaum fortzubringen, da klagte die müde Stimme der alten Mutter, da weinte die Frau nach ihrem Mann, die Kinder schrien nach dem Vater, die ganze Totenfeier ein Meer von Tränen.“

Nach den Ansprachen wurden die Verstorbenen zu ihrer letzten Ruhe geleitet. „Auf dem hiesigen Friedhofe wurden dann 16 Alsdorfer und Kellersberger und 17 Russen in einem Massengrabe beigesetzt; ein Jude auf dem israelitischen Friedhofe“, schreibt das „Politische Tageblatt“. „Die übrigen 24 Verunglückten wurden in ihren benachbarten Heimatsgemeinden Baesweiler, Schaufenberg, Siersdorf, Setterich usw. beerdigt.“

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