Die tägliche Portion Sprachförderung

Von: Stefan Schaum
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Raus mit der Sprache: Wie einen Kaugummifaden ziehen die Kinder in der Alsdorfer Kita Annapark bei dieser Ubung mit der Pädagogin Petra Hilsmann die Wörter aus dem Mund. Foto: Stefan Schaum

Nordkreis. Mit wie vielen Wörtern kommt man durch den Tag? Reichen 100? Und braucht es wirklich ganze Sätze, um sich verständlich zu machen? Wie es um die Sprache bei Kindergartenkindern im Lande bestellt ist, hat vor zwei Jahren erstmals der Sprachtest „Delfin 4” offenbart, der dieser Tage zum dritten Mal über die Bühne geht: nicht gut!

Etliche Vierjährige sind damals auffällig geworden, die besonderer Förderung bedürfen. Seitdem stehen die Erzieherinnen im Fokus. Sie sollen die Kinder in den Kitas nach Kräften zum Sprechen bringen, ihren Wortschatz vermehren und sie vor Schulbeginn sprachlich sattelfest machen. Wie gut gelingt das?

Anders gefragt: Was hat sich geändert? „Sprachförderung in den Kitas ist im täglichen Miteinander ja nicht neu”, sagt Heike Jaspers, stellvertretende Leiterin der DRK-Kita an der Alsdorfer Moselstraße.

„Die hatte doch schon immer große Bedeutung.” Neu sei jedoch die große Aufmerksamkeit von außerhalb. Die habe ihr Gutes. „Die Eltern sind noch mal ganz anders sensibilisiert. Manche haben erst durch den Test so richtig gemerkt, dass ihren Kindern in der Sprache etwas fehlt, dass sie Förderung brauchen.” Wie und in welchem Umfang die Förderung stattfindet, steht den Kitas frei. Verbindliche Konzepte seitens des Landes gibt es nicht, jeder darf sein eigenes Buchstabensüppchen kochen.

Lernen in der „ABC”-Gruppe

Auch an der Moselstraße hat sich nach dem ersten Sprachtest etwas geändert. Sechs Kinder sind vor zwei Jahren in der „ABC”-Gruppe gestartet, acht weitere kamen im vergangenen Jahr nach der zweiten „Delfin”-Runde hinzu.

Zweimal pro Woche üben sie nun jeweils eine Stunde lang mit Heike Jaspers. Sie bringt die Kinder zum Sprechen, indem sie bestimmte Themen vorgibt, die die Kleinen interessieren. Etwa „Meine Familie und ich”. Und siehe da: Plötzlich sprudeln auch aus sprechscheuen Kindern die Wörter heraus. Wenn sie lebhaft vom großen Bruder, vom Haustier oder gemeinsamen Urlaub erzählen. „Wir wecken die Lust am Umgang mit der Sprache”, sagt Jaspers, „dann kommen die Wörter oft von ganz alleine.”

Das geschieht auch in der Kita Annapark in Alsdorf. Dort hatten vor zwei Jahren besonders viele Kinder beim Test Sprachschwächen gezeigt. Zwölf. Teils mag die Herkunft eine Rolle gespielt haben: 67 Prozent der Kinder dort haben einen Migrationshintergrund. „Es gibt aber auch deutsche Kinder, deren Wortschatz sehr gering ist”, sagt die Kita-Leiterin Birgit Bahnen. Mit den Kindern übt seitdem die Pädagogin Petra Hilsmann. Eine Stunde täglich ermuntern sie sie mit Bildkärtchen und Handpuppen zum Sprechen oder lässt die Kinder ihre Wörter aus dem Mund ziehen wie Kaugummifäden. Das gefällt den Kleinen, die sich derart spielerisch leicht an die teils noch ungewohnte Sprache herantasten können.

Auch Erwachsene werden in der Kita geschult. Türkische Mütter, die im „Rucksack”-Projekt in ihrer Muttersprache gefestigt werden, damit ihre Kinder zweisprachig aufwachsen und beide Sprachen richtig kennenlernen können. Was Birgit Bahnen freut: Seit „Delfin” ist das Projekt, das es in der Kita seit deren Start gibt, offiziell als Sprachförderprogramm anerkannt und wird bezuschusst.

Rundum sprachgewandt?

Elternabende zum Thema Sprachförderung, Besuche von Vorlesern, Ausflüge in die Büchereien der Kommunen und das Aufstocken der eigenen Kita-Leseecken - viel ist in zwei Jahren geschehen. Werden demnach im kommenden Schuljahr allerorts rundum sprachgewandte Kinder in die Grundschulen strömen? Mancher zweifelt daran.

„Kinder können nicht mit sechs Jahren all das können, was sie mit vier nicht konnten”, sagt Dorothee Frohn, Leiterin der Grundschule Alsdorf-Blumenrath. „In den Kitas wird es ganz sicher Anstöße geben, die die Schulen weiterführen müssen.” Auch deshalb ist sie eine große Befürworterin der Offenen Ganztagsgrundschule. Vor sechs Jahren ist sie in Blumenrath mit 27 Kindern in die Nachmittagsbetreuung gestartet. Heute nehmen 135 von 280 Schülern daran teil. „Das ist für die Kinder auch eine Extraportion Sprachgebrauch”, sagt sie. Nicht bloß, weil auch eine Sprachförderung angeboten wird, „sondern weil die Kinder beim gemeinsamen Spiel immer wieder ihre Sprache gebrauchen.”

„Man spürt schon jetzt, welche Kindergärten viel Sprachförderung betreiben und welche nicht”, sagt Monika Wallbrecht, Leiterin der Grundschule Herzogenrath-Pannesheide. Doch auch die, die viel fördern, seien allein oft hilflos. „Man müsste die Sprachförderung grundsätzlich stärker und früher verankern, wie es in anderen Ländern geschieht.” Vor allem den Eltern müsse bewusst werden, welche Rolle sie spielen.Ê„Wenn die nicht mitziehen, passiert auch nicht viel...”
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