„Die Religion wird vom IS instrumentalisiert“

Von: ehg
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Eloquent: Aiman A. Mazyek, Vorstandsvorsitzender des Zentralrats der Muslime in Deutschland, erzählte viel aus seinem Leben beim „Schwarz auf Weiß“-Abend in Würselen. Foto: Wolfgang Sevenich

Würselen. Die Sitzplätze in der Kirche St. Marien reichten bei der jüngsten Veranstaltung von „Schwarz auf Weiß“ nicht aus, die im Zeichen des 5. Ökumenischen Kirchengemeindetages stand. Derart groß war das Interesse an dem Interviewgast, dem Vorsitzenden des Zentralrates der Muslime in Deutschland, Ayman A. Mazyek.

Offiziell hieß ihn der Sprecher des „Schwarz auf Weiß“-Teams, Hans-Peter Pütz, willkommen. Souverän meisterte der bestens vorbereitete Ralf Pütz seine Aufgabe als Moderator. Freimütig beantwortete der Gast im akzentfreien Deutsch die – teils auch vom Publikum kritisch gestellten – Fragen.

Sohn eines syrischen Vaters

Für den 1969 in Aachen geborenen Sohn eines syrischen Vaters und einer deutschen Mutter, der am Rhein-Maas-Gymnasium sein Abitur gemacht hat, war der Auftritt in Würselen so etwas wie ein Heimspiel. In der Kaiserstadt studierte er Philosophie, Volkswirtschaft und Politikwissenschaft, in Kairo Arabistik. „Ich wollte die arabische Sprache kennenlernen“, führte der eloquente Gast zu seinem Studium aus.

Vorstandsvorsitzender des Zentralrates der Muslime in Deutschland ist er seit 2010. „Ich konnte mich mit 9 zu 6 Stimmen gegen den bisherigen Amtsinhaber durchsetzen.“ Das sei ein Beispiel mehr für gelebte Demokratie in seiner Religionsgemeinschaft. „Ich bin einer, der gerne mit anpackt“, sagte er über sich selbst. Also ging er in die Politik.

Kandidat der FDP

Mazyek wurde Vorsitzender der Freien Demokraten in Alsdorf und kandidierte auch für das Bürgermeisteramt. Derzeit ruhe seine FDP-Mitgliedschaft auf seinen eigenen Wunsch hin. Die Begründung: Er habe die Haltung der FDP zum Kopftuchverbot, zu verschärften Sicherheitsgesetzen und die Verleihung des FDP-nahen Freiheitspreises im Jahre 2010 an die Sozialwissenschaftlerin und Islamkritikerin Necla Kelek abgelehnte.

Mit „Cap-Anamur“-Gründer Rupert Neudeck gründete der Interviewgast 2003 die Hilfsorganisation „Grünhelme“ und gehört dem Vorstand der Organisation an. Er war im April 2007 auf Betreiben des damaligen Chefredakteurs Professor Dr. Peter Voß der erste Sprecher des Islamischen Wortes im Internetauftritt des SWR, ein muslimisches Gegenstück zum christlichen Wort zum Sonntag in der ARD.

Auch dieses Engagement brachte Moderator Pütz zur Sprache. Zur Ergänzung: Mazyek engagiert sich auch im christlich-islamischen Dialog und ist Mitglied der Christlich-Islamischen Gesellschaft. Und noch eine Seite des „Allrounders“: In dem 2010 ausgestrahlten Fernsehfilm „Die Frau des Schläfers“ war er als Berater beim „Dreh“ aktiv und spielte obendrein einen fremdenfeindlichen Polizisten.

Für die 2011 ausgestrahlte „Galileo“-Dokumentation „Mekka – auf den Spuren des Propheten“ wirkte er als Berater für Inhalt und Drehbuch mit.

Glaube bietet Sicherheit

Pütz sprach den engagierten Muslimen auch auf die Gottesbilder der Monotheistischen Religionen – Judentum, Christentum und Islam – an. Seine spontane Antwort: „Ich glaube an einen barmherzigen Gott.“ Er mahnte an, Versöhnung zu stiften statt Zwietracht zu säen.

Dass der Mensch im Glauben Sicherheit für sein Leben finden werde, darin pflichtete Mazyek seinem „Gegenüber“ bei. „Eines Tages werden wir alle Rechenschaft vor Gott ablegen müssen für das, was wir getan haben, und für das, was wir nicht getan haben.“

Wie bereits anlässlich eines bundesweiten Aktionstages muslimischer Religionsgemeinschaften gegen Extremismus und Gewalt, sprach er auch in Würselen Klartext: „Ich bin ein Jude, wenn Synagogen angegriffen werden, ich bin ein Christ, wenn Christen beispielsweise im Irak verfolgt werden, und ich bin ein Moslem, wenn Brandsätze auf ihre Gotteshäuser geworfen werden.“

Dann kam die Frage aller Fragen in unserer Zeit: Wie kommt es, dass die Terrormiliz Islamischer Staat so einen großen Zulauf an jungen Menschen hat – auch aus Deutschland? Aus Mazyeks Sicht liegt der Fall klar: Die Religion werde vom IS für dessen Interessen instrumentalisiert. So wie das auch schon bei den Kreuzrittern im Mittelalter der Fall gewesen sei.

Es gebe keinen heiligen Krieg. Mit gegenseitigen Schulzuweisungen komme man nicht weiter, charakterisierte er „die Aussteiger aus der Gesellschaft mit ihren Familienbrüchen und ohne schulische Abschlüsse. Sie sind auf dem Holzweg und sind nur Kanonenfutter.“

Hebel ansetzen

Es sei falsch, die Gründe dafür, dass sie mit der Gesellschaft gebrochen haben, in der Religion zu suchen, sprach sich der Vorsitzende des Zentralrates der Muslime für eine rechtzeitige Prävention aus. Dort müsse der Hebel angesetzt werden.

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