Die neuen Aufgaben der Gewerkschaften

Von: Annika Kasties
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Vergangenheit und Zukunft im Blick: Hans-Josef Greven (l.) und Christoph Vormstein von der IG Bergbau, Chemie und Energie – hier vor dem Dokumentationszentrum für Energieformen Energeticon in Alsdorf – wollen emotionale Themen auf eine sachliche Grundlage stellen. Foto: Annika Kasties

Alsdorf. Seit 125 Jahren demonstrieren die Gewerkschaften am Tag der Arbeit weltweit für die Rechte der Arbeitnehmer. Auch für Hans-Josef Greven (52) und Christoph Vormstein (25) vom Bezirksvorstand Alsdorf der Gewerkschaft IG Bergbau, Chemie und Energie (IG BCE) ist der 1. Mai etwas Besonderes. Im Interview sprachen sie über neue Herausforderungen für Gewerkschaften und die hitzige Diskussion um die Zukunft der Braunkohle.

Was bedeutet der Tag der Arbeit für Sie persönlich?

Greven: Der 1. Mai ist der Tag, an dem Gewerkschaften politische Forderungen, Zielsetzungen und Wünsche zum Ausdruck bringen. Das ist sehr wichtig. Der Tag hat nicht nur für mich als Gewerkschaftler, sondern auch in meiner Familie Tradition. Ich gehe jedes Jahr mit meinen Kindern zur Kundgebung nach Alsdorf. Letztendlich geht es darum, dass man mit Menschen redet, zu denen man sonst wenig Kontakt hat und dass man am Ende des Tages etwas bewegen kann.

Wie sieht das bei Ihnen aus, Herr Vormstein? Sie sind am Freitag zum fünften Mal als Gewerkschaftler vor Ort.

Vormstein: Für mich persönlich ist der 1. Mai der Tag, an dem man noch ein richtiger Gewerkschaftler sein kann und ohne Hemmungen und betriebliche Zwänge für die Dinge streiten kann, die einen bewegen. Ganz aktuell ist das unter anderem die Energiewende. Früher war der 1. Mai der Tag, an dem Gewerkschaftler auch mal argumentativ Frust ablassen konnten. Heute ist er eher zu einem Tag geworden, an dem wir aufklären müssen. Wir müssen verschiedene Themen, die öffentlich teilweise sehr emotional diskutiert werden, auf Tatsachen zurückführen, um dem Bürger zu zeigen, dass wir nicht nur diejenigen sind, die laut schreien können, sondern auch diejenigen, die wirklich mit Fakten argumentieren.

Den Gewerkschaften gehen die Mitglieder aus. Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) als größter Dachverband stand Ende 2012 bei der niedrigsten Mitgliederzahl seit Mitte der Fünfzigerjahre. Was bedeutet das konkret für Ihre Arbeit?

Vormstein: Früher war eine Gewerkschaft schon deswegen stark, weil es viele Arbeitnehmer gab. Dieses Äquivalent besteht nicht mehr. Viele Arbeitnehmer bedeuten heute nicht mehr gleich viele Gewerkschaftler. Früher hatten die Unternehmen fast 100 Prozent Organisationskraft. Wir müssen heute aktiv Werbung machen.

Greven: Wir als IG BCE haben jahrelang geschlafen und nicht mitgekriegt, dass uns die Leute von der Stange gehen. Es waren ja noch genug da. Wir haben das Problem, dass es in der Steinkohle natürlich keine neuen Mitglieder mehr geben kann. Doch in den letzten Jahren erleben wir, dass sich Menschen, die bei uns arbeiten, auch wieder verstärkt für uns als Gewerkschaft interessieren. Das liegt auch daran, dass wir uns vermehrt politisch einmischen mit vernünftigen Konzepten.

Wie muss eine Gewerkschaft auf sich aufmerksam machen?

Vormstein: Das geschieht vor allem dadurch, dass man eine ordentliche Politik macht. Auch wenn das – wie im konkreten Fall der Energiewende – eine unangenehme Politik ist. Die Menschen müssen sehen, dass die IG BCE nicht wie ein Fähnchen im Winde flattert wie beispielsweise ein Sigmar Gabriel, sondern eine stringente Meinung hat, die sie auch gegen Widersacher argumentieren kann. Wir haben im Moment nicht das Problem, das wir zu wenig Argumente haben. Wir haben momentan eher das Problem, dass uns zu wenige Menschen zuhören. Wir müssen wieder versuchen, uns Gehör zu verschaffen. Früher ging das mit einem plakativen „Mein Papa ist sonntags gefälligst zuhause!“. Das geht heute nicht mehr. Heute müssen wir eine Debatte anstoßen.

Man muss also mehr leisten?

Vormstein: Ja, viel mehr. Eine Gewerkschaft braucht Bildungsangebote und viele Aktionen. So schafft man es, die Leute zu begeistern und für die Sache mitzunehmen. Und man muss auch politisch agieren. Früher hat die Politik politisch agiert, heute müssen das auch Gewerkschaften.

Greven: Gewerkschaften hatten früher drei Kernbereiche, für die sie gestritten haben: der Arbeitsschutz, die Arbeitszeit und eine vernünftige Entlohnung. Heute gehört eine vierte Säule dazu. Wir müssen das tun, was andere nicht mehr tun, nämlich erklären und sachlich argumentieren.

Das Thema Braunkohle entzweit die Region. Letzten Samstag gingen in Berlin 15 000 Menschen gegen die von Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel geplante Sonderabgabe für alte Kraftwerke auf die Straße. Gleichzeitig bildeten Demonstranten am Tagebau Garzweiler eine Menschenkette gegen die Braunkohle. Herr Greven, Sie sind bei RWE beschäftigt. Wie erleben Sie den Imagewandel der Braunkohle zum „Klimakiller Nummer Eins“?

Greven: Unser Problem ist, dass wir gegen eine Wand ankämpfen, die emotional agiert. Es wird nicht mehr sachlich argumentiert. Wenn beispielsweise davon gesprochen wird, dass wegen des Klimawandels in hundert Jahren die Malediven unter Wasser stünden, dann ist das ein einprägsames Bild, das Menschen Angst macht. Wenn man sich aber die sachlichen Hintergründe anguckt, dann ist die Klimakatastrophe so, wie sie vorausgesagt wird, unrealistisch. Es ist einfach, jemandem Angst zu machen. Doch es ist schwierig, jemandem die Angst wieder mit Argumenten zu nehmen.

Vormstein: Die Argumentation vieler Menschen für das vorzeitige Ende des Bergbaus lautet ganz simpel: Macht das für die zukünftigen Generationen! Macht das gegen den Klimawandel! Das sind große und wichtige Wörter. Eine sachliche Argumentation ist schwieriger und langwieriger als ein emotionales „Ihr zerstört die Zukunft unserer Kinder!“.

Herr Vormstein. Sie kommen aus der Chemieindustrie, haben bei Grünenthal gelernt und sind bei Babor als Qualitätsmanager tätig – mit der klassischen Energieerzeugung haben sie eigentlich nichts zu tun. Warum ist das Thema Braunkohle trotzdem für Sie wichtig?

Vormstein: In den Medien wird es häufig so dargestellt, als wären RWE oder Vattenfall die ewig Gestrigen, die weiter ihre Profite scheffeln wollen. Deshalb finde ich es besonders wichtig, dass auch die Funktionäre, die überhaupt nicht aus dem Energiesektor kommen, dieses komplexe Thema erklären. Wenn das immer nur die Mitarbeiter der Braunkohlebetreiber sind, haben die irgendwann ein Integritätsproblem. Denen kauft man das weniger ab. Natürlich habe auch ich als Betriebsrat in der chemischen Industrie ein Interesse daran, dass Strom für die chemische Industrie bezahlbar bleibt. Das ist aber nicht mein Kernziel. Das ist ein Thema, mit dem sich die Geschäftsführung auseinander setzen darf. Wir von der IG BCE sind jetzt diejenigen, die versuchen müssen, das schwierige Thema so zu verkaufen, dass es jeder versteht und dass es nicht nachher so aussieht, als würden wir – die „ewig Gestrigen“ – das nur erzählen, um unsere Jobs zu retten. Denn das ist nur ein kleiner Punkt unserer Diskussion.

Was sind die großen Punkte?

Vormstein: Uns geht es um den Industriestandort Deutschland. Hier in Nordrhein-Westfalen finden aktuell 80 Prozent der weltweiten Investitionen in Industrieunternehmen statt. Bei uns wird in 99,92 Prozent der Fälle Strom zuverlässig bis zum Ende der Leitung gebracht. Das sind Zahlen, von denen träumt Amerika, von denen träumt die ganze Welt. Das schaffen wir nur, weil wir auf der einen Seite natürlich auch Investitionen in erneuerbare Energien tätigen, aber weil wir vor allem auch ein grundlastfähiges Netz haben von früher Stein-, Braunkohle und Atomkraft und heute von Braunkohle und Gaskraftwerken. Das sind die Werke, die man anschalten kann, wenn der Wind nicht weht und die Sonne nicht scheint. Viele Investoren entscheiden sich für den Standort NRW, obwohl die Arbeitskräfte teuer sind, aber dafür die Stromversorgung verlässlich ist. Sollte sich das durch die aktuelle Diskussion ändern, ist es gut möglich, dass sich Investoren nach anderen Ländern orientieren.

Nun ist die Energiewende aber doch beschlossene Sache…

Greven: Wir brauchen eine vernünftige Umstrukturierung. Dass weniger Kohle verbrannt wird und es dafür mehr regenerative Energien gibt, ist eine vernünftige Sache. Man muss das aber so gestalten, dass sich das unser Land auch leisten kann.

Vormstein: Die IG BCE fordert und fördert uneingeschränkt eine Energiewende – aber mit Sinn und Verstand. Und keine, die in irgendeinem Hinterzimmer von irgendeinem Staatssekretär von Sigmar Gabriel erstellt wurde und bei der die Zahlen ganz schnell brüchig werden, sobald man qualitativ nachfragt.

Sie spielen auf das Eckpunktepapier von Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel über die Zukunft des deutschen Strommarktes an.

Vormstein: Genau. Dieses Papier ist nur von einem Staatssekretär und seinen Quellen erstellt worden. Da wurde kein Betriebsrat gefragt, da wurde kein Aufsichtsrat gefragt, da wurden keine Geschäftsführer gefragt. Nicht mal die NRW-Politiker. Wir fordern, dass die lokalen Player eingebunden werden, und wenn das nur die Politiker sind. Und das nicht, weil die hier ihre Wähler haben und nur das tun, was für RWE gut ist, sondern weil die wissen, wovon sie reden. Wenn wir jetzt übereilt aus der Kohle aussteigen, dann laufen wir Gefahr irgendwann gar keine verlässlichen Energiequellen mehr zu haben. Das kriegt man nur mit einem ordentlichen Diskurs auf die Reihe. Und nicht in irgendeinem Hinterzimmer. Zum Verständnis: Uns geht es nicht darum, dass wir Politiker verteufeln, die gegen uns arbeiten. Mein Problem sind Politiker, auf die man sich nicht verlassen kann. Und zu denen muss ich Sigmar Gabriel spätestens seit April 2015 zählen, obwohl ich vorher viel von ihm gehalten habe. Er hat im Herbst 2014 eine Aussage geprägt, die lautete: Wer versucht, gleichzeitig aus der Atomkraft und der Braunkohle auszusteigen, begeht einen Fehler. Und heute versucht er genau das.

Kommen wir zurück zum Tag der Arbeit. Das diesjährige Motto lautet: „Die Arbeit der Zukunft gestalten wir!“ Was gehört zu den zentralen Themen dieser Zukunft?

Vormstein: Ich möchte nicht, dass die IGBCE langfristig ausschließlich die Gewerkschaft der Energiewende wird. Es ist immer wichtig, sich zu verschiedenen Themen zu positionieren, die in sich stringent sind. Themen, die wir noch anpacken müssen, sind zum Beispiel Leiharbeit und atypische Beschäftigungsverhältnisse im Allgemeinen. Das bedeutet Teilzeit, wenn sie nicht gewollt ist, und Befristung, die häufig auch nicht zweckbefristet ist. Heute kann man froh sein, wenn man irgendwo anfängt und unbefristet beschäftigt ist. Da gehört man zu einer glücklichen Minderheit.

Greven: Ein ganz dicker Brocken ist auch noch der Arbeitsschutz. Zum Thema Burnout müssen wir noch Regelungen finden. Wichtig bei allen Themen ist, dass wir den Menschen im Blick haben. Alles, was wir tun, machen wir als Menschen für Menschen. Und wenn wir unsere Arbeit so weiter machen wie bisher, dann werden wir als Gewerkschaft auch die kommenden Jahre vernünftig bestehen.

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