Würselen - Die Menschen im ‚Vierländerland‘: Spannender Vortrag

Die Menschen im ‚Vierländerland‘: Spannender Vortrag

Von: ehg
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Die Geschichte der Grenzregion im Blick: Historiker Dr. Herbert Ruland im Gespräch mit dem Vorsitzenden der Kulturstiftung, Achim Großmann, und dem Leiter Stadtarchivs, Heinz-Josef Küppers. Foto: W. Sevenich

Würselen. „Die Menschen im ‚Vierländerland‘ und der Große Krieg“, so war ein mit seltenen und aussagekräftigen Lichtbildern illustrierter Vortrag überschrieben, den der Historiker Herbert Ruland, wissenschaftlicher Leiter der Grenzgeschichte an der Autonomen Hochschule der Deutschsprachigen Gemeinschaft in Eupen (Belgien) im Alten Rathaus hielt.

Er stellte dabei die Menschen vor Ort mit ihren Familien in den Mittelpunkt seiner geschichtlichen Betrachtung. Insbesondere ging es ihm um das Leid, das der erste totale Krieg der Geschichte unter der Zivilbevölkerung angerichtet hatte. Er gab Antwort auf viele Fragen, die eben nur der Historiker beantworten kann, der sich so wie Herbert Ruland mit der Grenzland-Geschichte über Jahre beschäftigt hat.

Organisiert hatte die Veranstaltung der Sprecher des Geschichtskreises St. Sebastian, Hubert Wickerath. Den in Düren geborenen Gast aus Ostbelgien hieß der Leiter des Kulturarchivs, Heinz-Josef Küppers, herzlich willkommen und versprach den Besuchern „eine spannende Geschichtsstunde“, was es – ohne Zweifel – auch wurde.

Anhand einer Postkarte, auf der der Aachener Dom, der Kalvarienberg in Moresnet, der Dreiländerpunkt und Vaals mit der Tram, die zwischen Preußen und Belgien verkehrte, skizzierte Ruland die friedliche Idylle, die Ende des 19. Jahrhunderts in der Grenzregion Preußen, Belgien und Holland vorherrschte. „Hier kannte man keine Grenzen. Die Menschen gingen dahin, wo sie Arbeit fanden“, erklärte der profilierte Historiker. Das die Volksgruppen verbindende Glied sei das Grenzland-Platt gewesen.

„Ob Preußen oder Belgien, das interessierte keinen Menschen.“ Auszuweisen brauchte man sich nicht, wenn man von einem „Land“ ins andere überwechselte. Wobei Menschen verschiedener Nationalitäten auf der einen oder anderen Straßenseite lebten. Davon legt die Neutralstraße heute noch beredt Zeugnis ab. Rulands Fazit: „Die Menschen aus drei Ländern bildeten eine große Einheit.“ Auch noch zu der Zeit, als die Preußen in ihrem letzten Winkel in Elsenborn einen Truppenübungsplatz bauten, auf dem 10.000 Soldaten gleichzeitig agierten. Angesichts der dort vorherrschenden Verhältnisse hab es nicht von ungefähr „Elsenborn, dich schuf der Herr im Zorn“ geheißen.

„Da haben wir nichts mit am Hut!“, so habe die Ermordung des österreichischen Thronfolgers am 28. Juni 1914 in Sarajewo die Menschen im Grenzland zunächst kalt gelassen. Dabei war zwei Tage zuvor in Belgien schon die Mobilmachung ausgerufen worden. „Wir werden unsere Neutralität verteidigen“, habe der König diesen Schritt gerechtfertigt. Gemäß dem Schlieffenplan seien die Preußen mit sieben Armeen am 1. August aufmarschiert, vier sollten von Belgien aus in Frankreich einfallen.

Wie den Presseverlautbarungen zu entnehmen war, hatten die Belgier Angst vor einem Krieg, auf preußischer Seite wurde in den Medien der Aufmarsch gegen Frankreich voller Begeisterung „gefeiert“. Die Angst sei – so Ruland – begründet gewesen. „Der Krieg hatte noch nicht begonnen, da wurde schon mit standrechtlicher Erschießung gedroht.“ Weiter: „Die Belgier waren fassungslos, nicht wütend.“ Sie hätten versucht, die Preußen so lange vor Lüttich aufzuhalten, bis die Franzosen und Briten angerückt waren.

Am Morgen des 4. August 1914 marschierten die Preußen mit 35.000 Soldaten in Belgien ein. Am Abend gab es bereits 5300 Opfer auf ihrer Seite zu beklagen. Der Bahnhof in Herbesthal wurde zu einem wichtigen Umschlagplatz. Bei der „Eroberung“ Lüttichs kam erstmals die Kanone „Dicke Berta“ zum Einsatz. Wobei es weitere Opfer auf preußischer Seite bei einer Detonation gab.

Der Historiker beschrieb bis ins Detail hinein, wie ein sinnloser und wahnwitziger Krieg auch im Grenzgebiet viele Opfer, auch unter der Zivilbevölkerung, forderte. Ruland: „In diesen Tagen wurden zwischen Aachen und Lüttich 950 Zivilisten auf brutalste Weise ermordet.“

Welche Narben die Gräueltaten bis heute zu hinterlassen haben, veranschaulichte der Historiker an verschiedenen Beispielen. Deshalb: „Wer die Geschichte unserer Zeit verstehen will, muss sich mit der ‚Urkatastrophe‘ auseinandersetzen!“ Und das taten mit ihm bei dieser Lektion in Geschichte Mitglieder der Heimatvereine, Mitarbeiter des Kulturarchivs, Mitglieder des Kulturforums und Repräsentanten der Kulturstiftung mit ihrem Vorsitzenden Achim Großmann an der Spitze.

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