„Die Jugend steht heute immer mehr unter Druck“

Von: Stefan Schaum
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Die Tür steht offen: Malteser-Jugendtreff-Leiter Markus Siemons freut sich über viele Besucher. Foto: Stefan Schaum

Baesweiler. Ein großes Haus für die Jugend, daneben ein Bolzplatz und Rampen für die Skater. Im Malteser-Jugendtreff in Setterich sollen Besucher sich wohlfühlen können. Für Leiter Markus Siemons wird die Arbeit allerdings beizeiten knifflig, wie er im Wochenend-Interview erzählt.

Als Sie 2005 im Settericher Jugendtreff begonnen haben, hatte der nicht gerade einen guten Ruf.

Siemons: Nein. Der hatte sogar einen richtig üblen. Damals hieß es, dass hier nur geklaut werde und es ständig Schlägereien gebe. So gut liefen manche Dinge auch tatsächlich nicht. Aber das hat sich gründlich geändert. Wir haben hier ganz strenge Regeln verankert: Der Treff ist eine gewaltfreie Zone. Keine Aggressionen in Taten und auch nicht in Worten! Daran musste sich anfangs vielleicht mancher gewöhnen, aber heute ist das längst ganz selbstverständlich geworden.

Also ist die Jugend gar nicht so schlecht wie ihr Ruf? Man hört doch schon mal, dass die junge Generation schwieriger geworden ist.

Siemons: Ach, die ist an sich nicht schwieriger, aufmüpfiger oder krimineller, als Jugendliche es zu anderen Zeiten waren. Aber sie steht heute unter ganz anderen Zwängen, das muss man schon sagen. Ob es um die Schule geht oder um den Weg in die Ausbildung – da ist viel mehr Druck hinter. Vor zehn Jahren konnten Schüler ihre sechs Wochen Sommerferien noch komplett genießen – heute versuchen viele, ein Praktikum in diese Zeit zu quetschen oder arbeiten Dinge für die Schule nach. Wenn man im Lebenslauf nahtlose Übergänge schaffen will, dann muss man sich schon mit 13, 14 Jahren ganz intensiv mit seiner beruflichen Zukunft beschäftigen. Die Zeit als Teenager, in der man sich einfach mal ausleben kann, wird den Jugendlichen mehr und mehr genommen.

Wirkt sich das auch auf die Ferienspiele bei Ihnen aus?

Siemons: Ja. Vor ein paar Jahren hatten wir noch 150 Kinder während der Sommerferien bei uns. Mittlerweile sind es 100. Zum einen, weil einige während der Ferien anders eingebunden sind, zum anderen, weil auch die Offenen Ganztagsschulen zunehmend Ferienangebote haben. Aber der zunehmende Druck in Schulen betrifft vor allem unsere ehrenamtlichen Betreuer.

Inwiefern?

Siemons: Zum Beispiel durch das Turboabi. Da fallen immer mehr Betreuer um die 17, 18 Jahre weg. Die schaffen es einfach nicht mehr, sich hier ehrenamtlich zu engagieren, weil sie mit der Schule zu viel zu tun haben. Deshalb sind einige unserer Betreuer mittlerweile 13, 14 Jahre alt. Das ist schon heikel. Früher waren gut zwei Drittel annähernd volljährig, heute sind es zwei Drittel, die deutlich jünger sind. Das stellt die Hauptamtlichen und die wenigen älteren Ehrenamtler vor größere Herausforderungen.

Soll heißen, dass es bald ohne weitere Honorarkräfte für Ferienspiele nicht mehr geht?

Siemons: Ich will das nicht, denn dann wird so eine Ferienaktion ganz schnell etwas Elitäres, das sich nur Doppelverdiener leisten können. Aber wenn die Entwicklung so weitergeht, kommt man womöglich nicht an zusätzlichen Betreuungskräften vorbei.

Sie haben auch Hausaufgabenbetreuung im Angebot. Ist das heute noch gefragt, wo doch fast jede Schule eigene Betreuung anbietet?

Siemons: Ja. Es gibt noch einige Kinder, deren Eltern sich eine Betreuung in der OGS nicht leisten können. Oder die in der Betreuung in der Schule durchs Raster fallen, weil sie eine besonders intensive Begleitung brauchen. Die ist in größeren Gruppen in der Schule oft nicht möglich. Bei uns sind es immer drei, vier Betreuer, die sich um insgesamt maximal 15 Kinder kümmern. Wir stellen das Angebot jedes Jahr auf den Prüfstand und fragen, ob wir es noch brauchen. Bis jetzt hat sich immer gezeigt, dass es so ist.

Wie sieht die Jugendarbeit im Malteser-Treff aus?

Siemons: Sehr offen. Hier basiert alles auf Freiwilligkeit. Die Jugendlichen sollen sich unserem Umfeld ausprobieren können, und gern auch mal Verantwortung für Dinge übernehmen.

Erledigen Sie da nicht Dinge, die Eltern tun sollten?

Siemons: Nein, hier geschieht Sozialisierung einfach in einem anderen Rahmen. Aber den Eltern wird heutzutage durch immer längere Betreuungszeiten ihrer Kinder sicher sicher einiges abgenommen. Das schafft in manchen Fällen auch eine ganz neue Erwartungshaltung. Bei uns dauern die Ferienspiele täglich von 10 bis 16 Uhr.

Und immer wieder kommen Eltern und fragen: Warum denn nicht schon um 8 Uhr? Die sind es gewohnt, dass ihre Kinder schon um diese Zeit ganz selbstverständlich betreut sind. Das geht aber bei uns nicht. Die Ehrenamtler kommen ja immer schon ein, zwei Stunden vor den Kindern. Würden wir um 8 Uhr starten, müssten die schon um 6 Uhr auf der Matte stehen. Das kann und will ich niemandem zumuten. Es gibt aber zum Glück noch genügend Eltern, die es gerade wertschätzen, dass wir andere Betreuungszeiten anbieten.

Wie steht es in Baesweiler insgesamt mit Angeboten für Jugendliche?

Siemons: Man kann natürlich immer mehr machen. Aber das, was da ist, ist schon auf einem hohen Niveau. Es gibt viele Orte, an denen Jugendliche sich treffen und Freizeit verbringen können. Dass Jugendliche sich ein Kino, ein Freibad und anderes mehr wünschen, ist ja klar. Aber man muss sicher auch schauen, was alles realistisch und finanzierbar ist.

Und wie sieht es mit der Finanzierung des Jugendtreffs aus?

Siemons: Es wird sicher nicht leichter, Geld dafür zu bekommen. Offene Jugendarbeit ist für die Kommunen zwar eine Pflichtaufgabe – aber es steht nirgendwo, in welchem Umfang diese Arbeit stattfinden muss. Klarere Richtlinien seitesn der Politik wären hier ganz sicher hilfreich.

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