Die Grundschulleiter machen sich rar

Von: Stefan Schaum
Letzte Aktualisierung:
10302074.jpg
Im Klassenzimmer und bei den Aktenordnern: Eine Schulleiterin wie Gisela Klein hat viel zu tun. Dass es wenig finanzielle Anreize gibt, damit sich junge Kollegen für die Aufgabe begeistern, bedauert sie. Foto: Stefan Schaum

Baesweiler. So hatte Gisela Klein sich das nicht vorgestellt. Kurz vorm Ende eines langen Berufslebens runtergestuft zu werden – wer braucht das denn? Sie nicht. Als das Schreiben der Bezirksregierung kam, hat sie ihren Plan, als Leiterin der Grengrachtschule übers Pensionsalter hinaus weiterzumachen, gleich begraben.

Im Grunde könnte man über den Inhalt des Kuverts lachen. Doch ist es eher bitter: Während sich Grundschulen immer schwerer damit tun, überhaupt noch Lehrer zu finden, die sich die ganze nötige Bürokratie ans Bein binden wollen, wird eine, die das freiwillig länger tun möchte, abgewatscht.

Bleiben wir beim Stichwort Bürokratie. Denn genau darum geht es hier. Als Gisela Klein, Jahrgang 1950 und seit 1976 an der Grengrachtschule, mit 39 Jahren Schulleiterin wurde, gab es noch geburtenstarke Jahrgänge. Entsprechend groß war die Grundschule. Heute ist sie es nicht mehr, das ist die Crux: Leiter von Grundschulen mit weniger als 360 Kindern liegen eine Besoldungsgruppe unter ihren Kollegen in den größeren.

Und die Grengrachtschule hatte zum Stand von Gisela Kleins Bewerbung exakt so viele Kinder: 349. Inklusive Beggendorfer Teilstandort. Heißt: ganze elf unter der magischen Zahl. Da begann man beim Land zu rechnen und teilte förmlich mit: Weitermachen? Aber gerne.

Doch nur auf neuer Grundlage: mit niedrigerer Besoldungsgruppe – an der sich später auch die Pensionsansprüche orientieren werden. Na, bei euch piept‘s wohl, hat sich Gisela Klein da womöglich gedacht, aber sie drückt es offiziell dezenter aus. „Ich sehe das als mangelnde Wertschätzung meiner hier geleisteten Arbeit.“

Das ist ein anderes Stichwort: Wertschätzung. Wer nicht bloß Kinder unterrichten möchte, sondern als Leiter dafür sorgen will, dass die Schule gut ausgestattet ist und sich Eltern dafür begeistern können, hat viel zu tun. Der ist oft Hausmeister und Lehrer, Sekretärin und Manager in einem. Deutlich mehr als seine Kollegen bekommt er dafür aber nicht. Die Folge: Zu Beginn des Jahres hatten in NRW rund 13 Prozent der Grundschulen nur kommissarische Leitungen. Tendenz seit Jahren: steigend.

Gisela Klein findet das schade. Sie hätte ja nicht ohne Grund weitergemacht. „Das ist eine Aufgabe, die einen richtig erfüllen kann. Ich lebe jungen Kollegen gern vor, dass es Freude macht. Aber Zeit für diese Arbeit muss man schon mitbringen wollen.“ Und man müsse sich daran gewöhnen, nicht mehr „everybody‘s darling“ zu sein.

Wenn Eltern heute ein Problem mit dem Unterricht haben, gehen sie oft nicht mehr zur Klassenlehrerin. Die stürmen gleich zur Leiterin, um zu meckern. Ein dickes Fell braucht man bisweilen, sagt Klein. Ein dickes Portemonnaie wäre auch schön – doch in den aktuellen Diskussionen rund um Inklusion & Co. ist eher von Inhalten als von Entlohnungen die Rede.

Wiederholte Ausschreibung

So kommt es, dass Schulleiterstellen zunehmend wiederholt ausgeschrieben werden, weil sich im ersten Anlauf niemand findet. Drei Mal ist das in Baesweiler geschehen, bis die Barbaraschule wieder versorgt war. Dass es eine Schülergrenze gibt, nach der sich die Bezahlung richtet, findet Gisela Klein überholt. Zudem: „360 Schüler von heute sind was anderes als 360 Schüler vor 20 Jahren.“ Kinder brauchen heute oft mehr Förderung, mehr Aufmerksamkeit, mehr individuelle Betrachtung, mehr von allem. „Herzblut hilft hier weiter“, sagt Gisela Klein.

Das mit der Verlängerung ist jetzt abgehakt. Den Spaß lässt sie sich aber nicht nehmen. Am 1. Februar kommenden Jahres ist sie „fällig“. „Es gibt jetzt immer wieder Momente, in denen ich denke: Den und den Handgriff machst du hier zum letzten Mal.“ Das dürfte noch zunehmen. „Aber ich werde bis zum letzten Tag mit Freude kommen.“ Denn Wertschätzung bekommt sie ja. Zumindest von Schülern, Eltern und Kollegen.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert