Die große Freiheit auf der schmalen „Slackline”

Von: Katrin Maiwald
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Wackeln und Balance halten: „Slackliner” Sascha Jacobs muss stets das richtige Verhältnis finden. Foto: Katrin Maiwald

Nordkreis. Sascha Jacobs ist auf der Suche nach zwei „perfekten Bäumen”, wie er sagt Robust sollen sie sein und etwa fünfzehn Meter auseinander stehen. In einem Waldstück bei Herzogenrath findet er sie, am Ufer eines Sees.

Aus seinem Rucksack holt er ein Nylonband hervor, etwa so breit wie drei Finger. Die so genannte Slackline. Sascha legt das Band um die Bäume und spannt es auf Hüfthöhe.

Vorher befestigt der 23-Jährige zum Schutz der Rinde Baumschoner, die aussehen wie schmale, lange Fußmatten. Dann zieht er seine Schuhe aus, legt einen Fuß auf das straffe Band und stößt sich vom Boden ab. Anders wie beim Seiltanz, wo sich das Seil nur minimal bewegt, biegt sich die Slackline unter der Last der Person. „Dadurch, dass die Slackline so elastisch und dynamisch ist, muss ich die Schwingungen mit Eigenbewegungen ausgleichen”, erklärt Sascha.

Leicht in den Knien stehend, formt er die Arme zu einer Art „U”. Im Dauereinsatz schwingen sie hin und her, um Balance herzustellen. „Ich muss mich extrem auf meinen Körper konzentrieren”. Dabei ist der Blick optimalerweise immer nach vorne auf einen Fixpunkt gerichtet.

Der Sportstudent aus Alsdorf lernte die Trendsportart im Rahmen seines Studiums an der Sporthochschule Köln kennen. Die Disziplin ist in den 80er Jahren im kalifornischen Yosemite Nationalpark aufgekommen. Damals vertrieben sich Kletterer an Regentagen die Zeit damit, auf Tauen und Absperrketten zu balancieren. „Der Gleichgewichtssinn wird beim Slacklining intensiv gefördert,” erklärt der Durchtrainierte. Daher ist die Sportart mittlerweile als Zusatztraining bei Spitzensportlern beliebt.

Insbesondere für Sportarten wie Skifahren, Klettern, Reiten oder Kampfsport - also jene, die ein gutes Gleichgewicht voraussetzen. Doch nicht nur als Trainingseinheit, auch als einfacher Alltagsausgleich etabliert sich das Slacklining zunehmend. Ganze „Slackfeste” werden inzwischen veranstaltet. Ob Handstand, Salti oder Sprünge: Profis reizen die verschiedensten Disziplinen auf der Slackline mit riskanten Kunsttücken aus. Ein besonderer Nervenkitzel? Abenteuerlustige spannen das Band über Felsschluchten oder wilden Flüssen - oftmals sogar ohne Sicherung. Auch Sascha möchte heute mehr Risiko: nächstes Ziel ist ein Salto auf dem Band. „Das exakte Aufkommen ist eine große Herausforderung.”

So viel Risiko ist nicht notwendig, um Begeisterung an dem Sport zu entwickeln. Bereits das Gefühl auf dem Band „zu schweben” sei fantastisch, betont Sascha. Zunehmend mehr Slackliner strömen in Wälder, Parks und auf Wiesen. „Das Schöne ist, dass jeder schnell und unkompliziert das Slacklining lernen kann. Nach wenigen Stunden zeigen sich Erfolge.”

Zwar sind die ersten Schritte oft sehr wacklig: Die Muskeln sind die starken Schwingungen nicht gewöhnt und versuchen sie durch zittern auszugleichen. Aber: Der Körper gewöhnt sich schnell an die Schwingungen und es stellt sich ein Gefühl der Freiheit und beinahe Schwerelosigkeit ein, erinnert sich Sascha an die ersten Versuche. Freiheit bietet Slacklining auch bezüglich der Möglichkeiten: lediglich zwei Fixpunkte sind notwendig. Insbesondere strahle die Sportart sehr viel Ruhe aus, sei geradezu „verkörperlichte Meditation”.

Doch es gibt auch Gegner der neuen Sportart. Verwenden Hobbysportler keinen Schutz für die Bäume, kann die Rinde beschädigt werden. Doch selbst, wenn Schutz verwendet wird: Johannes Korall betrachtet das Slacklining an Bäumen sehr risikoreich. Als Gärtnermeister der Stadt Alsdorf sieht er insbesondere die Wasserversorgung der Bäume gefährdet: „Das Leitgewebe wird durch das Band stark beschädigt”. Das Leitgewebe, welches Wasser in die Bäume pumpt, befindet sich unmittelbar unter der Rinde.

Selbst bei nur halbseitiger Belastung werde es gequetscht und langfristig zerstört, sagt Korall. Sascha hält die Argumente von Umweltschützern für überspitzt. „Ich denke, dass viele Umweltschützer pauschale Antworten fällen, weil sie nie direkt mit dem Slacklining konfrontiert wurden und gesehen haben, dass wir gute Schoner verwenden.” Außerdem locke die neue Sportart die Leute in den Wald. So sieht es auch Elinore Prömpers, Biologin vom Umweltamt Alsdorf. Durch Slacklining bekomme man wieder mehr Menschen in die Natur. „Trotzdem kann nach wie vor eine Gefahr für Bäume bestehen”, sagt Prömpers. Nicht so Rainer Schulte aus Herzogenrath. Er ist für die Grünanlagen zuständig und hat kein Bedenken bei der Ausführung. „Nach wenigen Stunden wird das Band ja wieder entfernt.”

Auch Sascha löst nach einer Stunde die Slackline, denn „viel länger machen es die Beine ohnehin nicht mit”. Und die Bäume dürfen aufatmen?
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