Die Geschichte hinter dem Foto: Bruno Bings erfindet sie

Von: Nadine Tocay
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Viele seiner Abende verbringt der 56-Jährige mit dem Schreiben von Büchern.
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Zu seinen Fotos entwickelt Bruno Bings kleine Geschichten – witzig, skurril oder spannend ...
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„Irgendwie hatte er das Gefühl, der Baumstamm gehörte zu ihm, obwohl er nur einer von vielen war, die nach dem Waldbrand vor einigen Jahren übrig geblieben waren. Vielleicht deshalb, weil er selbst das Feuer gelegt hatte“.
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„‚Zu ungemütlich‘, hatte sie gesagt. ‚Irre und nutzlos‘, hatte ihr Mann seinen Entwurf für das Esszimmer betitelt. Als Innenarchitekt hatte er wohl versagt“.
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„Genaugenommen war sein Vater alles schuld. ‚Sei innovativ!‘, hatte er von ihm verlangt, denn das Fahrgeschäft lief in letzter Zeit schlechter. Nun war er erfinderisch gewesen und er wurde trotzdem nur ausgelacht! Vielleicht hätte er die Ketten nicht durch Gummibänder ersetzen sollen“.

Würselen. Besondere Atmosphären und ungewöhnliche Stimmungen festzuhalten, ist für Bruno Bings Alltag. Denn er ist Hobbyfotograf und immer auf der Suche nach außergewöhnlichen Motiven. Wenn er mit seiner Mischlingshündin Lyra durch Bardenberg, in Wäldern oder an Gewässern spaziert, hat er stets seine Kamera dabei, um alles Mögliche zu fotografieren, das ihm vor die Linse kommt.

Bereits mit 16 Jahren hat Bings das Einfangen bestimmter Momente für sich entdeckt. Damals fotografierte er noch analog und entwickelte die Bilder in seiner eigenen Dunkelkammer. Mittlerweile sei alles nur noch digital, erklärt Bings. Bearbeiten würde er seine Bilder nie, er verändere höchstens ganz selten einmal den Kontrast. „Ein Bild muss in dem Zustand wirken, in dem es geschossen wurde, sonst ist es schlecht“, sagt der Mann mit den dunkelbraunen Augen ernst.

Der 56-Jährige wurde in Breinig geboren, lebte viele Jahre lang in Aachen und zog vor sechs Jahren der Liebe wegen wieder aufs Land. Und dort fühlt er sich sichtlich wohl – jedes Jahr bringt er einen Kalender mit Bildern aus Bardenberg heraus. „Das kommt bei den Leuten wirklich gut an“, sagt er und lächelt.

Wenn der Verwaltungsleiter bei der Aidshilfe nicht unterwegs ist, um Fotos zu schießen, schreibt er zu Hause in seinem Büro Bücher. Anfang der 90er-Jahre keimte seine Leidenschaft für das Schreiben auf. Zwei Romane und auch Gedichtbände hat er seitdem veröffentlicht. Meistens arbeite er nachts, erzählt er. Dann mache er im Hintergrund leise Musik an, trinke gelegentlich ein Glas Wein und setze sich an den Computer. „Ich habe die Geschichten nie komplett vor Augen. Das Ende ist immer offen. Das ist für mich der Reiz: Wohin bringt mich die Geschichte, während ich sie schreibe?“, erzählt er, während er entspannt seine Ellenbogen auf die Knie stützt.

Sein Romane spielen in Aachen. In „Karma“ findet man bekannte Orte – wie die ehemalige Diskothek B9 – wieder. Es ist eine Geschichte über Liebe, Freundschaft und Herausforderungen: Mike, Sozialarbeiter und Leiter eines Junkie-Cafés, lernt Vaida kennen. Sie ist eine Prostituierte, die in einem Club arbeitet. Ronny, ein alternder DJ, landet bei seiner Suche nach einem neuen Job in Mikes Café. Dort taucht Vaidas brutaler Zuhälter auf und die Flucht beginnt.

Auch Bings zweiter Roman ist keine leichte Kost: „Blutsbruder“ handelt von zwei Jugendfreunden, die sich nach zwanzig Jahren wiedersehen. Der eine plant gerade seinen Selbstmord, der andere ist lebensbedrohlich erkrankt und „empfindet die Welt wie eine finale Schatzsuche“, wie Bings es ausdrückt. Die Inspiration für die Geschichten nehme er einfach aus dem Leben, berichtet er, während er entspannt auf seinem großen grauen Sofa sitzt und sich das Feuer seines Kamins in seiner Brille widerspiegelt.

Vor kurzem hat er sein neuestes Werk abgeschlossen: ein Kinderbuch über die Vermüllung des Planeten. „Es war die Idee meiner Frau“, erklärt er, „wir haben eine Dokumentation darüber im Fernsehen gesehen, es war erschreckend; da sagte sie: Schreib doch mal ein Buch über das Thema.“ 1000 Seiten für fünf Bände sind so in den vergangenen eineinhalb Jahren zusammengekommen. Rund drei Mal pro Woche habe er in dieser Zeit die Abende mit Schreiben verbracht. Herausgekommen ist eine Geschichte über „Poly“, eine Plastiktüte, und „Pütz“, einen Jutebeutel, die sich in einer Abstellkammer kennenlernen. Als die Menschen versehentlich erfahren, dass die beiden lebendig sind, müssen sie flüchten und erleben dabei eine Menge Abenteuer.

Sämtliche Verlage und Filmstudios habe er angeschrieben, jedoch bisher nur Absagen bekommen, bedauert er. Doch das hält ihn nicht auf. „Die Zeit für eine solche Geschichte ist mehr als reif“, sagt Bings. Wenn das Manuskript nicht auf Zustimmung stoße, werde er in Erwägung ziehen, das Buch selbst zu verlegen.

Doch nicht nur dieses Projekt liegt ihm am Herzen. Vor drei Wochen hat er einen Weg entdeckt, wie er seine Hobbys vereinen kann: Er kombiniert Bilder aus seinem Bestand mit kleinen witzigen, skurrilen oder spannenden Geschichten, in wenigen Sätzen erzählt; teils seien es „kleine Krimis“, meint er.

„Genaugenommen war sein Vater alles schuld. ‚Sei innovativ!‘, hatte er von ihm verlangt, denn das Fahrgeschäft lief in letzter Zeit schlechter. Nun war er erfinderisch gewesen und er wurde trotzdem nur ausgelacht! Vielleicht hätte er die Ketten nicht durch Gummibänder ersetzen sollen“, lautet die Geschichte zu dem Werk, das eine Laterne und im Hintergrund ein Kettenkarussell zeigt.

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