Die Flüchtlingsambulanz hilft auch traumatisierten Kindern

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Flüchtlingskinder in einem Lager in Idomeni: Was sich in ihren Köpfen abspielt – was sie im Krieg und auf der Flucht erlebt haben – sieht man an der Oberfläche nicht. Die Flüchtlingsambulanz in Aachen hilft den Kindern und Jugendlichen, bei denen aus einem Trauma eine psychische Störung wurde. Foto: Imago/Christian Mang
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Dr. Michael Simon, Leitender Psychologe der Flüchtlingsambulanz am Uniklinikum Aachen. Foto: V. Müller

Alsdorf. Von Schleppern vergewaltigt, beim Grenzübertritt angeschossen, der Anblick, wie Freunde im Mittelmeer ertrinken, während man selbst im Boot sitzt – das alles sind Momente, die sich ins Gedächtnis von jungen Flüchtlingen eingebrannt haben. Momente, die sie mit nach Deutschland gebracht haben, die sich immer wieder in ihren Köpfen wiederholen.

Und zum Teil so lebendig sind, dass die Betroffenen für einen Moment jeglichen Halt in der Realität verlieren. Da steht plötzlich anklagend ein Toter neben dem Bett. Oder man glaubt, erwürgt zu werden. Aber es gibt Hoffnung. Hoffnung, trotz allem ein ganz normales Leben zu führen.

Dr. Michael Simons von der Flüchtlingsambulanz für traumatisierte Kinder und Jugendliche am Aachener Uniklinikum berichtet im Interview mit Verena Müller von seiner Arbeit:

 

Herr Simons, es ist jetzt ein Jahr her, dass wir das letzte Mal mit Ihnen gesprochen haben. Zu dem Zeitpunkt hatte die Flüchtlingswelle, die Deutschland erreicht hat, ihren Höhepunkt. Inzwischen befinden wir uns in der, sagen wir mal, Konsolidierungsphase. Es gibt weniger Neuankömmlinge. Haben Sie im Moment weniger zu tun?

Simons: Nein, davon merken wir gar nichts. Wir hatten im vergangenen Jahr 700 Patientenkontakte, und es sieht nicht danach aus, dass es dieses Jahr weniger werden.

Wie und mit welchen Symptomen kommen die Patienten zu Ihnen?

Simons: Die kommen aus der gesamten Städteregion, aber vor allem aus Aachen und zwar meist über die Betreuer. Beispielsweise aus den Clearingstellen für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge, wenn der Verdacht einer psychischen Störung besteht. Häufig äußert sich diese in Schlaflosigkeit, Albträumen, körperlichen Beschwerden wie Kopf- oder Bauchschmerzen, der Formulierung von Suizidgedanken oder einem Rückzug aus dem Alltag. Das sind die häufigsten Symptome.

Wie sieht die Therapie aus?

Simons: Wir fangen mit der Stabilisierung an: genug essen, trinken, schlafen. Wir versuchen, den Jugendlichen eine Alltagsstruktur zu geben und helfen ihnen dabei, mit ihren Gedanken besser fertigzuwerden. Wir sorgen dafür, dass sie vor dem Einschlafen abschalten können, zur Ruhe kommen.

Essen, trinken, schlafen – das klingt zunächst banal. Aber wie kann man es schaffen, nach solchen Erlebnissen wieder besser ein- und durchzuschlafen?

Simons: Man kann die Erinnerungen, die einen verfolgen, nicht verhindern. Es ist ein aussichtsloser Kampf, die Gedanken beenden zu wollen. Aber man kann lernen, damit umzugehen, indem man sie akzeptiert und vor dem Einschlafen nicht weiter über sie grübelt. Meinen muslimischen Patienten sage ich zum Beispiel: „So, wie ihr am Tag feste Gebetszeiten habt, könnt ihr euch am späten Nachmittag zehn Minuten nehmen, in denen ihr euch bewusst mit dem, was euch belastet, beschäftigt.“ Und abends vor dem Einschlafen muss man eine Grenze ziehen.

Ein imaginäres, inneres Stoppschild?

Simons: So ungefähr, ja. Das ist am Anfang nicht leicht, aber man kann das lernen. Zum Teil setzen wir aber auch unterstützend Medikamente ein.

Wie sind die Heilungschancen?

Simons: Hoch. Der Mensch ist allgemein so konstruiert, dass er ein Trauma ganz gut verarbeiten kann. Schwieriger wird es natürlich, wenn mehrere Sachen zusammenkommen. Aber selbst da kann man nach einem halben oder ganzem Jahr Therapie deutliche Fortschritte feststellen. Das hängt aber auch, das muss man an dieser Stelle ganz deutlich sagen, wesentlich von den Bedingungen hier in Deutschland ab.

Inwiefern?

Simons: Zusätzlich zu dem Erlebten in der Vergangenheit ist für viele die ungewisse Zukunft eine enorme Belastung. Wir unterscheiden drei Phasen: vor, während und nach der Flucht. Auf die Kriegserlebnisse, eigene Verletzungen und Verluste von Angehörigen folgt die Flucht mit neuen lebensgefährlichen Situationen, und für den, der hier ankommt, ist längst nicht alles gut.

Hier gibt es neue Probleme: die gescheiterte Familienzusammenführung, die Erwartungshaltung der Eltern, dass Geld transferiert wird, Schuldgefühle, dies nicht leisten zu können, und nicht zuletzt die eben angedeutete Frage des Bleiberechts. Aus alle dem kann sich eine Störung entwickeln, muss aber nicht.

Was hilft den Traumapatienten am meisten?

Simons: Schwierig zu sagen. Manchmal therapieren wir uns einen Wolf, und wenn wir den Patienten dann fragen, wann er in der vergangenen Woche am besten geschlafen hat, sagt er: „Nach dem Fußballtraining. Da war ich so platt, dass ich gleich eingeschlafen bin.“ (lacht)

Sport ist das beste Antidepressivum.

Simon: Ja, das stimmt.

Gibt es Schicksale, die Sie besonders berührt haben?

Simons: Ja, sicher. Viele. Wir haben ein sechsjähriges Mädchen, dessen Familie in seiner Heimat, Albanien, bedroht wurde. Es leidet unter großen Trennungsängsten. Es klagte häufig über Kopfschmerzen und hatte immer Angst, dass es seine Eltern nicht aus der Schule abholen würden, weil es fürchtete, sie könnten in der Zwischenzeit abgeschoben worden sein.

Oder einen 17-jährigen Patienten, der von den Taliban rekrutiert werden sollte. Sein Vater hat sich schützend vor ihn gestellt und ihn verleugnet. Deshalb wurde er umgebracht. Der Junge floh, wurde beim Grenzübertritt angeschossen, war zwei Monate in Griechenland in einem Lager – im Gefängnis, wie er sagt – und musste mit ansehen, wie Wegbegleiter im Mittelmeer ertrunken sind.

Ihn plagen furchtbare Schuldgefühle, und die Bilder gehen einfach nicht aus seinem Kopf. Wenn er abgeschoben werden sollte, sagt er, würde er sich umbringen. Nachrichten, Deutschland werde Afghanistan zu einem in Teilen sicheren Land erklären, haben in einer solchen Lage verheerende Folgen.

Wenn Sie sich etwas wünschen könnten, was wäre das? Mehr Personal?

Simons: Klar! Denn wenn ich ehrlich bin, ist die Flüchtlingsambulanz eine One-Man-Show. Ich bin mit einer Ärztin alleine. Zumal die Flüchtlingsambulanz „nur“ an die im Jahr 2000 gegründete Trauma-Ambulanz der Kinder- und Jugendpsychiatrie angedockt ist, wir also noch andere Aufgaben haben. Aber in erster Linie hätte ich politische Wünsche: dass der Krieg in Syrien beendet wird, dass Deutschland weiter für Flüchtlinge offen ist und wir hier gemeinsam gegen Diskriminierung kämpfen.

Sie und eine Ärztin sind alleine? Wie schaffen Sie das? Und wie schalten Sie da selbst mal ab?

Simons: Es gibt einen Witz: Wenn man das Gefühl hat, unersetzlich zu sein, sollte man in ein Taxi steigen und dem Fahrer sagen: „Hier haben Sie 50 Euro. Fahren Sie mich irgendwo hin. Ich werde überall gebraucht.“ Dann ist nämlich der Punkt gekommen, an dem man sich eingestehen sollte, dass es auch mal gut ist. Man darf sich nicht zu wichtig nehmen.

Sie übernehmen aber nicht alle Fälle selbst?

Simons: Nein, in zwei, drei Sitzungen wird diagnostiziert und ein Teil der Patienten an niedergelassene Therapeuten überwiesen. Aber es ist nicht so leicht, Leute zu finden, die sich auskennen. Kaum jemand ist so spezialisiert wie wir.

Wie lange dauert eine Therapie?

Simons: Der Landschaftsverband zahlt zehn Sitzungen. Normalerweise reicht das auch. Aber bei manchen stellt man fest: Eigentlich brauchen die keine Therapie mehr, die sind aber ganz gut an uns angedockt. Das gibt denen Halt. Dann versuchen wir, in größeren Abständen Termine zu machen.

Wie lang ist die Warteliste?

Simons: In der normalen Trauma-Ambulanz gibt es keine, da wird jeder sofort behandelt. Bei den Flüchtlingen geht das leider nicht. Wie lang die Liste ist, kann ich gerade gar nicht sagen ...

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