Nordkreis - Die drei Leben der patenten Edith Rubens

Die drei Leben der patenten Edith Rubens

Von: Verena Müller
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In Herzogenrath ist sie geboren, England wurde ihre zweite Heimat, in Japan lebte sie viele Jahre: Edith Rubens, hier auf einem Bild aus den 80ern mit ihrem geliebten Pudel Chibbiye. Foto: Archiv Stefan Kahlen
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Edith Rubens mit ihrer Freundin Yoshiko Okoso (l.). Foto: Archiv Stefan Kahlen
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Ihr Grabstein steht auf dem Friedhof in Haltwhistle, England. Foto: Archiv Stefan Kahlen

Nordkreis. Wenn man in die Listen der Vereine schaut, die sich darum bemühen, an Menschen mit jüdischen Wurzeln in Herzogenrath, Alsdorf, Würselen und Baesweiler zu erinnern, so steht in der Spalte über ihren Werdegang und Verbleib in den meisten Fällen „deportiert“, „ermordet in ...“ oder nur „Auschwitz“. In den wenigsten Fällen kann ihr Überleben vermeldet werden und in noch weniger Fällen kennt man nähere Details.

In zwei Fällen ist es aber gelungen, recht persönliche Erinnerungen zu bewahren beziehungsweise einen Lebensweg in seinen verschiedenen Wendungen nachzuzeichnen.

Am 9. November, an dem Tag, an dem an die Greueltaten der Reichsprogramnacht mahnend erinnert wird, sollen sie erzählt werden. Kurt Rosendahl hat in seinen Memoiren „Zachor Remember – A walk through History“ Erinnerungen an seine Familie festgehalten. Er wurde in Aachen geboren, überlebte den Holocaust und emigrierte 1948 mit seiner Frau Helen in die USA. Über das Kapitel „I remember my Granparents“, die in Alsdorf lebten, wurde bislang im deutschsprachigen Raum noch nicht berichtet.

Rosendahl erinnert sich nicht nur an den Glanz der Feiertage und an Festessen mit seinen Großeltern Isidor und Laura Weil oder daran, wie er als Sechsjähriger auf dem Schoß seines Großvaters saß und von ihm Lehren des Talmud hörte. Er beschreibt auch Alsdorf als Zechen-stadt mit „Tausenden Bergleuten“, deren Familien mit der ständigen Gefahr eines Grubenunglücks zu leben gelernt hatten – das 1930 auch eintraf.

Rosendahl: „Nie werde ich vergessen, am Fenster meiner Großeltern Zeuge der Prozession mit 300 Särgen geworden zu sein.“ (Anm. d. Red.: belegt sind 279). Seine Familie habe über Jahrhunderte in Alsdorf gelebt, seine Großeltern seien gläubige Juden gewesen, die den Respekt der ihnen sehr wohl gesonnenen Nachbarn genossen hätten. Ihre Sprache sei Deutsch gewesen, die Buchhaltung hätten sie in Deutsch und Hebräisch erledigt. Der Großvater sei Malermeister mit mehreren Angestellten gewesen, die unter anderem Aufträge des EBV erhielten.

Die Feiertage seien strikt eingehalten worden, koscheres Fleisch hätten sie über Metzger in Nachbarorten bezogen. „Das tägliche Gebet, Feiertage und die dazugehörigen Rituale waren selbstverständliche Bestandteile des Alltags“, schreibt Rosendahl. Es gab also rituelles, jüdisches Leben in Alsdorf.

Mit dem Ersten Weltkrieg sei die kleine jüdische Gemeinschaft in Alsdorf größer geworden, ein geschätztes Dutzend jüdischer Familien sei aus dem Osteuropa bis nach Alsdorf geflohen. Ein paar hätten Arbeit in der Zeche gefunden, viele fanden in den Weils Helfer in der Not.

Vier Kinder hatten Isodor und Laura Weil: Erna, die Mutter von Kurt Rosendahl war die Älteste, die Söhne Walter und Richard heirateten – sehr zum Leidwesen der Eltern – nicht-jüdische Frauen, „die es ihnen ermöglichten, den Krieg zu überleben. Walter überlebte in Brüssel (...), Richard hatte Deutschland früh verlassen und war in Frankreich der Fremdenlegion beigetreten.“

Diese führte ihn nach Afrika. Bis in die 90er Jahre lebte er schließlich in Paris. Die zweite Tochter der Weils, Frieda, und ihr Mann Albert wurden zusammen mit dem gemeinsamen Sohn Karl durch die Nazis ermordet. Isodor und Laura selbst hatten laut ihrem Enkel nie daran gedacht, vor den Nazis fliehen zu müssen.

Der Glaube und die Nähe zur belgisch-niederländischen Grenze hatten ihnen offenbar ein trügerisches Gefühl der Sicherheit gegeben. Aber in der seinerzeit im Volksmund sogenannten Kristallnacht wurde ihr Zuhause heimgesucht, das Ehepaar über eine Zwischenstation im Lager am Grünen Weg in Aachen deportiert. In Theresienstadt starben sie an „Herzversagen“, wie es in den offiziellen Dokumenten steht. An „gebrochenem Herzen“, schreibt Rosendahl, würde es wohl eher treffen.

Von Herzogenrath nach Tokio

Ebenfalls wenig beachtet sind bislang die Nachforschungen, die Stefan Kahlen angestellt hat. Den Sohn der ehemaligen stellvertretenden Bürgermeisterin Würselens, Marianne Kahlen, hat es zwar beruflich in die Nähe von Bielefeld verschlagen, nichtsdestotrotz forscht er in seiner Heimat – ohne jüdische Wurzeln zu haben. Dabei ist er auf einen bemerkenswerten Lebensweg gestoßen. Die Familie Rubens wurde fast komplett ausgelöscht: Wilhelm und Clara Rubens wurden in Majdanek ermordet, die jüngere Tochter Ingeborg wurde nach Auschwitz deportiert.

„Nach Informationen der Stadt Herzogenrath soll lediglich die ältere Tochter Edith Rubens die Zeit des Nationalsozialismus überlebt haben“, so Kahlen. Er begann zu suchen. „1939 entkam sie nach England, dort verloren sich ihre Spuren. Nur ein anwaltliches Schreiben aus London an die Stadt Herzogenrath aus dem Jahre 1957 blieb erhalten, in dem nach dem verbliebenen Vermögen ihrer Familie Rubens gefragt wurde. Ich wollte mehr wissen über das Leben der Edith Rubens nach ihrer Flucht aus Nazi-Deutschland“, erzählt Kahlen.

Erste Hinweise zu Edith Rubens‘ Werdegang fanden sich in den Archiven des „Jewish Refugee Committee“. Dabei handelt es sich um eine Vereinigung, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, jüdische Kinder insbesondere aus Deutschland, Österreich und Ost-Europa nach England hinüberzuretten.

In deren Unterlagen ist zu Edith Rubens ihr Geburtsdatum, der 15. August 1919, vermerkt sowie als letzter Wohnort Aachen. „Am 4. Juli 1939 erreichte die als Edith Sara Rubens eingetragene Emigrantin England, als Berufsbezeichnung wurde Krankenschwester angegeben“, weiß Kahlen inzwischen. Junge Menschen wie Rubens, die für einen „Kindertransport“ schon zu alt waren – Altersgrenze: 16 Jahre, Edith Rubens war damals 20 – kamen oft als Krankenschwestern oder Hausgehilfen ins Land.

Wie alle Flüchtlinge aus Deutschland wurde Edith zunächst als „weiblicher, fremder Feind“ eingestuft und in ein Auffanglager gebracht.

Nach vier Monaten erscheint sie erneut in den Unterlagen der britischen Behörden: Am 10. November 1939 wurde sie nach einer Befragung als unbelastet eingestuft und aus der Internierung entlassen. Als „a little frightened refugee – ein kleiner verängstigter Flüchtling“, hatten die Behörden sie eingestuft. Als neuer Wohnort wurde ihr Finchampstead zugewiesen, eine Gemeinde in der Grafschaft Berkshire, etwa 50 Kilometer westlich von London.

Auf dem Dokument ist vermerkt, dass Edith Rubens um 1943 für die W.A.A.F. (Women’s Auxiliary Air Force) arbeitete. Sie hatte in einem Krankenhaus der Royal Air Force gearbeitet, „wahrscheinlich als Mitglied des Princess Mary‘s Royal Air Force Nursing Services“, sagt Kahlen. Diese Einheit war Teil der Britischen Rheinarmee. „Vermutlich arbeitete Edith Rubens in den 50er Jahren zeitweise auch in Wegberg bei Mönchengladbach“, sagt Kahlen, sicher sei das aber nicht.

Am 6. Januar 1948 erhielt Edith Rubens ihre Einbürgerungsurkunde als englische Staatsbürgerin. Sie nannte sich nun Edith Susan Rubens. Den verhassten, von den Nationalsozialisten aufgezwungenen zweiten Vornamen Sara hatte sie in Susan umändern lassen. Susan sollte für ihr weiteres Leben ihr Rufname bleiben.

Kahlen hatte auch einen Freund in England kontaktiert und ihn um Hilfe gebeten. Der fand eine interessante Heiratsurkunde: „Nachforschungen wiesen die Heirat einer Edith Susan Reubens mit einem Robert Waugh für das zweite Quartal 1950 aus. Die Heiratsurkunde besagt: ,Am 1. April 1950 haben auf dem Standesamt in Ealing (Großraum London) geheiratet: Edith Susan Reubens, 27 Jahre, Tochter des verstorbenen William (Wilhelm) Reubens, Radio-Techniker, Herzogenrath‘“, so Kahlen.

Sie hatte sich drei Jahre jünger gemacht und ihren Mädchennamen geändert. Der Gatte war 28 Jahre alt, Sohn von George Waugh aus Blenkinsop bei Haltwhistle. „Für Robert war es bereits die zweite Ehe. Er war ein hochdekorierter Offizier bei der Royal Air Force während des Zweiten Weltkrieges. Nach Kriegsende wurde an verschiedenen Standorten in Europa eingesetzt“, weiß Kahlen. Unter anderem soll Robert Waugh in den 50ern mit seiner Frau in Berlin gelebt haben.

Nach dem Ausscheiden aus der Armee lebte das Paar für einige Monate bei einer befreundeten Familie in London, ehe sie sich Anfang der 60er Jahre dazu entschlossen, einen Neuanfang in Hongkong zu wagen. Beide sollen dort als Englisch-Lehrer gearbeitet haben. Nach wenigen Jahren trennten sich jedoch ihre Wege: Während Robert in Honkong blieb, zog Edith Susan Ende der 60er nach Tokio, Japan.

„Hier half mir ein entfernter Verwandter aus Eschweiler weiter, der seit Jahrzehnten im asiatischen Raum arbeitet“, erzählt Kahlen über seine weitere Vorgehensweise. Und er erfuhr Erstaunliches: „Dort lernte sie einen Professor für Literaturwissenschaften an der Waseda-Universität kennen. Er verschaffte ihr eine Anstellung an der Universität als Teilzeit-Dozentin für Englisch.“

Kahlen gelang es, eine langjährige Freundin von Edith Rubens aufzuspüren: Yoshiko Okoso. Die war sehr überrascht, als sie erfuhr, dass Edith Waugh deutsche Jüdin war. „Ich kannte sie über zwanzig Jahre. (...) Mir wird gerade klar, dass ich nichts über sie gewusst habe“, schrieb sie an Kahlen. Auch andere Weggefährten in Japan erzählen, dass Edith nie über ihr früheres Leben sprach. „Alle hielten sie für eine in England geborene Englisch-Dozentin“, so Kahlen.

Sie liebte Hunde und Musik

Sie wohnte in einem gemütlichen Apartment im Tokioter Stadtteil Meguro. Sie liebte Hunde und die Musik. „Ihr ständiger Begleiter war ihr Zwergpudel, Chibbiye gerufen. Sie mochte die Menschen dort und die japanische Kultur. Sie hatte zahlreiche Freunde in der japanischen Bevölkerung“, so Kahlen.

In dieser Zeit reiste Edith Waugh auch öfter nach Europa, um ihren Urlaub in London zu verbringen oder im geliebten Italien. „Deutschen Boden hat sie meines Wissens zu diesem Zeitpunkt nie wieder betreten“, stellt Kahlen weiter fest. Freunde in Japan hätten sie als einen sehr extrovertierten, humorvollen, geselligen und angenehmen Menschen beschrieben. „Aber nach Beendigung ihres Arbeitslebens wollte sie in ihr Heimatland zurück. Aber was war ihr Heimatland?“, fragt Kahlen.

Um 1997 kehrte sie nach England zurück. Erst wohnte sie in einer Seniorenresidenz in Brentwood, Essex. „Ihre letzten Lebensmonate verbrachte sie – zunehmend dement und gebrechlich – in einem Pflegeheim in Buckhurst Hill, Essex, ehe sie im März 2008 dort verstarb“, erzählt Kahlen. Ihre Urne wurde dem Grab ihres Ehemanns Robert Waugh auf dem Friedhof von Haltwhistle beigegeben. Eine Überführung nach Herzogenrath wäre wohl nicht in ihrem Sinne gewesen.

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