Der Tod in einem Bordell, das es nie hätte geben dürfen

Von: Verena Müller
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Spuren des Brandes Anfang Oktober des vergangenen Jahres: Die Stadt Würselen war über die Vorgänge in dem Haus informiert, der Bordellbetrieb lief trotzdem ohne Genehmigung weiter. Foto: Verena Müller
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Spuren des Brandes Anfang Oktober des vergangenen Jahres: Die Stadt Würselen war über die Vorgänge in dem Haus informiert, der Bordellbetrieb lief trotzdem ohne Genehmigung weiter. Foto: Verena Müller
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Spuren des Brandes Anfang Oktober des vergangenen Jahres: Die Stadt Würselen war über die Vorgänge in dem Haus informiert, der Bordellbetrieb lief trotzdem ohne Genehmigung weiter. Foto: Verena Müller

Würselen. Als die Feuerwehr in der Nacht zum 2. Oktober „Kims Privat Club“ erreicht, steht das Bordell in Flammen. Das Feuer hat sich über das Erdgeschoss und die erste Etage ausgebreitet. Zwei Frauen haben sich in Sicherheit gebracht. Eine der beiden ist aus dem Fenster gesprungen und auf einem geparkten Auto vor dem Bordell gelandet. Als die Feuerwehr den Brand gelöscht hat, findet sie eine dritte Frau leblos in der ersten Etage.

Zwar gelingt es den Rettungskräften zunächst, die Frau zu reanimieren, doch kurze Zeit später stirbt sie an ihren Verletzungen. Ermittlungen ergeben, dass es sich bei der toten Frau um die 46-jährige Prostituierte Petra K. (alle Namen geändert) handelt. Sie ist infolge von Sauerstoffmangel an schweren Hirnschäden gestorben

Bei der Frage, wer für den Tod der Frau verantwortlich ist, könnte die Stadt Würselen unter Druck geraten. Denn in dem Wohnhaus zwischen Haaren und Broichweiden, in dem die Freier bei „Kims Privat Club“ seit Jahren ein- und ausgingen, hätte niemals ein Bordell betrieben werden dürfen.

Das geht aus behördlichen Unterlagen hervor, die unserer Zeitung vorliegen. Aus denselben Unterlagen lässt sich schlussfolgern, dass die Stadt Würselen über Jahre sehr wohl wusste, was in dem Haus Hauptstraße 461 vorging. Und: Dass die Räume im Obergeschoss, wo Petra K. starb, nie als Aufenthaltsräume hätten genutzt werden dürfen. Dennoch ist sie nicht konsequent eingeschritten.

Die Stadt Würselen räumt auf Anfrage ein, dass sie von dem Bordellbetrieb in „Kims Privat Club“ gewusst habe. Es seien auch mehrere „bauordnungsrechtliche Untersagungen“ gegen den Betreiber ausgesprochen worden. Allerdings sei die Stadt nicht eingeschritten, weil gegen die Untersagungen eine Klage vor dem Verwaltungsgericht Aachen eingereicht worden sei, sagt Bernd Schaffrath, Sprecher der Stadt Würselen.

Das Verwaltungsgericht bestätigt die Aussage. Allerdings ist die Klage erst im Juni 2015 eingereicht worden. Da war das Bordell an der Hauptstraße 461 bereits über ein Jahrzehnt in Betrieb. Warum also schritt die Stadt nicht schon viel früher ein? Dazu möchte sich auf Seiten der Stadt mit Verweis auf das laufende Verfahren niemand äußern.

Bei dem Grundstück zwischen Broichweiden und Haaren handelt es sich baurechtlich betrachtet um eine landwirtschaftliche Fläche mit einem Haus, das Teil eines bäuerlichen Betriebs aus Vorkriegszeiten ist. Das scheint zunächst nebensächlich, ist aber zum Verständnis der Vorgänge nicht unwesentlich.

Denn als Wohnhaus war das Gebäude – auch nachdem längst kein landwirtschaftlicher Betrieb mehr bestand – aus behördlicher Sicht nur geduldet. Ebenso die „untergeordnete Nebennutzung als privater Swinger-Club“. Nicht aber der Betrieb eines gewerblichen Bordells.

Einen Swinger-Club hatte es Mitte der 90er einmal in dem kleinen, weiß getünchten Haus an der Hauptstraße 461 gegeben. Auf diesen folgte der „Club Papillon“, auf den sich das Treiben ab Ende der 90er konzentrierte. Ein Bordell. Das Schmetterlingsmotiv ist auch heute noch auf einer heruntergelassenen Jalousie an der Vorderseite des Hauses zu sehen.

180 Mark Eintritt – dreimal Sex, Essen und Getränke frei – musste damals ein Freier zahlen, an drei Tagen die Woche war der Club geöffnet: mittwochs, freitags und samstags von 20 bis 4 Uhr. Die Frauen stammten überwiegend aus Osteuropa. Eigentümer des Hauses und Betreiber des Clubs war damals Heinz S. Schon am 13. Juni 1996 hatte Heinz S. bei der Stadt Würselen unterschreiben müssen, „dass das Dachgeschoss (...) nicht als Aufenthaltsräume hergerichtet oder genutzt wird“. Genau dort wurde Petra K. 20 Jahre später leblos gefunden.

Nach der Jahrtausendwende wurde das Haus umgebaut und renoviert. Michael B. stieg als Pächter mit ins Geschäft ein. Er betrieb ab diesem Zeitpunkt sein eigenes Etablissement in dem Haus unter dem Namen „Kims Privat Club“ außerhalb der Öffnungszeiten des „Club Papillon“. Im Jahr 2007 wurde das Haus dann zwangsversteigert.

Für 151.000 Euro erwarb die damalige Ehefrau von Heinz S., Tatjana S., die Immobilie. Vorausgegangen waren Ermittlungen der Steuerfahndung gegen Heinz S., die Stadt Würselen war für die Vollstreckung der Zwangsversteigerung zuständig. Ein weiterer, eindeutiger Hinweis, dass die Verwaltung detaillierte Kenntnisse von den Vorgängen hatte.

Aus einem Schreiben der Bauaufsicht lässt sich schließen, dass es vier Jahre später zwischen dem Ehepaar S. und dem Pächter Michael B. Streit gab. Tatjana S. wollte einen eigenen Club betreiben und den Pächter aus dem Haus drängen. Der blieb aber. Die Behörde erwähnt ein Schreiben von Heinz S. aus dem Jahr 2011, in dem sich dieser über Michael B. beschwert. Aus dem Brief lasse sich auch erkennen, dass eine „rein gewerbliche Nutzung der Wohnräume“ vorliege, so die Bauaufsicht. Spätestens da also war der Stadt Würselen klar, dass in dem Haus an der Hauptstraße 461 ein gewerbliches Bordell betrieben wurde – ohne entsprechende Genehmigung.

Die Stadt reagierte nur langsam und zurückhaltend auf das offenkundige Problem. Im Oktober 2013 schrieb sie an Tatjana S., dass jede gewerbliche Nutzung durch die Eigentümerin selbst und die gewerbliche Nutzung durch Dritte unter Androhung eines Zwangsgeldes in Höhe von 1000 Euro untersagt werde. Das Schreiben blieb jedoch ohne Folgen.

Zu diesem Zeitpunkt war Michael B. schon alleiniger Pächter des Hauses. Tatjana und Heinz S. hatten sich getrennt und Heinz S. hatte seinen Mietvertrag auf B. übertragen. Fortan gab es nur noch das Bordell „Kims Privat Club“. Im Internet bewarb B. sein Etablissement als „moderne Zimmervermietung“. Bei kostenlosen Getränken könne man die Damen kennenlernen.

Der Anbahnungsbereich befand sich im Erdgeschoss, wo eine Bar eingerichtet war. „Deinen Besuch erwarten wir voller Verlangen, um dir ein unvergessliches Erlebnis zu bereiten“, hieß es auf der Internetseite weiter. Dieses „Erlebnis“ fand, wie Augenzeugen berichten, im Obergeschoss statt. In einem Sachverständigengutachten werden für die erste Etage vier Zimmer, Abstell- und Waschräume aufgelistet.

Es war kein großes Geheimnis, was sich an der Hauptstraße 461 abspielte. Die Stadt Würselen war sich darüber bewusst, dass das Bordell gegen geltendes Recht verstieß. „Eine Genehmigung für dieses Vorhaben wurde weder erteilt noch beantragt und ist auch nachträglich nicht genehmigungsfähig“, schrieb die Bauaufsicht im Jahr 2013. Trotzdem geschah nichts.

Am 2. Oktober 2016 erstickte Petra K. in einem Bordell, das es nie hätte geben dürfen. Die Homepage des Clubs war vor Kurzem noch online, ein Laufbanner verkündete, dass er bald wieder für seine Kunden da sein werde. In einer neuen Location. Das Haus ist seit dem Brand unbewohnbar.

Inzwischen steht auch die Brandursache fest: „Nach den Feststellungen des Brandsachverständigen ist am wahrscheinlichsten von einer fahrlässigen Verursachung durch eine weggeworfene und nicht ordentlich gelöschte Zigarettenkippe auszugehen“, teilte der Aachener Oberstaatsanwalt Wilhelm Muckel mit. „Ein Verursacher konnte nicht ermittelt werden.“ Damit sind die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft in dieser Angelegenheit abgeschlossen. Das Verfahren werde eingestellt, teilte die Staatsanwaltschaft mit.

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