Der Bunker liegt versteckt unter der Realschule Ofden

Von: Verena Müller
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Blick in die Vergangenheit: Hüter des Bunkers war lange Zeit Wolfgang Sanft (r.), sein Nachfolger ist Thomas Raskopp. Foto: Verena Müller
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Von einem Hauptgang gehen Räume ab, in denen sich OP-Säle befanden. Foto: Verena Müller
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Von einem Hauptgang gehen Räume ab, in denen sich unter anderem Notstromaggregate mit inzwischen korrodierten Werkzeug- und Ersatzteilkästen befanden. Foto: Verena Müller
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Von einem Hauptgang gehen Räume ab, in denen sich unter anderem Verwaltung mit Telefonzentrale befanden. Foto: Verena Müller
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Von einem Hauptgang gehen Räume ab, in denen sich unter anderem Belüftungsanlagen befanden. Foto: Verena Müller

Alsdorf. Wolfgang Sanft geht durch den langen, verwinkelten Gang des Bunkers, öffnet jede Tür und lässt seinen Blick durch die dahinterliegenden Räume wandern. An den Türen kleben noch Schilder wie „OP-Vorbereitung“ oder „Röntgenraum“. Die Luft ist kühl, es riecht nach feuchtem Beton und Moder.

Hier hat Sanft jede Woche Abflüsse gespült, hier hat er die Maschinen gewartet und Kontrolleure zum Notbrunnen geleitet, damit diese Wasserproben entnehmen konnten. Auch Ärzte aus dem Medizinischen Zentrum seien immer mal wieder hier gewesen.

Um sich mit den Räumen und Gegebenheiten vertraut zu machen, schätzt Sanft. Genau wisse er das aber nicht. Sanft ist 71 und hat viele Jahre als Schul- (und Bunker-)Hausmeister gearbeitet. Seit 2004 ist er im Ruhestand.

Während Sanfts Dienstzeit wurde der Bunker unter der Realschule Ofden, der ein Notkrankenhaus vor der Öffentlichkeit verborgen hielt, ständig für den Ernstfall bereitgehalten. Nun sind auch die Tage seiner letzten Überreste gezählt.

In dieser Woche soll ein Sachverständiger ein Gutachten erstellen, in dem die noch verbleibenden Anlagen und deren Entsorgungskosten aufgelistet werden. Und dann, irgendwann, wenn die Realschule umgezogen ist, die unterirdischen Gänge geräumt sind und der Bau des Wohngebiets „Am Tierpark“ beginnt, wird der Bunker verfüllt.

Investor ist Raoul Pöhler, räumlich aus Alsdorf und beruflich aus der Pflegebranche stammend. Er hat Projekte wie das Altenheim am Denkmalplatz in Alsdorf realisiert oder die „Gut Köttenich“-Wohnanlage für Senioren und Behinderte in Aldenhoven. Nun also ein neues Standbein.

Der 30-Millionen-Euro-schwere Wohnpark soll sowohl Familien mit Kindern als auch Alleinstehende anziehen. 150 Wohnungen sind geplant.

Für Pöhler ist der Bunker rückblickend in erster Linie „ein Überbleibsel aus längst vergangener Zeit, das viel Geld des Steuerzahlers verschlungen hat“ und das in absehbarer Zukunft zusätzliche Entsorgungskosten verursacht, die er tragen muss.

Für Wolfgang Sanft ist der Bunker so etwas wie die in Beton gegossene Angst der Menschen während des Kalten Krieges. Es habe Zeiten gegeben, da habe er um 4 Uhr morgens den Fernseher eingeschaltet, „um zu gucken, was Sache ist“. Anfang der 70er zum Beispiel, während des Jom-Kippur-Kriegs. Ob er echte Sorge gehabt habe, dass auch in Europa wieder Krieg ausbrechen könnte? „Was heißt Krieg?“, überlegt Sanft laut. „Aber ernstgenommen hat man das schon.“

Vielseitige Aufgaben

Von globalen Konflikten und möglichen Auswirkungen auf Alsdorf abgesehen, hatte das Notkrankenhaus für Sanft auch positive Seiten: „Das war schon interessant für mich“, sagt er. Die Anlagen hätten sich für die damalige Zeit auf hohem technischen Standard bewegt. Als „Spielzeug“ wolle er diese in Anbetracht des ernsten Hintergrunds lieber nicht bezeichnen, aber für einen gewöhnlichen Hausmeisterposten bot der Untergrund der Realschule doch vielseitige Aufgaben.

In dem Bunker waren eine Dekontaminationsschleuse, Sanitärräume, zwei Operationssäle, ein Sterilisationsraum für Instrumente und OP-Besteck, ein Röntgenraum, eine Telefonzentrale und eine komplett autarke Versorgung mit Klimaanlage und Heizung, Notstromaggregat, Notwasserbrunnen und Elektroanlage untergebracht.

Über Verbindungswege ins Schulgebäude, beispielsweise in den Sanitätsraum, hätten Patienten von den zu Krankenzimmern umfunktionierten Klassenzimmern in die OPs und zurück gebracht werden können. 200 Betten wurden vorgehalten. Das OP-Besteck lag eingeschweißt bereit, in der Wäschekammer warteten Laken und Decken.

1962 war die Grundsteinlegung der Realschule, infolge des „Sofortprogramms zur baulichen Vorbereitung von Ausweich- und Hilfskrankenhäusern” von Mai 1965 wurde das Hilfskrankenhaus gebaut. Die öffentlichen Schutzräume wurden mit Mitteln des Bundes errichtet. Eigentümerin und Verwalterin des Objekts ist die Stadt Alsdorf. Nutzung und Unterhaltung wurden zuletzt per Vertrag aus dem Jahre 1974 geregelt. Die Bezirksregierung erstattete die Kosten.

Kurz nach der Jahrtausendwende war die Krankenhausausstattung für humanitäre Zwecke abgegeben worden, das meiste sei in eine Klinik in Moskau gegangen, erinnert sich Wolfgang Sanft. Im September 2011 wurde der Bunker als Schutzbauwerk deklariert. Seitdem ist der Bunker ein offenes Geheimnis, Schüler führen Besucher durch seine Gänge. Zwischenzeitlich dienten Räume dem Alsdorfer Geschichtsverein als Lager, immer noch warten Kartons mit Fotos und eine Palette mit Büchern auf die Abholung.

Deren Abtransport dürfte sich bei der Räumung wohl wesentlich leichter – und weniger gesundheitsgefährdend – gestalten als das Bewegen der alten Maschinen. Dass sich beispielsweise in den Luftfiltern noch Asbest befindet, ist bekannt, und das dürfte bei weitem nicht der einzige Schadstoff sein. „Es ist zwar viel zu entsorgen, aber nicht viel Kontaminiertes“, glaubt Pöhler. „Außerdem hat man das heutzutage ja bei fast jedem Abbruchgrundstück.“

Man muss fast von doppelter Ironie sprechen: Erst geht die Krankenhausausstattung nach Ende des Kalten Krieges ans ehemalige sozialistische Lager, dann wird der Ort, der eigentlich Schutz hätte bieten sollen und an dem man sich im Ernstfall einer Dekontaminierung hätte unterziehen können, selbst zur Gefahrenzone.

Wolfgang Sanft nimmt das alles mit einem Achselzucken und einem leisen Lächeln zur Kenntnis. Nur ein bisschen schade um die Maschinen, die ja nur zu Testzwecken in Betrieb gewesen sind, sei es schon, findet er.

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