Der Bedarf an Tagesmüttern ist groß

Von: Conny Stenzel-Zenner
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Da schau her: Der kleine Luca wirft einen prüfenden Blick in den Spiegel. Er wird zusammen mit drei weiteren Kindern von Tagesmutter Jutta Reising betreut. Fotos (2): Conny Stenzel-Zenner Foto: Conny Stenzel-Zenner

Würselen. Luca schnappt sich den Spiegel. Der ist rund und im Durchmesser 30 Zentimeter groß. In Schaumstoff eingefasst, birgt er keine Gefahr für den kleinen Jungen. Der wird in März drei Jahre alt. Gemeinsam mit drei anderen Kindern kommt er zu Jutta Reising.

Die 44-Jährige hat nicht nur drei eigene Kinder, sondern beaufsichtigt seit 17 Jahren immer auch fremde. Die staatliche anerkannte Erzieherin ist Tagesmutter. Eine von zurzeit 25 in Würselen, Bardenberg und Broichweiden, die vom Jugendamt empfohlen werden. Vor allem in Würselen-Mitte und Scherberg könnte es noch mehr Tagesmütter geben.

„Der Bedarf ist groß“, weiß Heidi Schaar vom Jugendamt. Die Fachberaterin für Kindertageseinrichtungen und Kindertagespflege hütet nicht nur Karteien und berät Eltern, sondern macht Hausbesuche, entwickelt und organisiert Fortbildungen und entscheidet, ob potenzielle Tagesmütter wirklich geeignet sind. „Reich werden kann bei diesem Job niemand“, sagt Heidi Schaar.

Denn der Stundenlohn für eine Tagesmutter liegt bei rund 5 Euro. „Davon zahle ich Steuern, Versicherungen und die Räumlichkeiten“, erklärt Christel Richter (52), die in Broichweiden bis zu fünf Kinder gleichzeitig in einer eigens für die Betreuung angemieteten Wohnung beaufsichtigt. Da gibt es das Tobe-Zimmer, das Vorlese-Zimmer und das Schlafzimmer.

Eine Küche und eine Toilette, ein Bad mit Wickeltisch und einen eigenen Garten gibt es nur für die Kinder. Spielzeug, Schaukelpferde, Krabbeltunnel, Schaukeln, Bücher: Den bis zu Dreijährigen fehlt nichts. Sie kommen morgens gegen 8 Uhr, werden gegen 16 Uhr wieder abgeholt. Oder bleiben zu anderen Zeiten. „Das ist eine Sache der Absprache“, sagt Christel Richter, die seit fast 15 Jahren Kinder betreut.

Als gelernte Steuerfachgehilfin ging das nicht einfach so. Sie musste eine Qualifizierungsmaßnahme vom Jugendamt durchlaufen. Die dauert 160 Stunden und beginnt für Interessierte in Würselen wieder im Sommer nächsten Jahres. „Während der Schulung stehen unter anderem rechtliche Fragen auf dem Stundenplan, Gesundheitsthemen, die Sprachentwicklung, aber auch Fragen zur Entwicklungspsychologie“, erklärt Schaar. Ist die Qualifizierung bestanden, die vom Jugendamt bezahlt wird, gibt es die Pflegeerlaubnis immer für maximal fünf Jahre.

Diese braucht, wer Kinder außerhalb ihrer Wohnung in anderen Räumen während des Tages mehr als 15 Stunden wöchentlich gegen Entgelt länger als drei Monate betreuen will oder ein fremdes Kind länger als drei Monate und mehr als 15 Stunden in der Woche gegen Bezahlung im eigenen Haushalt betreuen möchte. Meistens werden in der Kindertagespflege Kinder bis zum dritten Lebensjahr betreut, auch als Alternative zu einer Kitabetreuung.

Jutta Reising musste diese 160 Stunden-Qualifikation nicht absolvieren. So wie viele Tagesmütter oder Tagesväter, die eine pädagogische Ausbildung haben. Die werden, wenn sie sich bei Heidi Schaar vorgestellt haben und die Voraussetzungen erfüllen, nach einer Ortsbegehung in die Kartei aufgenommen. Die Umgebung muss kindgerecht sein. Es darf keine Verletzungsgefahr bestehen, Sauberkeit und Hygiene müssen ebenso gewährleistet sein wie gesicherte Steckdosen und Treppenaufgänge.

Im Haus der Familie Reising ist alles gesichert. Das ehemalige Wohnzimmer ist längst zu einem Spielzimmer geworden. An einem Kindertisch stehen fünf Stühle. In der Vorleseecke liegt eine dicke Decke. Ein Kaufmannsladen wartet nicht nur auf Ware, sondern auch auf einen Verkäufer, und mitten im Raum probiert die zweijährige Pippa gerade die Holzeisenbahn aus. Vier Kinder im Alter zwischen einem und drei Jahren sind vormittags da, erzählen Geschichten, die Jutta Reising versteht.

Die Kinder haben ihre Rituale, turnen ein Mal in der Woche, machen Musik, gehen nach draußen und kochen täglich mit der Tagesmutter. „Ich bin wie eine Entenmutter, die ihre Kinder immer im Schlepptau hat“, sagt Jutta Reising, die Juri gerade mal auf den Arm nehmen muss, weil er sich gestoßen hat. Der Zweijährige kuschelt sich an die Erzieherin, lässt sich schnell beruhigen, um dann gemeinsam mit Luca in den Spiegel zu schauen. Der hat den Spiegel schon geküsst, ihn abgeleckt, ihn an seine Stirn gelehnt, hat sich von nahem und von weitem im Spiegel betrachtet, ihn auf den Boden gelegt und ihn in die Luft gehalten. Gedankenversunken vergessen beide die Welt um sich herum.

„Das Konzept bei Tagesmüttern ist ein anderes als im Kindergarten“, erklärt Heidi Schaar, die sich sicher ist, dass Eltern genau die Betreuungsart für ihre Kinder wählen, die zu ihnen und ihrem Kind passt.

Wieder schnappt sich Luca den Spiegel. Er fühlt sich wohl bei der Tagesmutter.

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