Herzogenrath - Den Arbeitstag intensiv üben

Den Arbeitstag intensiv üben

Von: ath
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Zur Mitarbeitermotivation hat Lehrerin Bettina Pauselli zum Wett-Falten aufgerufen: Josi (2.v.l.) war knapp schneller als sie und freut sich diebisch. Foto: Andrea Thomas

Herzogenrath. Mitarbeitermotivation ist wichtig, das weiß auch Bettina Pauselli und ruft zum „Wett-Falten” auf. „Los Josi, wer das Handtuch schneller gefaltet hat, du oder ich!”

Konzentriert beginnt die 17-Jährige, das karierte Kuchentuch zu ziehen und zu knicken. Ganz knapp ist sie Erste, denn Bettina Pauselli hat doch glatt verkehrt gefaltet und dadurch auf der Zielgeraden verloren. Josi gluckst fröhlich vor sich hin, und ihre Mitschüler strahlen sie stolz an. Auch ihre Lehrerin ist zufrieden, das kleine Tief ist überwunden, in der Wäscherei wird wieder fleißig gearbeitet.

Jeden Mittwoch ist seit Schuljahresbeginn an der Roda-Schule mit Förderschwerpunkt geistige Entwicklung in Herzogenrath „Praxistag” für die 38 Schülerinnen und Schüler der Berufsbildungsstufe. Dann wird ein normaler Arbeitstag absolviert und trainiert, wie ihn die Jugendlichen mit Behinderung nach der Schulzeit auch in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung oder in einem Betrieb auf dem ersten Arbeitsmarkt erwartet.

Echte Herausforderung

An diesem Tag werden die Klassen zugunsten einer arbeitsplatzähnlichen Situation aufgelöst. Als schuleigene Arbeitsbereiche stehen die Wäscherei, die Druckerei, die Töpferei, die Bäckerei und der Bereich Catering zur Verfügung. Arbeitszeit ist von 8.45 bis 15 Uhr mit Frühstückspause und Mittagessen. Letzteres bereitet die Catering-Gruppe für alle am Projekt beteiligten Schüler, Lehrer und Betreuer zu. Das sei schon eine echte Herausforderung, schmunzelt Schulleiter Thomas Kürten. An diesem Tag gibt es Gemüselasagne. Während Lehrerin Andrea Pfeiffer mit einer Schülerin die Lagen in große Formen zu schichten beginnt, schnippeln Robin (17) und Jasmin (17) schon einmal Pfirsiche für den Nachtisch. Meistens mache es Spaß, erklärt Robin.

Mit großem Eifer dabei

Auch die anderen sind mit Eifer bei der Sache. Denn, damit der Tag möglichst nah an der Realität ist, wird hier nicht „für den Papierkorb” gearbeitet, sondern für „Kunden”, die anderen Klassen der Roda-Schule, die ihre Mitschüler „beauftragen”. Das spornt an.

So wird in der Wäscherei die komplette Wäsche der Schulgemeinschaft vom Küchentuch bis zum Fußballtrikot gewaschen, getrocknet, gemangelt und gefaltet. In der Töpferei werden Ware und Geschirr in Gießtontechnik hergestellt. Auftrag der Bäckerei ist es, die Klassen mit Brot, Brötchen und anderen Backwaren zu beliefern.

Die Berufspraxisstufe hat zum Ziel, die jungen Menschen mit Behinderung mit ihrem individuellen Vermögen und ihren Bedürfnissen auf den Übergang von der Schule in die Arbeitswelt vorzubereiten. Aus dem Kollegium heraus war der Wunsch entstanden, dies noch intensiver als bislang der Fall, zu tun. Der „Praxistag” war geboren. „Wir wollen damit keiner Ausbildung vorgreifen, sondern Grundtugenden für den Arbeitsalltag in einer für unsere Schüler nachvollziehbaren Form trainieren”, erläutert Thomas Kürten.

Dazu gehöre zum Beispiel, einen Arbeitstag durchzustehen, Flexibilität zu zeigen, ein Bewusstsein für Qualität und Arbeitstempo und die Arbeit im Team zu entwickeln. „Das ist schon arbeitsintensiver, nicht nur für die Schüler”, beschreibt Lehrerin Christiane Rokuß, die Erfahrungen mit dem Tag, der nach einer Erprobungsphase im vergangenen Schuljahr nun fester Bestandteil des Stundenplans ist. An diesem Tag seien auch sie und ihre Kollegen ganz anders gefordert: „Wir lernen die Schüler außerhalb ihrer Klassen ganz anders kennen.”

Das fließt in die Beurteilungen ein, die Lehrer und Schüler regelmäßig gemeinsam erstellen. Mit Smileys, die mal mehr, mal weniger grinsen, werden unter anderem Ausdauer, Arbeitseifer, -tempo, -qualität oder Umgang mit den Kollegen dokumentiert. „Es ist erstaunlich, wie gut die Schüler sich nach ein paar Mal selbst beobachten können. Sie merken, ah, da muss sich mich noch verbessern und auch, wo sie etwas gut können”, hat Thomas Kürten festgestellt. Da es eine offene Form der Kritik sei, werde diese viel eher angenommen.

Je nach Möglichkeiten

Weiterer wichtiger Aspekt sind praktische Arbeitserfahrungen, was einem liegt und was nicht. Daher durchläuft jeder Schüler mehrere Arbeitsbereiche - so gut es seine Möglichkeiten zulassen, denn nicht jeder könne jede Arbeit übernehmen. Wie zum Beispiel die von Christian. Der 15-Jährige schneidet Bons zurecht. Dazu bedarf es schon Konzentration und Fingerfertigkeit, sonst wird es gefährlich. Entsprechend stolz ist er, dass ihm das so gut gelingt. Andererseits käme er mit seiner Arbeit nicht weiter, würde Kirsten nicht zuvor mit der Schere die Ränder an den großen Bögen abschneiden und Arthur anschließend alles ordentlich in Kartons sortieren. Jeder an seinem Platz in der Arbeitskette, so wie es auch in den Werkstätten gemacht wird - und als Team sind sie richtig produktiv.

Zum Team gehören Lehrer, die hier Lernpartner und Kollegen sind. Eine Begegnung auf anderer Ebene, die Schulleiter Thomas Kürten, der selbst in der Catering-Gruppe zu Gemüsemesser und Kochlöffel greift, nicht missen möchte: „Der Mittwoch ist mir heilig.” Nicht nur ihm, auch für seine Schüler sind Mittwoche besondere „Praxistage”.
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