Demenz: Zeit, Zuwendung und Zärtlichkeit nötig

Von: ath
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Mit der Klangschale sichert si
Mit der Klangschale sichert sich Diakonissin Brigitta Schröder nicht nur die Aufmerksamkeit ihres Publikums: Musik und Töne sind auch ein Weg, einen Zugang zu Menschen mit Demenz zu finden. Foto: Andrea Thomas

Würselen. Schon mit dem ersten Ton der Klangschale hat sie die volle Aufmerksamkeit ihres Publikums im voll besetzten Hörsaal der Schule für Pflegeberufe. Brigitta Schröder, Schwester des Diakoniewerks Neumünster, wird an diesem Abend über den Umgang mit Menschen mit Demenz sprechen.

Organisiert hat den Vortrag die AOK gemeinsam mit dem Medizinischen Zentrum (MZ). Ein schweres Thema, sollte man meinen, dem sie jedoch positive Leichtigkeit und unkonventionelle Ansätze entgegensetzt. Neben der Klangschale hat sie auch noch Seifenblasen, Luftballons und bunte Socken mit Inhalt mitgebracht, die im Laufe des Abends noch zum Einsatz kommen werden.

Statt „schnell, sauber, satt”

Die gebürtige Schweizerin (auch nach 40 Jahren in Deutschland noch unüberhörbar), die sich selbst als „junge Alte” (sie ist 77) beschreibt, hat sich intensiv mit den Fragen des Alterns und der Demenz beschäftigt, hat ein Seniorenstudium in Geragogik (Pädagogik des Alterns) und Gerontologie absolviert. Vor allem aber hat sie aus der Betreuung einer dementen Freundin und dem Umgang mit Menschen mit Demenz eine Fülle an praktischen Erfahrungen. Dabei ist ihr klar geworden, wie dringend die Betroffenen und ihre Angehörigen und Pflegekräfte einen Blickrichtungswechsel brauchen. Das fängt schon damit an, wie eine Gesellschaft Demenz definiert. „In anderen Kulturen, zum Beispiel in Afrika, betrachtet man diese Menschen als Halbgötter, bei uns spricht man von ,ohne Geist”, sagt sie. Wir sehen die menschliche Entwicklung als Bogen: vom Säugling bis zum Greis. Doch, was wir bei einem Kind als normal betrachten, dass es gerne spielt, lacht, singt, seine Gefühle und Bedürfnisse direkt äußert, das betrachten wir bei einem alten Menschen, der sich wieder diesem Entwicklungsstand annähert, als unangemessen. „Jeder von uns war schon einmal ,dement, in den ersten zwei Jahren seines Lebens.” Demente Menschen haben die selben Kompetenzen wie Kinder. Akzeptieren wir das, können wir eine Menge voneinander lernen.

Angehörige sollten den Betroffenen auf Augenhöhe begegnen, sie anerkennen und wertschätzen. Nicht ihre Defizite sehen, sondern ihr Können. Das bedeutet, sich auf den anderen einlassen, einen guten Zugang zu ihm suchen, mit Fantasie, Kreativität und Flexibilität. Als Hilfsmittel könnten hier die einfachsten Dinge dienen. „Seien sie mutig, wagen sie Neues”, fordert sie ihre Zuhörer auf. Angst davor, albern zu sein, sei überflüssig. Mit Seifenblasen und Luftballons trat sie den Beweis an. „Schauen Sie, was für ein Gegenüber sie haben, und lernen sie von ihm.” Statt „schnell, sauber, satt” müsse „Zeit, Zuwendung, Zärtlichkeit” den Umgang bestimmen.

Natürlich gebe es auch Situationen, die besonders Angehörige überforderten. Da sollte niemand sich scheuen, sich abzugrenzen oder professionelle Hilfe zu holen. Ohne Selbstliebe, könne man niemand anderen lieben. Dazu gehöre, auch, die eigenen Reserven aufzufüllen. Gebe man einen Angehörigen in die Tagespflege, schiebe man ihn nicht ab. Schuldgefühle nützten genauso wenig wie sich aufzuopfern. Ihr „Blickrichtungswechsel”, den sie in einem gleichnamigen Buch ausführlich beleuchtet hat, macht Mut: Die Welt mit Demenz ist anders, nicht immer einfach, aber sie muss nicht nur schwer sein, sondern kann auch bereichern.

Hilfe und Unterstützung für Angehörige von Menschen mit Demenz bieten vor Ort unter anderem die Selbsthilfegruppen des MZ unter Leitung von Pfarrer Theodor Maas. Infos dazu gibt es in den im MZ ausliegenden Flyern oder im Netz.
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