Das Jahr 1967: Eine Zeit des großen Umbruchs

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Wer vom Wasserturm aus auf Übach-Palenberg blickt, sieht auch das vorläufige Resultat einer bewegten Geschichte. Foto: Markus Bienwald

Übach-Palenberg. Am Samstag hat Übach-Palenberg sein 50-jähriges Bestehen als Stadt gefeiert. Bereits am 13. Juli 1967 wurde die Entscheidung der Landesregierung offiziell. Heimatforscher Jürgen Klosa erklärt im Interview mit Jan Mönch, was für ein Ort Übach-Palenberg damals war.

Außerdem spricht er auch über die Gründe für Aufstieg und Niedergang der SPD – und wieso er die Gründung Übach-Palenbergs als Großgemeinde 1935 für historisch bedeutender hält als die Verleihung der Stadtrechte.

Herr Klosa, vor 50 Jahren wurde Übach-Palenberg von der Großgemeinde zur Stadt. Wie dürfen Nachgeborene sich Übach-Palenberg zu jener Zeit vorstellen?

Klosa: Übach-Palenberg war sehr von den Siedlungsbildern geprägt, von alten Straßen und dem Geist der Zeche, die eine Monostruktur bedeutet hatte. Als 1962 die Grube Carolus Magnus zugemacht hat, hat das eine gewisse Resignation nach sich gezogen.

Klingt nicht nach der Stimmung, um zum großen Wurf auszuholen.

Klosa: 1962 war der Christdemokrat Josef Fürkötter Bürgermeister. Bereits 1961 war ein Ausschuss für die Folgen der Stilllegung der Zeche gegründet worden, der sich darum kümmerte, neue Arbeitsplätze nach Übach-Palenberg zu holen. Die ersten großen Erfolge waren die Firma Schlafhorst und die Firma Woeste. Aber es blieb noch viel zu tun. Darüber kam die Kommunalwahl und die SPD legte sich ins Zeug für ein neues Übach-Palenberg. Sie gewann die Mehrheit unter Bürgermeister Max Gärtner. Danach wurden – auf postalischem Wege – bei Firmen Klinken geputzt bis zum Erbrechen. Der Rücklauf war prozentual gesehen sicher mager, aber es gab einen Fleißeffekt, es hat Industrieansiedlungen gegeben. Vor dem Hintergrund dieser sehr agilen Kommunalpolitik wurde das Land auf diese Erfolge aufmerksam und zum 1100-jährigen Bestehen von Palenberg wurden der Großgemeinde die Stadtrechte verliehen.

Der Schritt zur Stadt wurde also erst vor dem Hintergrund der Zechenschließung möglich?

Klosa: Jedenfalls hätte es den Ausschuss nicht gegeben, und vielleicht wäre dann manches nicht so engagiert angepackt worden. Vielleicht hätte man die Frage, ob ein Plumpsklo noch zeitgemäß ist, gar nicht gestellt.

Die SPD stellte sie...

Klosa: Übach-Palenberg wurde nach dem Krieg von der CDU regiert. Die SPD hat damals mit einer jungen Mannschaft um Max Gärtner eine Vision entwickelt. Gärtner hat es verstanden, die Menschen damit anzusprechen. Er wollte ein besseres Wohnumfeld schaffen, das Bergarbeiterkind sollte alle Schulen zur Verfügung haben, kulturelle Einrichtungen gefördert werden. Das Leben sollte größere Perspektiven bieten. So kam es zum Machtwechsel.

Erinnern Sie sich an diesen Tag?

Klosa: Mein Klassenlehrer, der Herr Karpowitz, der war Fraktionsvorsitzender der SPD und kam voller Stolz in die Volksschule. „Jetzt fängt eine neue Zeit an, die SPD hat die Kommunalwahl gewonnen“, sagte er. Wir waren richtig beseelt. Und das hat angehalten bis in die Neunziger. Die Frage war später nie, ob die SPD die Wahlen gewinnt, sondern wie hoch. Die SPD hatte immer sehr starke Kommunalpolitiker.

Den Kredit hat sie offenbar verspielt. Seit 2009 ist die CDU wieder am Ruder. Wann haben Sie es erstmals für möglich gehalten, dass es so weit kommt?

Klosa: Genau dann, als es passiert ist. Auch der Niedergang hatte viele Väter. Paul Schmitz-Kröll kandidierte nicht mehr und wurde mit einer Schmutzkampagne fertig gemacht, dazu gab es die Auseinandersetzung mit dem Spitzenkandidaten Heiner Weißborn. Zusätzlich hat von der Bundesebene her sicherlich Hartz IV auf Übach-Palenberg ausgestrahlt, schließlich gab es die Armut auch hier vor Ort. Viele Hunde sind des Hasen Tod.

Sie haben Plumpsklos und eine schlechte Schullandschaft angesprochen. War Übach-Palenberg Anfang der 60er Jahre ein rückständiger Flecken Erde?

Klosa: Ja, und es musste sehr viel Geld in die Hand genommen werden, um das aufzuholen. Ganze Ortsteile hatten keine Kanalisation, Straßen mussten ganz neu gebaut werden. Oder nehmen wir die Stadtkernsanierung von Übach. Ganz Übach wurde auf den Kopf gestellt! Wenn man heute über die Schuldenlast Übach-Palenbergs spricht, muss man auch fragen: Was davon hätte man denn nicht machen sollen?

Welche konkreten Folgen hatte die Verleihung der Stadtrechte?

Klosa: Der eigene Stellenwert wurde erhöht, die Möglichkeiten waren andere als für eine Großgemeinde. In meinen Augen war die Gründung der Großgemeinde 1935 aber für die Bürger viel schwieriger und folgenreicher. Da wurde die Gemeinde geboren, das kommunale Gebilde, das wir bis heute sind. Als Stadtspitze hätte ich eher das 75-jährige Jubiläum hierzu gefeiert. Ich will die Verleihung der Stadtrechte nicht schmälern, aber das war doch eher eine administrative Umbenennung.

Ist der Bergbau in Übach-Palenberg im Vergleich mit anderen Bergbauregionen unter dem Strich eher erfolgreich oder eher schlecht abgewickelt worden?

Klosa: Im Vergleich mit dem Ruhrgebiet zum Beispiel ist dies gut gelungen. Hier hat man besser von A nach B schauen und ein Gesamtkonzept entwickeln können. Wäre Übach-Palenberg beispielsweise ein Stadtteil von Gelsenkirchen, wäre man womöglich als einer unter vielen eher untergegangen.

Dem Ruhrgebiet muss doch auf höherer politischer Ebene eine viel größere Priorität eingeräumt worden sein.

Klosa: Mag sein. Mit Sicherheit ist da mehr Geld geflossen. Aber das musste ja auf eine ganz andere Einwohnerzahl umgerechnet werden.

Und wenn Sie Übach-Palenberg mit den Nachbarn Alsdorf vergleichen?

Klosa: 1962 war es so, dass andere Zechen unsere Bergleute aufgenommen haben: die Grube Adolf, die Grube Anna, die Grube Carl-Alexander, die Grube Emil Mayrisch. Es war also ein Glück, dass wir am Anfang der Zechenschließungen standen. Alsdorf hat es da in meinen Augen schwerer gehabt. Dort mussten viele Menschen abwandern, es gab keine Alternativen.

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