Alsdorf - „Das ist alles aus Liebe geschehen!“

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„Das ist alles aus Liebe geschehen!“

Von: Karl Stüber
Letzte Aktualisierung:
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Das blutige Ende einer bis dahin friedlichen Feier: Nach der Messerattacke an der Alsdorfer Burg werden Spuren gesichert und Zeugen befragt. Foto: Ralf Roeger

Alsdorf. Es läuft dem Prozessbeobachter angesichts des Falls ein kalter Schauer über den Rücken: Da absolviert ein Heranwachsender die Realschule, besteht die Gesellenprüfung als Maurer und meldet sich zur Meisterschule an. Scheinbar ein ganz normales Leben wie das vieler anderer auch. Dann greift er mehrere Menschen mit einem Messer an.

Was sich nach einem ganz normalen Leben anhört, gerät immer mehr außer Kontrolle. Der junge Alsdorfer wird drogenabhängig, sein Wesen, seine Seele verändern sich. Er sieht um sich immer mehr Gefahren, entwickelt Verschwörungstheorien, die in seinem Kopf reale Formen annehmen. Und so wird er selbst zur Gefahr – zu einer (fast) tödlichen. Die aufgestauten Ängste und der Zwang, etwas gegen das vermeintlich Böse unternehmen zu müssen, entladen sich ausgerechnet bei einer vollkommen harmlosen, ja unbeschwerten Feier: beim Grillfest der Alsdorfer Stadtgarde am Abend des 8. August 2015 an der Alsdorfer Burg. Vermummt mit Kapuze, Taucherbrille und einem Tuch, aber auch bewaffnet mit Reizgas, Dolch und Jagdmesser stürmt der junge Mann das Gelände, verletzt einen Polizisten, der dort als Privatmann mitfeiert, lebensgefährlich, einen weiteren Gast erheblich und viele Feiernde mit Reizgas.

Nach akribischer Vorbereitung und in drei aufwendigen Verhandlungstagen hat 1. Schwurgerichtskammer am Landgericht Aachen die Hintergründe und den Tathergang detailliert aufgearbeitet. Auch eine weitere Attacke des nach der Alsdorfer Tat in die LVR-Klinik Essen eingewiesenen Täters auf einen anderen Patienten wurde analysiert.

Viele Zeugen wurden gehört, und Opfer. Polizisten, Pfleger, Gutachter – und nicht zuletzt der Beschuldigte, der bereitwillig Einblick in seine Gedankenwelt gab.

Das Gericht kommt zu dem Fazit: In beiden Fällen hat er töten wollen. Ja, beide Taten beging er im Zustand von Schuldunfähigkeit. Und ja: Er ist eine nicht zu berechnende Gefahr für die Allgemeinheit. Jeder, der ihm begegnet, läuft Gefahr, Ziel einer weiteren Attacke mit Tötungsabsicht zu werden, weil es ihm in den Sinn kommt und eine innere Stimme befiehlt.

Die forensische Psychiaterin Dr. Konstanze Jankowski aus Köln führte die Begutachtung von Kollegen und die eigene zu einem erschütterndem Gesamtbild zusammen. Es sei von einem „systematischen Wahn auszugehen“. Der Beschuldigte sehe sein Handeln als gerechtfertigt an. Jankowski sprach von einem „psychopathologischen Befund“. Und von Omnipotenz. Der junge Alsdorfer habe sich als befugt gesehen, einzugreifen.

Die Gutachterin rief noch einmal die in der Verhandlung beschriebenen Motive des Angreifers in Erinnerung: Er habe seine Ex-Freundin retten, Kinderhandel unterbinden und Verschwörer stoppen, ja die Menschheit um Böse reduzieren wollen. „Mit der Zeit hat er sich im Zustand des Verrücktseins in eine andere Welt bewegt, die mit unserer nicht übereinstimmt.“

Zunächst habe sich durch den regelmäßigen Drogenkonsum (Cannabis) über Jahre eine Psychose entwickelt, die aber dann zu einer eigenständigen, chronischen paranoiden Schizophrenie“ entwickelt habe. Deshalb sei die Frage nach Schuldunfähigkeit leicht mit ja zu beantworten. Auch die gezielten Tatvorbereitungen in Alsdorf sprächen nicht dagegen. Dem Begutachteten fehle die Einsichtsfähigkeit. Die Medizinerin empfahl dem Gericht, den Täter in einer psychiatrischen Klinik unterzubringen. Sie appellierte an den jungen Mann, sich dort auch auf „eine kontinuierliche Behandlung unter geschützten Bedingungen einzulassen“. Ansonsten drohe er, eine Demenz entsprechende Persönlichkeitsveränderung zu erleiden.

Florian Hupperts aus Bochum, Fachanwalt für öffentliches Dienstrecht, der den als Nebenkläger auftretenden lebensgefährlich verletzten Polizisten vertrat, bekräftigte, dass sein Mandant nur mit großem Glück überlebt habe. Derzeit befinde dieser sich in einer Rehabilitationsmaßnahme. Abgesehen von den Verletzungen sei es noch völlig offen, wie dieser mit den „seelischen Beeinträchtigungen“ zurecht komme, Das sei noch völlig offen. So sei auch nicht klar, ob er seinen Dienst als Polizist wird wieder aufnehmen können.

Hupperts schätzte die Chancen gering ein, dass gegenüber dem Täter „zivilrechtliche Ansprüche“ durchsetzbar seien (Schmerzensgeld). Er gehe aber davon aus, dass der „Schutz des Dienstherrn“ wirksam sei, weil sich sein Mandant, als er sich dem Täter entgegenstellte, als Polizist zu erkennen gegeben und somit„in den Dienst versetzt hat“.

Entsprechend der Empfehlung der Gutachterin plädierte Staatsanwältin Tanja Gülicher-Schmidt: Einweisung in eine psychiatrische Klinik. Verteidiger Norbert Hack folgte dem bis auf einen Punkt: Bei der Attacke auf den Patienten in der LVR-Klinik Essen habe keine Tötungsabsicht vorgelegen.

Diese Einschränkung machte sich das Gericht letztlich nicht zu eigen, wobei Vorsitzender Richter Arno Bormann klarstellte, dass dies für die Gesamtbewertung nicht ausschlaggebend sei.

„Im Namen des Volkes“ wurde die Unterbringung in einem Psychiatrischen Krankenhaus angeordnet. Bormann appellierte eindringlich an den jungen Alsdorfer, sich auf eine Behandlung einzulassen. Eine Revision ist zulässig.

Und was sagte der so Eingewiesene? „Die ganze Sache wollte ich nicht. Das ist alles aus Liebe geschehen.“ Und: „In Ihrer Welt mag ich krank sein!“ Aber in der seinen zeigte sich der Beschuldigte mit sich im Reinen.

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