Herzogenrath - Das Augenlicht verloren, aber nie die Freude am Leben

Das Augenlicht verloren, aber nie die Freude am Leben

Von: Beatrix Oprée
Letzte Aktualisierung:
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Orientalische Köstlichkeiten: „Schade, dass ich die andere Kultur nicht mehr sehen kann“, bedauert Ingeburg A. Funda Han (l.) versucht mit großem Fingerspitzengefühl, ihr so viel wie möglich davon zu vermitteln. Foto: Beatrix Oprée
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„Aus uns können echte Freundinnen werden“: Ingeburg und Funda verstanden sich auf Anhieb bestens. Foto: Beatrix Oprée

Herzogenrath. „Hier ist die Tasse ... Achtung, heiß!“ Sanft nimmt die junge Frau die Hand ihres Gastes und führt sie an die Tischkante. Die ältere Frau tastet die Gegenstände ab, die dort aufgereiht sind, Unterteller, Löffel, die verzierte Tasse mit dampfendem Tee. Daneben ein Teller mit Salat und einer duftenden Blätterteigpastete.

Sie lächelt: „Aha, alles klar! Jetzt nichts mehr verschieben hier!“, lautet ihr Kommando: „Sonst gibt es ein Malheur!“ Mit traumwandlerischer Sicherheit greift sie dann nach der Gabel und fängt genüsslich an zu essen.

„Mein Name ist Ingeburg“, hatte sie sich vorgestellt. Ingeburg A. Ihren Nachnamen möchte sie in der Zeitung nicht genannt wissen. Aus Angst vor Einbrechern, wie sie in den zurückliegenden Wochen mehrere Häuser in ihrer Nachbarschaft heimgesucht haben. „Sie müssen verstehen“, sagt sie. „Ich bin ja blind.“

Eine angeborene aggressive Variante des Grünen Stars hat ihr kontinuierlich über die Jahre hinweg das Augenlicht geraubt. Trotzdem möchte sie sich vom Leben nicht unterkriegen lassen. Ihren Alltag meistert sie noch weitgehend alleine, ihr munter-forsches Wesen macht es ihr leicht, auf Menschen zuzugehen.

Plötzlich war die Welt dunkel

Dass sie mitunter auch düstere Gedankenwelten durchlebt, daraus macht sie keinen Hehl. „Als es schließlich ganz dunkel wurde, bin ich natürlich in ein schwarzes Loch gefallen“, umschreibt sie die Zeit der völligen Erblindung und der Erkenntnis, dass nun auch OPs – zwischenzeitlich hatte sich auch ein Grauer Star eingestellt – nicht mehr helfen können. „Man kann aber lernen, aus depressiven Phasen selbst wieder herauszukommen“, sagt Ingeburg A. Sie setzt auf Autosuggestion, Muskelentspannung und Übungen des Tai Chi.

Das beste Rezept jedoch sind zwischenmenschliche Beziehungen. Und da kommt Funda Han ins Spiel. Auf der Suche nach Kontakten in ihrer neuen Heimat war die junge Türkin auf das AWO-Quartiersprojekt „Mitten in Merkstein“ gestoßen, das Menschen aus nachbarschaftlicher Anonymität holen und zueinander bringen möchte. „Oft bedarf es dazu nur eines Anstoßes“, erklärt AWO-Projektmanagerin Ursula Kreutz-Kullmann, regelmäßig Infoabende und Kennenlern-Stammtische veranstaltet. Sie hat Funda und Ingeburg zusammengebracht.

Und die beiden Frauen waren sich sofort sympathisch, obwohl sie auf den ersten Blick so gar nichts miteinander zu tun haben: Die eine, die in Oberschlesien geboren wurde, und die andere, die bis vor neun Jahren in Istanbul lebte. Die eine, verwitwet und Mutter einer erwachsenen Tochter, die in Kiel lebt, wurde einst zur Säuglingspflegerin ausgebildet, weil sie aufgrund ihrer schwachen Sehkraft die Wunschberufe Modedesignerin oder Grafikerin nicht erlernen konnte. Die andere, verheiratet, Mutter einer zwölfjährigen Tochter und eines 15-jährigen Sohns, ist Informatikerin und zurzeit Fernstudentin der Soziologie. In Deutschland lebt sie, seit ihr Mann, als Elektroingenieur für einen internationalen Konzern tätig, von Istanbul nach Herzogenrath versetzt wurde. „Am Anfang war gar nicht klar, dass wir bleiben“, sagt Funda Han entschuldigend. Deswegen habe sie erst verhältnismäßig spät angefangen, systematisch Deutsch zu lernen.

Der Kontakt zu Ingeburg A. kann dem nun Auftrieb geben. Denn die Seniorin, die sich trotz ihres Handicaps immer für alles um sie herum interessiert hat, ist nicht nur eine beredte Partnerin, sondern auch von einer gesunden Neugierde beseelt. Bei Funda ist sie da an der richtigen Adresse: „Ich liebe ältere Menschen“, zollt die junge Frau auch der Lebenserfahrung Älterer Respekt. „Und ich bewundere, wie Ingeburg alles meistert!“

Ingeburg A., die zwar nicht Designerin werden konnte, aber dann zumindest Kunstkurse absolvierte, um ihrer Neigung doch noch frönen zu können. Durch diverse Ausstellungen – auch in Herzogenrath – hat sie ihr Talent immer wieder unter Beweis gestellt. „Jetzt völlig blind zu sein, ist ,Gehirnjogging hoch 3‘“, stellt sie klar. Geräusche, Konturen, Gerüche, Texturen – alles was man hören, riechen und fühlen kann, will sinnvoll kombiniert werden, um ein Bild von der Umgebung zu ergeben. „Und das klappt ganz gut“, sagt Ingeburg.

So gerüstet, hat sie sich ein neues Projekt vorgenommen: trotz völliger Erblindung wieder zu malen. Sie setzt dabei auf sorgfältig sortierte und markierte Farbtöpfe – und den reichen Schatz an Motiven in ihrem Kopf. Nicht nur Funda Han ist gespannt auf das künstlerische Ergebnis.

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