Currywurst mit Pommes stärkt Attila

Von: Elisa Zander
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Mord im Lager der Hunnen: Fürst Edekon (Norbert Kaußen) musste an diesem Tag sterben. Denn etwa eine Stunde später wurde er zum neuen Attila der Öcher Hunnenhorde ernannt. Foto: Elisa Zander

Würselen. Fürstin Sunilda ist entsetzt. Vor ihren Augen ist ihr Mann, Fürst Edekon, kaltblütig ermordet worden. Keiner der hundert Umstehenden hat sich schützend dazwischen geworfen. Und anstatt zu trauern, streiten sich die Fürsten und Könige darum, wer nun die Herrschaft über das Volk übernehmen soll.

Provokativ flätzt sich das Schamane Molakai auf dem verhüllten Thron des Hunnenkönigs Attila. König Bleda wird beauftragt, das Regiment über die Hunnen zu führen. Dann setzt flotte Discomusik ein und Tänzerinnen in kurzen roten Kleidchen spulen auf der gegenüberliegenden Bühne ihr Programm ab.

Was aberwitzig klingt und für die Schaulustigen, die sich auf der Morsbacher Schützenwiese eingefunden haben verwirrend aussieht, hat einen guten Grund: An diesem Tag wird bei der Karnvalsgesellschaft (KG) „Erste Öcher Hunnenhorde” im Rahmen ihres neunten Hunnenlagers der neue Attila geweiht. Und weil der neue Atilla, den der Vorstand auserwählt hat, Fürst Edekon, mit weltlichem Namen Norbert Kaußen und Vereinsvorsitzender, ist, musste seine ihm zuvor auferlegte Rolle sterben.

Mit viel Herzblut

Das Ritual mit Reinigung, Stärkung und der Befragung der Götter ist ein Schauspiel, das selbst für die Vereinsmitglieder nicht alltäglich ist. „Die Schamanen lassen sich für diese Zeremonie immer etwas Besonderes einfallen”, erklärt die mittlerweile nicht mehr ganz so trauernde Witwe Fürstin Sunilda, die nach dem Wochenende wieder als Gisela Kaußen angesprochen werden wird. Schließlich wusste sie um die Ernennung zum Attila ihres Gatten und hatte die Schamanen zuvor gebeten, ihm keinen Eimer Wasser über den Kopf zu schütten. „Sonst verliert er seine Kontaktlinsen. Die trägt er so schon nicht gerne, aber ein Fürst und jetzt sogar als Attila sähe eine Brille scheußlich aus.” Viel Einsatz für ein zugegeben außergewöhnliches Hobby, in das die Vereinsmitglieder viel Freizeit und ihr ganzes Herzblut stecken.

Die Liebe zum Detail wird auch für Außenstehende schnell sichtbar. Etwa die aufwändigen Kostüme, die die Mitglieder alle nach eigenen Vorstellungen selber nähen und gestalten. Dazu gehören auch die Panzer und die unzähligen Schmuckstücke - alles Unikate. Die einzige Einschränkung ist die Farbgebung: Erdtöne sind Pflicht, Pink oder Violett sucht man vergebens. Bis zu sieben Kilo wiegen die Gewänder, die zwar im Straßenkarneval schön warm halten, aber in den Sälen oder an den Tagen im Sommerlager die Eigentümer wörtlich ins Schwitzen bringen. Doch die Kostüme sind ein Grund, warum viele der Mitglieder der KG beitreten. „Karneval feiern kann man in vielen Vereinen”, sagt Gisela Kaußen. „Aber wir wollen keine einheitlichen T-Shirts mit dem Namen der Gesellschaft.” Es ist ein Spagat einerseits zwischen der karnevalistischen Tradition und andererseits zwischen Individualität und Gemeinschaft. Letztere kommt bei den Hunnen nicht zu kurz, im Gegenteil. Wie schon ihre namentlichen Vorfahren halten sie zusammen, setzen sich füreinander ein, unterstützen, wo Hilfe gebraucht wird. Natürlich gilt das auch für den Aufbau des Sommerlagers, das bei den Hunnen ein bisschen auch die Karnevalssitzung ersetzt. „So etwas würde nicht zu uns passen”, erklärt Karin Queck, die unter den Öcher Hunnen die Rolle der Rubina, Frau König Bledas, einnimmt.

Schon eine Woche vorher beginnen die Vereinsmitglieder auf der Schützenwiese die Zelte, so genannte „Jurten” aufzubauen. Die werden dann am Freitag mit den vielen Gegenständen, die sich seit der Vereinsgründung im Jahr 1994, angesammelt haben, dekoriert und ausgestattet. Angefangen vom Schamanen-Altar in der Attila-Jurte, über Gewänder bis hin zu einem fertig gemachten Bett - schließlich übernachten die Hunnen getreu ihren geschichtlichen Vorgängern zumindest während des Sommerlagers in den aufgebauten Unterkünften.

Während der zwei Tage auf der Schützenwiese feiern die Öcher Hunnen lange nicht alleine. Sämtliche KGs aus Aachen und Umgebung besuchen die Hunnen und natürlich dürfen auch andere Hunnenhorden, wie etwa die Vaalser, Erper, Utigurische oder Geider Hunnenhorde, nicht fehlen.

Geschichtsunterricht wollen die Hunnen aber nicht erteilen. „Wir sind während des Sommerlagers zwar hauptsächlich Hunnen, aber vom 11. November bis Aschermittwoch sind wir durch und durch Karnevalisten”, sagt Karin Queck. Und obwohl während der Tage auf der Schützenwiese so hunnisch wie möglich gelebt wird gibt es Ausnahmen, vor allem bei den Speisen. Gummibärchen und Chips stehen unter anderem zum naschen bereit. „Würden wir wirklich Essen von damals zubereiten, würde das kaum einer anrühren”, ist sich Karin Queck sicher. Darum gibt es mittags einen Attila-Teller: Currywurst mit Pommes.

Flucht vor den Hunnen

Die Hunnen werden in der europäischen Geschichte erstmals im Jahre 370 n. Ch. erwähnt. Sie kamen aus dem Steppengebiet nördlich des Kaspischen Meeres und zogen unter ihrem Anführer König Attila eine Spur der Verwüstung nach sich: Plünderung des Römischen Reiches, Ermordung, Vergewaltigung.

Damit lösten sie die Völkerwanderung aus, man versuchte, vor den Hunnen zu fliehen. Besiegt wurden die Hunnen von der in Gallien lebenden Bevölkerung (Franken und Westgoten) zusammen mit den Römern unter Aetius auf den Katalaunischen Feldern 451. Kurz danach verstarb Attila eines natürlichen Todes; das gesamte Reich zerfiel.

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