Cinram will wieder Vinyl-Schallplatten herstellen

Von: Karl Stüber
Letzte Aktualisierung:
7045657.jpg
Völlig von der Bildfläche verschwunden war sie nie, die gute alte Vinyl-Schallplatte: Altstars wie Elton John oder David Bowie produzieren nach wie vor auf Vinyl. Nicht nur aus nostalgischen Gründen. Die Scheiben verkaufen sich gut.
7045393.jpg
Produktion von Vinyl-Schallplatten im tschechischen Lodenice: Die Cinram GmbH prüft derzeit ernsthaft die Wiederaufnahme dieser Produktionsform am Standort Alsdorf.
7026317.jpg
Lenkt die europäischen Cinram-Niederlassungen von Alsdorf aus: Geschäftsführer Dieter Lubberich. Foto: Verena Müller (1), Cinram (2)

Alsdorf. Dieter Lubberich steuert beim Besuch von Märkten für Unterhaltungselektronik gerne die Abteilung für CDs, DVDs und Blu-ray (BD) an. Denn der Mann ist vom Fach. Lubberich ist Geschäftsführer von Cinram Alsdorf, das solche Datenträger millionenfach produziert.

Beim Besuch im Fachmarkt bleibt sein Blick schon mal gerne an der langsam, aber stetig wachsenden Nische für Vinyl-Platten hängen, die immer mehr Zuspruch erfahren. Und dabei geht es keineswegs nur um Neupressungen alter Aufnahmen. Aktuelle Alben werden parallel auf verschiedenen Tonträgern angeboten: „Während eine CD mit ein- und dem selben Inhalt 14,99 Euro kosten, sind es bei der Vinyl-Platte 24,99 Euro.“

Kein Wunder, dass angesichts dieser möglichen (Gewinn-)Margen der Kaufmann in ihm ins Grübeln gerät. Zumal Lubberich – wie viele jung gebliebene Musikfreunde – mit Vinyl-Platten angenehme Erinnerungen verknüpft und schon mal gerne bei einem gemütlichen Glas Wein das Auflegen und Abhören eines solchen Schätzchens abends zelebriert, auch wenn er Schränke voller CDs hat. Das Abspielen von Vinyl-Platten hat etwas ganz Eigenes – und ist schließlich auch eine Art analoge Entschleunigung der immer rasanteren digitalen Welt.

„Die neue Generation der Vinyl-Platten ist viel hochwertiger und massiger als die, die wir aus unserer Jugend kennen“, sagt der Cinram-Geschäftsführer. Solche massiveren Platten lassen sich störungsfreier abspielen und wirken natürlich hochwertiger. Hinzu kommen attraktive Cover und aufwendig gestaltete Booklets. Die Scheiben sind bisweilen entsprechend bunt gestaltet. Da steht das Auge dem Ohr beim Genuss in nichts nach.

Ältere Kollegen mit Know-how

Wären solche „Schätzchen“ auch etwas für Cinram in Alsdorf? Natürlich hat Lubberich schon darüber nachgedacht, die Produktion von Vinyl-Platten in Alsdorf wieder aufleben zu lassen. Die letzten dort gepressten Scheiben verließen im Jahre 1998 das Werk. Ein paar ältere Kollegen mit entsprechendem Know-how arbeiten noch für Cinram, aber nicht genug, um alle notwendigen Positionen zu besetzen. Zudem müsste eine entsprechende Produktionslinie neu aufgebaut werden.

Das Produktionsequipment mit entsprechenden Ergänzungsgeräten wird nicht mehr hergestellt. „Und wer heute noch über gut erhaltene und funktionstüchtige Maschinen verfügt, der hält sie angesichts des sich wieder entwickelnden Marktes schön fest“, kann Lubberich nachvollziehen. „Wir untersuchen, ob das eine sinnvolle Ergänzung für uns ist“, will er die Wiederaufnahme dieser Produktionsform nicht ausschließen.

Die aktuell hergestellte CD- und Blu-ray-Generation wird wohl bald von Weiterentwicklungen ergänzt, vielleicht auch später verdrängt, die sowohl als reine Tonträger oder als Bild-/Tonträger noch bedeutend größere Datenmengen speichern können. Dabei werden zum einen BDs nur als reine Tonträger genutzt.

Akustisch kann so eine noch höhere Bandbreite und Dynamik und dadurch ein größerer Hörgenuss geboten werden. Zum anderen wird eine neue Generation von BDs für Filmspeicherung genutzt, wodurch die Auflösung noch einmal deutlich gesteigert werden kann. Dabei handelt es sich um Ultra High Definiton (UHD) oder 4k. Dieses Kürzel bedeutet 4000. Dieser Wert bezieht sich auf die Pixelzahl eines UHD-Bildschirms, die 4096 x 2304 beträgt und damit eine sehr hohe Auflösung und ein gestochen scharfes Bild ermöglicht.

Dabei wird diese Entwicklung durch immer bessere Hardware bzw. höher auflösende Displays, sprich Bildschirme, vorangetrieben, wie Lubberich sagt. Bis zur Marktreife der neuen BD-Generation wird es noch etwas dauern, allerdings liegt hierin eine Marktchance für Hersteller physischer Datenträger wie Cinram.

Der Grund: Bei weiter enorm steigenden Datenmengen stoßen die Netzbetreiber bei Streaming bzw. Download aus dem Internet schnell an ihre Grenzen. Entsprechende Übermittlungskapazitäten zur Verfügung zu stellen, erfordert immer größere Investitionen. Da könnten „feste“ Datenträger im Preisvergleich für Kunden bzw. Konsumenten wieder eine abzuwägende Alternative werden. Vorhandene Produktionslinien für BD könnten technisch nachgerüstet werden.

So sehr sich auch Cinram für die „Produktionsseite“ ins Zeug legt und dabei neben der Akquise weiterer Kunden und dem Pflegen bewährter Partnerschaften auf neue bzw. modifizierte Produkte setzt, so sehr darf aber auch die Berufung von Dieter Lubberich zum neuen Cinram-Geschäftsführer in Alsdorf als „wegweisend“ gelten. Als zuvor stellvertretender Geschäftsführer war er vor allem für Logistik zuständig. Und Cinram hat in diesem Bereich Beeindruckendes aufgebaut.

13 Meter hohe Regale, gefüllt mit Waren, die für Bestellungen zusammengeführt, versandfertig gemacht und zeitgerecht an den Kunden ausgeliefert werden sollen, stellen dabei eine beeindruckende Dimension hinter nach außen nüchtern glatt wirkenden Hallenwänden dar.

Vor allem zum klassischen Weihnachtsgeschäft hat es hier im Hoengener „Ableger“ von Cinram Alsdorf kräftig gebrummt. Geschäftsführer Dieter Lubberich hat die bisherige Rekordzahl auch schnell abrufbar auf dem Smartphone parat: „Am 17. Dezember waren es exakt 101.376 Order-Lines (Positionen im Auftrag). Das heißt, so viele einzelne Produkte bzw. gelagerte Einzelposten wurden aus dem Lager geholt und auf den Weg zu den Kunden gebracht.“

Logistik wird immer wichtiger

Distribution (Begriff siehe Info) gewinnt für Cinram und den Erhalt von Arbeitsplätzen und des Standorts Alsdorf immer mehr an Bedeutung. Dabei spielen hochmoderne Computertechnik und Einsatz von Scannern eine genauso wichtige Rolle wie Handgriffe von Mitarbeitern, die schnell und sorgfältig vor allem kleinere und sehr heterogene Bestellungen abwickeln. So werden bedarfsgenau zusammengestellte „Pakete“ vor allem für die Saturn- und Media-Märkte sowie Amazon immer wichtiger.

„Mehr als die Hälfte unserer Produkte geht dorthin“, sagt Lubberich. „Logistik war lange Jahre Mittel zum Zweck“ – eben um eigene Produkte Kunden zuzuführen. „Das ist aber mittlerweile zu einer zukunftsweisenden Perspektive geworden“, sagt der Geschäftsführer. Zumal die Ansprüche der zu Beliefernden immer größer werden. Die Systeme von „Sender“ und „Empfänger“ müssen möglichst geschmeidig ineinandergreifen.

Nach der Devise „das System denkt, der Einzelhändler lenkt“ wollen die Regale beim Elektronik-Händler zeitgerecht und produktgenau nachgefüllt sein. „Vendor Managed Inventory“ ist ein solches System, dem Cinram passend zuliefert.

Das können nicht alle Anbieter leisten. „Logistik funktioniert nur bedingt grenzüberschreitend“, weiß Lubberich. Hier sieht er sein Unternehmen bestens aufgestellt. Vom Versandhändler „Amazon“ wurde Cinram als Dienstleister von Universal Pictures zusammen mit dem Studio unlängst mit der „Goldenen Palette“ ausgezeichnet – als Anerkennung für die passgenaue Logistik bei extrem geringer Fehlerquote. Ein schöner Prestigeerfolg, zumal die Alsdorfer ihn zum dritten Mal in Folge zusammen mit den Kunden Universal Pictures und 20th Century Fox entgegennehmen durften.

Aber auch andere Kunden wollen Ware von Cinram „mundgerecht“ serviert bekommen, so etwa „Real“, „Kaufland“ und „Rewe“. Bezogen auf CD, DVD, Blu-ray oder weitere Produkte will der dort eingesetzte Außendienstarbeiter die Ware möglichst einfach platzieren können. Und umgekehrt besteht der Anspruch, dass Cinram auch Retouren glatt abwickelt – von der Neuaufbereitung bis hin zum Recycling, beschreibt Lubberich die immer komplexer werdenden Anforderungen.

Noch ist der Umsatz aus der „Scheiben“-Produktion höher als der aus der Distribution, „aber die Verhältnisse verschieben sich“, zumal es im Prinzip dem Logistiksystem egal ist, ob es nun eigene Produkte oder etwa für Elektronikmärkte zum Beispiel Kabel, Stecker oder anderen Bedarf „verarbeitet“.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert