Cinram kämpft um jede einzelne Scheibe

Von: Karl Stüber
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Produktionskapazität für Blue-Ray wird ausgebaut: Cinram-Geschäftsführer Klaus Schramm ist besonders stolz darauf, dass dieMitarbeiter des Alsdorfer Standortes solche Maschinen binnen einer Woche für die Produtkion „einfahren“ können. Foto: Karl Stüber/imago stock&people

Alsdorf. Die Übernahme durch Investor Jahm Najafi hat bis auf weiteres für Planungssicherheit bei Cinram Alsdorf und frisches Geld gesorgt. Die international agierende Cinram-Gruppe steht nun ohne Schulden da. Geschäftsführer Klaus Schramm orientiert sich an einem Fünf-Jahresplan, um den für Najafi strategisch wichtigen Standort in Europa zu sichern und dem sich wandelnden Markt anzupassen.

Beigetragen zu dem „Befreiungsschlag“ hat das Entgegenkommen von Arbeitnehmervertreten, namentlich der IGBCE, und der (organisierten) Belegschaft in Alsdorf, die nach langem Ringen einem umfänglichen Konsolidierungspaket bzw. einem Sanierungstarifvertrag zugestimmt haben. Längere Arbeitszeiten und Verzicht auf Einkommen sind damit verbunden – und Stellenabbau.

Transfergesellschaft aktiv

So wurden nach Angaben des Unternehmens im Rahmen der Anfang des Jahres gestarteten Restrukturierungsphase 11 Mitarbeiter innerhalb des Standtortes umgesetzt, 39 haben Cinram verlassen. Vereinbarungsgemäß hat eine Transfergesellschaft im März ihre Arbeit aufgenommen. „Eine ‚Erfolgsquote’ lässt sich nach einer so kurzen Zeit nicht aussagekräftig benennen“, hieß es auf Nachfrage seitens Cinram. Indes hat der Hersteller von Blu-rays, DVDs und CDs Erfahrungen mit der Vermi ttlung von „überzähligen“ Mitarbeitern mittels Transfergesellschaft gesammelt. Bei der letzten Transfergesellschaft, die von Anfang 2011 bis Anfang 2012 eingerichtet war, war eine Vermittlungsquote von immerhin 63 Prozent zu verzeichnen. Erneut kümmert sich im Auftrag von Cirnam die 4competence GmbH um dieses Aufgabengebiet.

Auf Nachfrage unserer Zeitung konnte IGBCE-Gewerkschaftssekretär Jens Petersen auch nach Rücksprache mit dem Cinram-Betriebsrat leider „keine Angaben zur Anzahl der Personen machen“, die derzeit in der Transfergesellschaft untergebracht sind.

Ob die Option, die einen Abbau von maximal 120 Stellen bis 28. Februar 2014 vorsieht, auch wirklich im vollen Umfang genutzt wird, kann Geschäftsführer Klaus Schramm noch nicht sagen. „Wir werden mit dem Betriebsrat wieder Gespräche aufnehmen und über Personalmaßnahmen reden“, sagt Schramm. Ende des Monats soll hierzu eine erste Runde stattfinden.

Nicht alle Zahlen sind zufriedenstellend. Zum einen gelingt es zwar, aus dem kleiner werdenden Markt für CD und DVD noch ein ordentliches Stück für die Produktion in Alsdorf zu sichern. Aber der Preisverfall für die Produkte schreitet schnell voran, die Ertragsseite steht dadurch deutlich unter Druck. Das kann wohl auch nicht der wachsende Bedarf an Blue-ray ausgleichen, wie Schramm durchblicken lässt.

Den Kundestamm erweitern

Cinram kämpft um jede einzelne Scheibe. Dabei stimmen Abschlüsse bzw. Vertragsverlängerungen in diesem Jahr durchaus hoffnungsfroh. So wurde zum Beispiel der Vertrag mit Universal Pictures in Sachen Replikation (Vervielfältigung = Produktion) von „Silberlingen“ verlängert. Mit rund 70 Millionen Stück im Jahr ein „Hauptanker“, wie Schramm sagt. Nun schon im vierten Jahr wird für das Independent Label Embassy of Music gearbeitet. CDs und DVDs des Berliner Dancelabels werden weiterhin in Alsdorf gefertigt, verpackt und vertrieben. Im Frühjahr wurde die komplette Distribution (Vertrieb) für die Delta Music & Entertainment von den Alsdorfern übernommen. „Wir haben im Bereich des Kundenstamms relativ viele Erweiterungen“, sagt Schramm. Für Sony Italien wird im Oktober die Distribution übernommen, seit 1. August ist dies bereits für die Parlophone Label Group so vereinbart. Zum Programm von Parlophone gehört auch die erfolgreiche Formation „Coldplay“.

„Die Vertragsverlängerung für Warner Music steht an“, sagt Schramm. Er spricht von weiteren aussichtsreichen Verhandlungen mit weiteren potenziellen Partnern, will aber mögliche Abschlüsse durch zu große Transparenz nicht gefährden.

Und es wird kräftig investiert am Standort Alsdorf. So wurde bereits Anfang des Jahres die Zahl der Produktionslinien für Blu-Rays von fünf auf sieben gesteigert. Nun steht Nummer acht an.

Neue Druckmaschine bestellt

Die 136 Mitarbeiter zählende Druckerei, die begleitend zur Produktion der Tonträger alle gängigen Drucksachen und die kartonbezogenen Verpackungskomponenten fertigt, erhält im Herbst eine neue Druckmaschine.

Jetzt wird die Produktion wie jedes Jahr hochgefahren – mit Blick auf die Weihnachtszeit. Zur Zeit zählt Cinram am Standort Alsdorf rund 900 Festangestellte, knapp 200 befristet Beschäftigte und 44 Zeitarbeiter. Da werden noch einige hinzukommen, bis zu 300 befristete bzw. via Zeitarbeit Beschäftigte.

Welche Chancen birgt das Firmengeflecht des Investors Najafi für den Datenträger-Produzenten und Logistik-Dienstleister Cinram in Alsdorf? „Der Investor orientiert sich in die Richtung Medien“, sagt Geschäftsführer Schramm (siehe nebenstehendes Info). Auf kurzfristige Synergien, von denen Cinram profitieren könnte, setzt Schramm indes nicht. „Da geht es um langfristige Entwicklungen.“ Und wie eilig hat es Najafi, Gewinn aus Cinram zu ziehen? Schramm spricht von einer „Frage des Gesamtgefüges“ und meint den Konzern. „Wir müssen am Standort Alsdorf profitabel agieren.“ Heißt wohl übersetzt: Wenn die Alsdorfer ihre zugedachte Rolle als zentraler Standort in Alsdorf erfüllen, könnten sie länger Bestand haben als andere Werke.

Neben der Produktion von CDs, DVDs und Blu-rays gewinnt der Dienstleistungsaspekt immer größere Rolle. Nahe der Autobahn und dem Dreiländereck gelegen, ist Cinram hier mitsamt seiner erfahrenen Logistik und seinen erfahrenen Mitarbeitern interessant. Die Werke V und VI in Hoengen – hier geht es um Lagerflächen von rund 70 000 Quadratmetern – stehen teilweise leer. Derzeit hat man untervermietet, aber nicht langfristig, um sich nicht eigene Entwicklungsmöglichkeiten der Lagerhaltung, Konfektionierung und des Vertriebs zu verstellen, wenn Aufträge auch Branchenfremder hereingeholt werden sollten. Schon jetzt werden im Durchschnitt täglich über 3200 Lieferungen an die Handelspartner von Cinram in elf Länder versendet. Diese enthalten im Schnitt mehr als 26 000 Auftragspositionen und über 300 000 Fertigprodukte. Die Lagerkapazität umfasst derzeit rund 35 000 Quadratmeter, mehr als 25 000 Palettenplätze. Das ist nur mit modernster Lagertechnik sowie IT-Systemen zeitgerecht zu schaffen – und fleißigen Mitarbeitern. Wichtig ist Geschäftsführer Schramm die „Botschaft“ an die Beschäftigten, dass „wir uns in einem Veränderungsprozess befinden – Richtung Distribution“. Die Geschäftsführung bemühe sich, die Produktion möglichst auf dem derzeitigen Volumen zu halten. „Wir werden aber schrittweise weitere Rückgänge hinnehmen müssen“. Die Chance auch zur Weiterbeschäftigung werde die Dienstleistung und der Vertrieb für Dritte sein.

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