Brandbrief: Helfer formulieren Bedenken und Anregungen

Von: Beatrix Oprée
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Gute Willkommenskultur erhalten: Das wollen auch alle Beteiligten in Herzogenrath. Foto: Stock/Ralph Peters

Herzogenrath. Von Anfang an hat Wera Hermanns sich eingebracht. Von dem Moment an, als sie den ersten Bus mit Flüchtlingen in Merkstein ankommen sah. „Der Fahrer kannte sich nicht aus und fragte mich nach dem Weg“, erinnert sich die 39-Jährige. „Dann sah ich die Menschen im Bus. Diese Situation ist mir einfach zu Herzen gegangen.“

Ehrenamtlich mitzuhelfen war für sie keine Frage mehr. Rund um die Uhr ist sie seither mit der neuen Aufgabe beschäftigt, beratend vor Ort in der Turnhalle, koordinierend zu Hause am Telefon, beim Einsammeln und Ausgeben von Spendengütern, begleitend und dolmetschend auf Wegen zu Ärzten oder in eine der Kleiderkammern.

Jetzt aber hat sich Ernüchterung breit gemacht – nicht etwa, weil sie die viele Arbeit neben Beruf und Familie nicht mehr stemmen möchte. Und auch nicht, weil sie die ständigen Abschiede von Menschen, die nach wenigen Wochen in der Notunterkunft wieder weitergeschickt werden, nicht mehr verkraften könnte – „damit kann man umgehen. Wir wussten ja, dass die Menschen nicht bleiben.“

Vielmehr fühlt sie sich immer öfters zurückgewiesen – durch bürokratische Hürden, die ihrer Auffassung nach gar nicht sein müssten, gar nicht sein dürften. Wie sie empfinden auch andere Mitglieder des etwa zehn Personen starken Organisations-Teams für die insgesamt rund 50 Ehrenamtler an der Notunterkunft in Merkstein. Bettina Lauber und Gisela Dietrich etwa. „Unzählige Dinge müssen geregelt werden, um die Menschen dort zu unterstützen. Genau das will ich tun, gerne und mit vollem Einsatz“, sagt Lauber. Mehr und mehr aber fühle sie sich an den Rand gedrängt.

Einerseits, so sehen es auch weitere Mitstreiter, die in der Öffentlichkeit jedoch nicht genannt werden wollen, werde ein Großteil der organisatorischen Last auf ihren Schultern abgeladen. Andererseits aber würden die Freiwilligen mit ihren Ideen und Anliegen allzu oft in Schranken verwiesen – mit Verweis darauf, just dafür ja gar nicht zuständig zu sein. Aufgaben übertragen, Kompetenzen jedoch abgesprochen zu bekommen – so etwas mache auf Dauer mürbe: „Auf kurz oder lang werden die Leute abspringen“, befürchten die Mitglieder des Orga-Teams.

Einen Brandbrief hatte die Gruppe um Hermanns, Lauber und Dietrich deswegen ins Rathaus geschickt, versehen mit sieben Unterschriften. Unsere Zeitung, die sich der Sache unverzüglich annehmen wollte, baten sie um eine aufschiebende Frist: Um der Verwaltungsspitze eine Chance zu geben, auf das Anliegen zu reagieren. Gut zwei Wochen ist das her. Doch nur aus der Politik habe es letztlich direkte Reaktionen gegeben, dass man das Ganze prüfen wolle. Seitens der Verwaltung habe es noch nicht einmal eine Eingangsbestätigung gegeben.

„Uns geht es nicht darum, Unruhe zu stiften“, betonen die Ehrenamtler schließlich im Gespräch mit unserer Zeitung. „Im Gegenteil! Wir wollen, dass unsere gute Willkommenskultur unbedingt erhalten bleibt, dass es weiter so gut läuft wie bisher!“ Um des sozialen Friedens willen. Denn mit ihrem Einsatz und dem immer wieder neu organisierten Sport- und Freizeitangebot für die Bewohner nehmen sie einen Großteil der Spannungen aus dem Leben im Camp an der Waidmühl.

Vielmehr wollen sie ihr Schreiben als sehr ernsten Hinweis verstehen: Denn seit einigen Wochen, so schreiben sie in ihrem Brief an Bürgermeister Christoph von den Driesch, lasse sich eine „Besorgnis erregende Entwicklung“ beobachten, „nämlich dass viele der Ehrenamtler über ihre Kräfte hinaus arbeiten“. Und nach wie vor gebe es „strukturelle Defizite“, die die Stadt noch nicht gelöst habe.

Ausdrücklich sei diese Kritik nicht auf die hauptamtlich bestellte Koordinatorin für den Betrieb der Notunterkunft an der Waidmühl bezogen, im Gegenteil: Kerstin Harings, „die zusätzlich zu ihrem bisherigen Job bei der Stadt von einem Tag auf den anderen die Arbeit rund um eine neu zu schaffende Notunterkunft für Flüchtlinge leiten musste und dabei erkennbar über ihre Grenzen hinaus viel geleistet hat“, sagen die Ehrenamtlichen großen Dank. Sie würdigen darüber hinaus: „Die Bürger in Herzogenrath haben großartigen Einsatz und Initiative bewiesen.“ Herzogenrath könne stolz auf seine Bürger sein.

Damit dies aber so bleibe, müsse nun dringend nachgesteuert werden, appellieren die freiwilligen Helfer: „Konkret fehlen fachkompetente Stützen und Fundamente seitens der Stadt. Dabei geht es nicht darum, die 200 wöchentlichen Stunden beziehungsweise die 50 Ehrenamtlichen zu ersetzen, sondern diese Kraft aufrecht zu erhalten.“

Aus Sicht der Ehrenamtler im Orga-Team fehlen „mindestens drei Vollzeitkräfte, wenn nicht mehr“, um unter anderem eine dauerhafte Ansprechbarkeit der Stadt zu gewährleisten, etwa durch ein Notfalltelefon. So seien in der Vergangenheit beispielsweise Flüchtlingsbusse angekommen, ohne dass jemand von der Stadt erreichbar gewesen sei. Ehrenamtliche seien eingesprungen, um das Nötigste für die Neuankömmlinge zu koordinieren, unter anderem warme Kleidung.

Die Mitglieder des Orga-Teams wünschen sich überdies eine Kraft, die sich vornehmlich um die Koordination zwischen DRK als Unterkunftsbetreiber, Ehrenamtlichen und Stadt kümmert. Alleine mit einer erhöhten Zahl an zeitintensiven Meetings, wie sie seit jüngstem – offenbar als Reaktion auf die bisher mündlich geäußerten Bedenken – stattfänden, könne dies nicht ausgeglichen werden.

Vermisst wird überdies eine qualifizierte Kraft zur Betreuung der Ehrenamtlichen selbst. Eine Sammlung von Adresslisten einsatzwilliger Helfer reiche da nicht.

Ehrenamtler, so betonen die Autoren des Brandbriefs, seien keine Angestellten auf Abruf, sondern „fallen auch gelegentlich aus, müssen sich um berufliche oder familiäre Dinge kümmern, Ersatz muss organisiert werden. Sie wollen informiert und eingebunden bleiben, Probleme müssen gehört und gelöst werden – ganz zu schweigen von der nötigen ‚seelsorgerischen‘ Betreuung, da häufig bedrückende Themen und Schicksale zu verarbeiten sind“. Eine qualifizierte Betreuung der Ehrenamtlichen würde helfen, „deren großartige Arbeit aufrecht zu erhalten oder sogar auszubauen“.

Die Ehrenamtler des Orga-Teams schließen mit der Hoffnung, dass ihr Appell „den Ernst der Lage deutlich macht und die Verantwortlichen der Stadt Herzogenrath ihre Verantwortung wahrnehmen, bevor es zu spät ist“.

Gerade mit Blick auf die Finanzlage der Stadt, die sich in der vorläufigen Haushaltsführung befindet, betonen sie: „Ohne ein Gegensteuern droht der Stadt eine unkontrollierte Kostenexplosion mit zusätzlichen Konsequenzen.“ Noch könne mit wenigen hauptamtlichen Kräften gegengesteuert werden, „bevor die freiwillige Arbeit weg bricht“.

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