Bis wo reicht das Zentrum Kohlscheids?

Von: Beatrix Oprée
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Die alte Immobilie wird zur Zeit als Lager für die Flüchtlingshilfe genutzt: Der ehemalige Supermarkt-Standort am Langenberg ist planerisch „ins Zentrum“ gerückt. Foto: Beatrix Oprée

Herzogenrath. „In Kohlscheid kocht die Volksseele“, das hatte Siggi Müllenmeister, stellvertretender Vorsitzender des Stadtmarketingvereins und Vorstandsmitglied des Werberings Kohlscheid schon dem Wirtschaftsausschuss dringend ans Herz gelegt.

 Der wegen des großen Bürgerinteresses seinerzeit in den öffentlichen Teil verlegte Tagesordnungspunkt „Standortpositionierung für Einzelhandelsansiedlungen im Stadtteil Kohlscheid“ war der Anlass dafür. Ein Beschluss stand damals nicht an, nur die Kenntnisnahme, dass es einen ernsthaften Investor für den ehemaligen Supermarktstandort am Langenberg gebe und seitens der Verwaltung im September ein entsprechendes Konzept zu erwarten sei. Müllenmeisters emotionales Statement war indes an ein klares Votum gekoppelt: Ein Nahversorger gehört ins Zentrum und nicht an den Langenberg, „ans Ende der avisierten Osttangente. Denn, wer zum Einkaufen bis dahin fährt, der taucht dort ein und kehrt nicht ins Zentrum zurück“, erläutert er auch im Gespräch mit unserer Zeitung.

Dass nach vielversprechenden Planvorschlägen und unter anderem zwei Bürger-Workshops zur Umgestaltung des Kohlscheider Zentrums nach Jahren immer noch nichts Sichtbares geschehen sei, hat den ein oder anderen engagierten Gewerbetreibenden im Stadtteil bereits mächtig in Rage gebracht.

In einem ganz anderen Tonfall meldet sich nun der Kohlscheider Architekt Michael Heins zu Wort, in einem sechs Seiten umfassenden offenen Brief. Adressat ist Bürgermeister Christoph von den Driesch, unter dem Betreff „Kohlscheid 2020“ stehen auch die Lokalpolitiker sowie „Freunde und Bekannte“ im Verteiler. „Aus Sicht des gebürtigen Kohlscheiders, der sein Leben lang beruflich und privat seiner Heimat verbunden geblieben ist“ sowie des „Stadtplaners und Architekten, dessen Ziel es immer ist, einen qualitätsvollen Lebensraum zu schaffen, der auch potenzielle Neubürger und Firmen anzieht“ legt er seine Gedanken dar. Unter anderem konstatiert er: „Dort, wo der tägliche Lebensmitteleinkauf stattfindet, ist traditionell auch der Ort der Begegnung. Und wo die Grundversorgung angesiedelt ist, hat sich daher auch seit je her das Ortszentrum mit vielen zusätzlichen Gewerbetreibenden und Dienstleistern entwickelt.“ Er formuliert zwei entscheidende Fragen: 1. Wo baut man den gewünschten Lebensmittel-Nahversorger hin? 2. Sind in Kohlscheid-Mitte weitere neue Einzelhandelsfachgeschäfte nötig?

Heins ist unter anderem Besitzer der ehemaligen Koop-Immobilie im Herzen Kohlscheids und möchte sich im Sinne einer zukunftsfähigen Entwicklung für seinen Heimatort engagieren, „pragmatisch und konstruktiv“, wie er im Gespräch mit unserer Zeitung darlegt.

Ein Deal, im ehemaligen Koop einen Rewe-Markt zu etablieren, ist allerdings geplatzt. „Schon zu Jahresende“, erläutert Bürgermeister Christoph von den Driesch.

Ein Grund war offenbar, dass die Politik einvernehmlich nicht bereit ist, die Weststraße, von der aus die Erschließung des gewünschten Nahversorgers erfolgen soll, im Zweirichtungsverkehr auszuweisen, wie Dr. Bernd Fasel, Fraktionschef der Grünen, erläutert: „Diese Stelle ist für gegenläufigen Verkehr einfach zu eng.“ Zudem würde eine entsprechende Fahrbahnverbreiterung auf Kosten der Parkplätze an der Weststraße gehen, was sich negativ auf den dort verbliebenen Einzelhandel auswirke. So ist die Verwaltung dazu übergegangen, auch aufgrund einer Investorenanfrage einen „Plan B“ zu entwickeln, in dem der Standort Langenberg eine maßgebliche Rolle spielt. Christoph von den Driesch: „Dass ein Rewe im ehemaligen Koop-Gebäude untergebracht werden soll, ist natürlich sinnvoll, das bestreitet niemand. Wir müssen aber das Ganze betrachten.“ Und da sieht der Bürgermeister „durchaus die Möglichkeit zu einem vernünftigen Kompromiss, der gleich mehrere Standorte betrifft“. Öffentlich sei zwar noch nichts spruchreif, außer, dass es sich um einen Immobilienfonds handele, der sich mit Gewerbeobjekten beschäftige und sich sowohl am Langenberg als auch an der Südstraße (auf für den Bau der Osttangente nicht mehr benötigten angekauften Vorratsflächen) sowie am Markt engagieren könnte, „wenn denn alle mitziehen“. Wo letztlich der Vollsortimenter hinkomme, sei dabei durchaus verhandelbar. Einen Letter of Intent respektive sogar einen Kaufvertrag erwartet der Bürgermeister für den Herbst, analog zu den Aussagen im Wirtschaftsausschuss: „Wir sind da im Zeitplan.“

Heins indes schreibt: „Nachvollziehbare Argumente für den Standort Langenberg-Osttangente würden helfen, meine Bedenken zu zerstreuen.“ Er befürchtet, dass ein Konzept, wie es der Technische Beigeordnete Ragnar Migenda dem Werbering vorgetragen habe – „circa 7000 Quadratmeter neue Geschäfte entlang der Osttangente anzusiedeln (Bereich Langenberg Lebensmittel/Bereich Südstraße Drogeriemarkt), um dann den potenziellen Kunden durch die zusätzliche Neuansiedlung zahlreicher Gastronomiebetriebe am Markt die Südstraße hochzuleiten“ – nicht funktioniert: „Heute schon, bei einem noch vorhandenen Restleben in Kohlscheid, herrscht unter den Gastronomiebetreibern eine hohe Fluktuation.

Man kann kaum vernünftig von Gastronomie leben, doch der Reiz des schönen Zentrums will die Betreiber nicht so schnell aufgeben lassen. Und viele warten hoffnungsvoll auf die seit Jahren versprochene Neuaktivierung des Zentrums.“ Schon als es noch Kaiser‘s am Langenberg gegeben habe, seien die Impulse für das Zentrum – wie sie auch das Einzelhandelsgutachten der Firma BBE aus 2007, überarbeitet 2012, erwartet habe – ausgeblieben, weil der Langenberg, so Heins, „außerhalb des tatsächlichen Zentrums liegt und die Kunden den weiten Weg und auch den topographischen Höhenunterschied nicht akzeptieren“.

Für den Bereich Langenberg schwebt Stadtplaner Heins vielmehr Wohnbebauung vor: „Gerade heute werden Flächen für den Wohnungsbau händeringend gesucht, und es gibt in Kohlscheid keine besser gelegenen Grundstücke als die am Zentrumsrand auf dem Langenberg.“ Der „eng besiedelte historische Markt, wo auch viele ältere Menschen leben“, brauche indes einen Nahversorger, „fußläufig, aber auch mit dem Fahrrad und Auto erreichbar“. Das erfordere jedoch, dass die Voraussetzungen für Wettbewerb im Ortskern stimmen. Will unter anderem heißen: die Zu- und Abflüsse zu einem Supermarkt müssen reibungslos sein. Das Einbahnstraßensystem der Weststraße ist da ein Hemmnis.

Bezüglich der von der Politik ins Feld geführten Stellplätze, verweist Heins auf „heute zur Verfügung stehende Grundstücke“, auf denen sogar „überproportional viele neue Parkplätze“ angelegt werden könnten. Heins: „Ich sage, ein Nahversorger im Zentrum ist möglich. Wir haben es dargestellt. Man muss es natürlich auch angehen wollen, indem man eine konkurrenzfähige Situation schafft.“ Abschließend appelliert er an den Bürgermeister, zusammen mit Bürgern, Gewerbetreibenden, Stadtmarketing und Politik den „wenn auch vermeintlich anstrengenderen Weg zu gehen, das Zentrum wiederzubeleben“.

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