Bienensterben: Nur Schuld der Pestizide?

Von: Nadine Tocay
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In einem Kleingarten der Siedlergemeinschaft Alsdorf-Ost pflegt Toni Ratte gemeinsam mit anderen Imkern zwölf Bienenvölker. Er weiß: Milben können Völkern ebenso schaden wie Pestizide. Foto: Nadine Tocay

Alsdorf/Herzogenrath. Toni Ratte steht in Jeans und Hemd in einem Kleingarten der Siedlergemeinschaft Alsdorf-Ost vor einem bunten Stapel Holzkisten. Er lächelt. Er nimmt einen der Deckel ab, greift mit zwei Händen hinein, ruckelt sanft an ihm und zieht vorsichtig eine Art Holzblock heraus – es ist eine Wabe.

Hunderte Bienen hängen an ihr, lösen sich teils und schwirren umher. „Sie merken, dass heute ein Gewitter in der Luft liegt, deshalb sind sie etwas unruhig“, sagt Ratte. Eigentlich seien sie aber sehr friedlich, deshalb sei noch nicht einmal ein Schutzanzug nötig. Ratte ist Imker und der Vorsitzende des Bienenzuchtvereins Bardenberg-Alsdorf. Gemeinsam mit anderen Mitgliedern unterhält er mehrere Bienenvölker. Ein paar Bienenstöcke weiter steht Imker Herbert Gerhards und bläst entspannt Rauch durch eine Pfeife.

„Der Rauch beruhigt die Bienen. Sie saugen sich dann mit Honig voll und sind friedlicher“, erklärt Ratte und blickt auf die Wabe, auf der reges Gewimmel herrscht. Hunderte Drohen und Arbeiterinnen laufen über die einzelnen Wachszellen; mitten unter ihnen: die Königin, die „Mutter des Volkes“ wie Ratte sie nennt. Einmal pro Woche überprüft er die sogenannten Magazine, schaut sich alle Waben genau an und sieht nach, ob die Königin noch Eier legt.

Um sie schnell wiederzufinden, haben die Imker ihr einen bunten Punkt auf den Rücken geklebt. Bereits seit fast 50 Jahren betreibt Ratte die Imkerei als Hobby. Angefangen hatte er als Student. Freunde von ihm hätten damals Bienen gezüchtet, und sein Schwiegervater habe ihm dann gezeigt, wie es funktioniert. Nach seinem Studium lehrte und forschte er an der RWTH Aachen im Bereich der Ökologie und Ökotoxikologie. Vor fünf Jahren ging er in Rente und widmet dem Imkern seitdem noch mehr Zeit. Mittlerweile züchtet er sogar in seinem eigenen Garten Bienen, genauer gesagt die Königinnen. Dabei orientiert er sich an der Methode der „Varroa-Toleranz-Zucht“.

„Es gibt verschiedene Kriterien, nach denen selektiert wird“, sagt er. Ein Kriterium sei die Bruthygiene. Das bedeutet, wenn Bienenmaden durch die schädlichen Varroa-Milben, die aus Asien eingeschleppt wurden, infiziert sind, erkennen die Bienen das und räumen die Zellen mit den Maden aus. So wird die Population der Milben eingedämmt. Man versucht also, all jene Völker weiterzuentwickeln, die eine besondere Resistenz gegenüber Schädlingen aufweisen. Denn der Milbenbefall führt nicht selten zu dem heiß diskutierten Bienensterben.

„Man gibt immer schnell der Landwirtschaft und Industrie die Schuld dafür“, sagt Ratte. Die Landwirtschaft habe zwar den Biotopverlust zu verantworten, mit den Pestiziden kämen die Bienen – wenn die Bauern sich an die Gesetze hielten – aber in der Regel nicht in Kontakt. Öko-Aktivisten und Umweltschützer sehen das anders, so auch die Fraktionen UBL, Bündnis 90/Die Grünen und die Piratenpartei der Stadt Herzogenrath. Sie sehen die Unkrautvernichtungsmittel als wesentliche Ursache für das Sterben an.

Um die Population zu stärken, forderten sie die Stadt Herzogenrath kürzlich dazu auf, zu überprüfen, ob auf den Dächern öffentlicher Gebäude Bienenvölker angesiedelt werden können. Dass die Bienen wegen des Milbenbefalls den Winter nicht überständen und dadurch die Anzahl zurückgehe, sei das viel größere Problem, meint hingegen Ratte. „Zur Bekämpfung gibt es synthetische Mittel, aber die lösen sich im Wachs und gelangen so in den Honig“, erklärt er. Das sei also keine Lösung.

Die Alternative sind Säuren wie die Ameisensäure, die verdampft oder auf die Tiere geträufelt werden. Die Dosierung sei allerdings sehr schwierig und von Witterungsverhältnissen abhängig. „Einige Imker machen das dann nicht so wie es sein muss, und haben dann halt einen größeren Verlust als andere“, meint er. Auch Wetterumschwünge könnten zum Sterben führen, wenn die Tiere nach einer längeren Wärmeperiode mit einer Kältephase konfrontiert seien und dann womöglich verhungerten – häufig ein Fehler der Züchter: „Das passiert, wenn die Imker nach der Honigernte nicht genug Zuckerwasser für den Winter einfüttern.“

Insgesamt leben bis zu 45.000 Bienen in einem Volk, 3000 bis 4000 von ihnen sind Drohnen, die männlichen Bienen. Jeden Tag würden die Drohnen und die Königinnen der Völker sich in rund 25 Meter Höhe treffen, um sich dort zu paaren, erläutert der studierte Biologe. Die Männchen sterben bei dem Akt. Anschließend legen die Königinnen ihre Eier in die Zellen der Wabe. Während des Ausflugs ihrer Artgenossen machen die Arbeiterinnen sich auf die Suche nach Nektar und tragen ihn in ihren Stock.

Dort wird er von Biene zu Biene gereicht, dabei eingedickt und mit Drüsenstoffen angereichert, während er an die Oberfläche transportiert wird. Nach dem Einlagern in eine Zelle verdunstet das Wasser. Bei einem Wassergehalt von 15 bis 20 Prozent verschließen die Arbeiterinnen den Honig dann mit einem Wachsdeckel. Dieser wird bei der Ernte entfernt.

„Bei uns wird der Honig zum ersten Mal um Pfingsten geerntet, das ist dann die sogenannte Frühtracht“, sagt Ratte. Welche Art von Honig geerntet werden kann, hängt vom Standort der Bienen und den Blüten der Gegend ab – er sei also ein „Fingerabdruck der Landschaft“. In der Nähe des Kleingartens gibt es viele Lindenbäume, vermutlich sei es also Lindenhonig, untersuchen lassen habe man ihn aber noch nicht. Rund 40 Kilo werden aus den zwölf Stöcken in Ost geerntet.

Grundsätzlich könne auf dem Dorf und in Städten ganz gut gezüchtet und geerntet werden, sagt er, während er sich die Wabe in seiner Hand noch einmal näher ansieht, sie wieder ins Magazin einsetzt und ein paar Schritte zu einer Transportbox geht, die seine Imkerkollegen vorher mit Waben gefüllt haben. „Die nehme ich jetzt mit nach Hause. Damit werden neue Königinnen gezüchtet“, sagt er und macht sich langsam auf den Weg Richtung Auto.

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