Bewohner des St. Josefshauses regelmäßig im Berufskolleg zu Gast

Von: Verena Müller
Letzte Aktualisierung:
10999456.jpg
Nach dem Kochen und Mittagessen stehen Bewegung und Ratespiele auf dem Programm. Foto: Verena Müller
10999442.jpg
Jeden Donnerstag sind Bewohner des Buscher St. Josefhauses zu Gast im Berufskolleg der Städteregion in Kellersberg. Foto: Verena Müller
10999445.jpg
Die Schülerinnen des Zweigs Gesundheit und Soziales erhalten so tiefe Einblicke in den Pflegeberuf. Foto: Verena Müller

Alsdorf. Gustine Beblond gehört noch nicht lange zu der Gruppe Senioren, die sich regelmäßig auf den Weg nach Kellersberg macht. Aber schon nach ein paar Mal hat sie zu ihren Kindern gesagt: „Donnerstags braucht mich keiner zu besuchen.“

Denn jeden Donnerstagmorgen werden ein paar Bewohner des Buscher St. Josefhauses zum Berufskolleg gefahren, zu den Schülern des Ausbildungszweigs Gesundheit und Soziales.

Seit bereits mehr als vier Jahren besteht das Projekt, das Sabine Heister initiiert hat. Das St. Josefhaus war damals die einzige Einrichtung, die auf Heisters Anfrage positiv reagiert hat.

Für Gustine Beblond ist der Donnerstag immer eine angenehme Abwechslung, auch wenn sie sich im Heim wohlfühlt. Schließlich kennt sie dort so ziemlich jeden. Viele Bewohner stammen wie sie aus Busch. „Morgen Gretchen, Morgen Tini“ – so gehe es jeden Tag, erzählt die 90-Jährige.

Aber es falle ihr ein bisschen schwer, zum „alten Eisen“ zu gehören, räumt sie ein. Und hier am Berufskolleg kann sie manch einen eines Besseren belehren: „Beim Kochen macht mir keiner wat vor“, sagt sie zum Beispiel und ihre Augen blitzen hinter den Brillengläsern auf, während sie lacht.

Das gemeinsame Kochen gehört zum Standardprogramm. Gegen neun, zehn reisen die Senioren an, meist ist es ein harter Kern zwischen sechs und acht Bewohnern. Dann wird unter der Leitung von Michael Perlhefter in der Küche geschnippelt und gekocht.

Jeden Morgen fährt der gelernte Ökotrophologe und Systemgastronom vor Schulbeginn einkaufen, nichts kommt aus der Tüte. Und die Rezepte stellen Schüler und Bewohner selbst zusammen.

Auf das Mittagessen folgt die sogenannte Bewohneraktivierung. Das kann Spiel, Singen, Bewegung oder Gedächtnistraining sein. Mal wird der Flur in eine Kegelbahn verwandelt, mal bringen Schüler ihre Haustiere mit.

Für heute zum Beispiel haben die Schülerinnen (in dieser Klasse sind tatsächlich nur Mädchen) im Theorie-Unterricht Stadt-Land-Fluss, ein Herbstlied, ein Spiel mit einem Schwungtuch und einem Ball sowie Knetmasse vorbereitet.

Ob damit in der Praxis auf die Bedürfnisse der Senioren ausreichend eingegangen wird, ob die Angebote auf ihre Fähigkeiten zugeschnitten sind, aber auch der allgemeine Umfang mit den Bewohnern wird benotet. Daneben verbringen die Schülerinnen einen Praktikumstag pro Woche in Pflegeeinrichtungen.

„Die Schüler erhalten so tiefe Einblicke in den Beruf. Sie erfahren, ob ihre Erwartung mit dem Berufsbild übereinstimmt, was gefordert wird und auch, warum bestimmtes theoretisches Wissen für die Praxis wichtig ist“, sagt Schulleiter Thomas Becker. Der Umgang mit Krankheit und Tod gehöre ebenso dazu wie mit negativen Rückmeldungen vonseiten der Senioren. „Es kann auch mal gepampt werden“, sagt Becker.

Und der Ansatz gibt ihm Recht: Wer nach den zwei Jahren am Berufskolleg in die Altenpflege will, erhält auch eine Stelle. Zu 100 Prozent.

Für Celina Arend aus Herzogenrath steht zum Beispiel schon fest, dass sie diesen Weg einschlagen will. „Zuerst habe ich geschwankt, ob ich im Kindergarten oder in der Altenpflege arbeiten will“, erzählt die 17-Jährige.

Aber nach einem Praktikum in einer Kita schied diese Option für sie aus. Ihr mache die Herausforderung Spaß, sich immer wieder neu auf alte Menschen einzustellen. Etwa, wenn sie dement sind und sich nur noch bedingt verbal verständigen können. „Das ist spannend“, sagt Celina Arend.

Heute, in der Verständigung mit Gustine Beblond, hat sie es nicht allzu schwer, denn die 90-Jährige ist noch ziemlich fit. Üblicherweise werden zwischen Schülern und Senioren feste „Paare“ gebildet. Die 1:1-Betreuung umfasst nicht nur das Anreichen von Essen, sondern beispielsweise auch die Unterstützung im geselligen Teil oder das Begleiten zur Toilette. Zugewandtheit, Empathie und Geduld sind da gefordert.

Elke Zillekens vom Sozialdienst des St. Josefhauses hat aber immer ein wachsames Auge auf die Gruppe und greift beispielsweise ein, wenn eine demente Bewohnerin plötzlichen Bewegungsdrang verspürt. Wie Renate Pleines gerade.

Ihr fällt es oft schwer, die richtigen Worte für das zu finden, was sie ausdrücken will. Schülerin Angelina Bremen (17) versucht es deshalb mit Durchfragen und wartet, bis ein „Ja“ kommt. „Ist Ihnen kalt, Frau Pleines?“ „Ja.“ Das klappt. Angelina schließt ein Fenster. Frau Pleines lächelt.

Edmund Kroll, vorne am Tisch im Rollstuhl, schmeckt derweil der Nachtisch nicht, aber beim nächsten oder übernächsten Mal gibt es vielleicht wieder Obstkuchen, das stimmt ihn versöhnlich.

„Wo sind denn auf einmal alle hin?“, fällt Gustine Beblond plötzlich ein. „Zwei sind gerade im Haus unterwegs“, antwortet Celina ruhig und zugewandt. „Mehr waren wir heute nicht.“

Der Tisch ist inzwischen abgeräumt, „Stadt-Land-Fluss“ steht schon an der Tafel. „B“ ist gefragt. „Berlin!“ ruft Maria Schmitz. „Als Stadt?“, fragt Julia Walter (17) aus Eschweiler mit der Kreide in der Hand. „Nein, als Land!“, sagt Maria Schmitz. Julia setzt die Kreide an. Fast wäre sie drauf reingefallen. Maria Schmitz lacht. „Ich wollte Sie ein bisschen durcheinanderbringen“, sagt sie.

So haben alle ihren Spaß, bis irgendwann der Bus wieder zurück nach Busch rollt.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert