Bestattungen: Der Tod macht die Behörde erfinderisch

Von: Verena Müller
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Wo Menschen wenig Spuren von ihrer verloschenen Existenz hinterlassen: Das anonyme Grabfeld auf dem Friedhof in Baesweiler. Hier werden auch Menschen bestattet, die keine Angehörigen haben, die sich um die Beerdigung kümmern können. Foto: Verena Müller

Nordkreis. Wenn Stefanie Frohn an der Tür klingelt und ihre Botschaft überbringt, sind die Reaktionen sehr unterschiedlich. Manchen verschlägt es die Sprache, sie brechen in Tränen aus und wünschen sich, sie wären über ihren Schatten gesprungen, hätten doch noch mal den Kontakt gesucht.

Andere lassen die Worte der Sachbearbeiterin des Alsdorfer Ordnungsamtes völlig kalt, wollen weder etwas von dem Geschehenen, geschweige denn von den Folgen wissen.

Es geht um Menschen, die tot aufgefunden wurden – in den meisten Fällen in den eigenen vier Wänden – und bei denen zunächst unklar ist, ob es Angehörige gibt, die sich um die Bestattung kümmern. In der Fachsprache der Behörde ist von „herrenlosen Leichen“ die Rede, von „Gefahrenabwehr“ und „Ersatzvornehmung“. In dem Kontrast zwischen diesen verwaltungstechnischen Begriffen und Worten wie „Familie“ und „Geborgenheit“ ist die Vereinsamung spürbar, die viele der Toten vor ihrem Tod erlebt haben.

Auch diese Menschen, die am Ende ihres Lebens niemanden mehr hatten, sollen ein würdiges Begräbnis erhalten. Dafür ist das Ordnungsamt zuständig. Es versucht Angehörige zu finden und übernimmt bei erfolgloser Suche Organisation und Kosten einer Beerdigung. In Alsdorf sind es im Schnitt zehn solcher Fälle im Jahr – „in diesem Jahr hatten wir allerdings schon drei“, sagt Frohn –, in Herzogenrath sind es durchschnittlich zwölf, in Baesweiler drei bis vier und in Würselen 28 pro Jahr. Die deutlich höhere Anzahl in Würselen hat mit dem Standortfaktor Krankenhaus zu tun. Auch für Menschen, die im Medizinischen Zentrum sterben und aus anderen Kommunen stammen, ist Würselen zuständig. „Unser Standesamt leistet da als Ordnungsbehörde wirklich Detektivarbeit“, sagt Stadtsprecher Bernd Schaffrath. Und das unter Zeitdruck. Schließlich kann man nicht endlos mit der Beerdigung warten, bis jemand gefunden ist. Erdbestattungen oder Einäscherungen müssen laut Gesetz innerhalb von zehn Tagen durchgeführt werden. Das gebietet alleine schon die Pietät.

Wie erfolgreich die Detektivarbeit der Behörden ist, weiß Stefanie Frohn: „In rund 70 Prozent der Fälle finden wir Angehörige.“ Üblicherweise schaut das Standesamt in die Stammbücher, dann verläuft die Recherche weiter über die Einwohnermeldeämter und endet bestenfalls vor der Haustür von Angehörigen. „Das ist keine einfache Aufgabe“, sagt Frohn. „Zum Teil hatten die Angehörigen mit dem Verstorbenen 20 Jahre lang keinen Kontakt.“

Auch die Herzogenrather Kollegen leisten nach eigenen Angaben oft die Arbeit eines Sozialarbeiters – und gehen bei der Suche zum Teil recht unkonventionelle Wege: „Manchmal kann auch ein Facebook-Eintrag weiterhelfen“, sagt Manfred Sickert, Ordnungsamtsleiter der Stadt. Not mache erfinderisch. Nicht nur das Aufspüren, sondern auch die Überzeugungsarbeit, die man leisten müsse, erfolge unter hohem Zeitdruck. „Aber die Erfolgsquote ist gut“, findet auch er. Nur in einem Fünftel der Fälle muss Herzogenrath für die Bestattung aufkommen. Um die 1500 Euro koste dies, so Sickert. Wenn der Nachlass noch zu Lebzeiten geregelt wurde und es einen letzten Willen gibt, kommt die Behörde dem auch nach. „Auch, wenn eine Bestattung im Heimatland gewünscht wurde“, sagt Sickert. Das sei in seiner Amtszeit zwar noch nicht vorgekommen, er kenne aber einen solchen Fall mit Überführung nach Israel.

Aussagen über die Lebens- und Todesumstände darf das Amt nicht an die Angehörigen weitergeben. „Nur die Aussage, ob es ein Verbrechen gab oder nicht“, so Sickert. Allerdings würde das Umfeld, in dem der Tote gefunden wurde, meist genug verraten: „Ein leerstehendes Haus, in der jemand als Obdachloser gelebt hat,...“ sagt Sickert als Beispiel.

Die Bestattung der Toten ohne Angehörige findet dann anonym statt. Für die Alsdorfer auf dem Waldfriedhof in Aachen, in Herzogenrath auf dem Friedhof An der langen Hecke, in Würselen auf dem Zentralfriedhof und in Baesweiler auf dem Friedhof an der Schugansgasse – „es sei denn, jemand kommt aus Puffendorf, dann bestatten wir den auch dort“, sagt Baesweilers Ordnungsamtsleiter Pierre Froesch. „Und wir informieren auch immer die Kirche, dann wird der Abschied wenigstens von einer kleinen Feier begleitet.

Wenn Wohnungen zu entrümpeln sind, sichtet die Ordnungsbehörde auch den Nachlass: Gibt es Sparbücher? Uhren? Sonstige Wertsachen? Und übergibt diese dem Nachlassgericht in Aachen. Über dieses kann sich die Stadt bei vorhandenem Vermögen die Bestattungskosten erstatten lassen.

Sollten dann doch noch Angehörige respektive Erben auftauchen, erhalten sie mit dem Nachlass auch die Rechnung für Entrümpelung und Beerdigung. Egal, wie das Verhältnis zu Lebzeiten war, gesetzlich müssen die Angehörigen – (Ex-)Ehepartner, Kinder, Geschwister – dafür aufkommen. Nur wenn diese selbst mittellos sind, kann übers Sozialamt oder die Städteregion eine Unterstützung beantragt werden.

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