Alsdorf - Bergbaumuseumsverein: Wo „Arschleder” zum Zeitzeugen wird

Bergbaumuseumsverein: Wo „Arschleder” zum Zeitzeugen wird

Von: Karl Stüber
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Zeugen der Zeit: Natürlich ge
Zeugen der Zeit: Natürlich gehören auch Uhren, wie sie hier Vorsitzender Dr. Georg Kehren präsentiert, zur Sammlung von Exponaten des Bergbaumuseumsvereins Grube Anna, um die Sozialgeschichte greifbar zu machen. Alle Foto: Karl Stüber

Alsdorf. Josef Pagen sitzt im ehemaligen Ledigenheim für Bergleute an der Herzogenrather Straße am Computer und gibt eifrig Daten ein: Registriernummer, Spender bzw. Herkunft, Gegenstandsbeschreibung und anderes mehr. „Artgerecht” trägt er dabei eine alte weiße Arbeitshose und eine blaues Hemd ohne Kragenspiegel, die für die Kumpel so typisch waren.

Jedes Teil, das durch seine Hände geht, wird fotografiert. Die Digital-Datei wird der Exponatbeschreibung beigefügt. Es geht um Geschirr und Pike, um „Arschleder”, das unter Tage Gesäß und Knie des Bergmanns schützen sollte, um Weihnachtspakete für die Kumpel vom EBV (Eschweiler Bergwerks-Verein), Carepakete vom lieben Amerikaner aus Übersee und jede Menge Alltagsgegenstände rund um die Geschichte des Steinkohlereviers, sei es in Hinsicht auf den Bergbau oder den Hausrat in den Familien.

„45 Anschläge pro Stück sind es mindestens”, hat Pagen ausgerechnet. 5221 Exponate für die Sammlung zur Sozialgeschichte des Bergbaus hat er schon im Rechner erfasst. Eine Auswahl findet nach und nach in den Räumen nebenan seinen Platz. Ständig kommen weitere Exponate durch Dachbodenfunde und Erbschaften hinzu. Gerne können sich Bürger, die Zeugnisse der Bergbaugeschichte abgeben möchten, an den Verein wenden.

Der Bergbaumuseumsverein Grube Anna nutzt seinen Umzug vom Langhaus, das ja für das Großprojekt Kultur- und Bildungszentrum benötigt wird, in das historische Gemäuer gegenüber dem Energeticon dazu, seine Bestände aktuell zu erfassen und neu zu ordnen.

Nun könnte Pagen eigentlich seinen Ruhestand wirklich „ruhiger” gestalten. Der Mann ist schließlich 75 Jahre alt. Aber der passionierte Bergmann, der 1951 beim EBV anfing und zunächst Schlosser lernte, dann Ausbildungsmeister und Sicherheitsfachkraft wurde, bevor er 1991 in den Ruhestand ging, hat die beste Therapie für einen Senioren gefunden: sinnvolle Beschäftigung.

„Er ist einer unserer Fleißigsten. Er ist praktisch jeden Tag hier”, zollt ihm Dr. Georg Kehren Respekt und Anerkennung. Kehren ist auch so ein positiver „Wuseler”. Ihm wurde von der Mitgliedschaft im Mai der Vorsitz des Bergbaumuseumsvereins anvertraut. Kehren ist Lehrer an der Gustav-Heinemann-Gesamtschule Am Klött. Er kennt sich mit der Geschichte Alsdorfs gut aus.

Kehren ist mit Begeisterung bei der Sache und sieht in dem jetzt Formen annehmenden Großprojekt Energeticon als Dokumentationszentrum für historische und regenerative Sonnenenergie am Annagelände (wir berichteten) eine gute Chance, auch die Zielsetzungen des Bergbaumuseumsvereins zu erfüllen. „Mit eigenen Bordmitteln hätten wir nie so etwas erreichen können”, sagt er.

Endlich kann die umfangreiche Bibliothek der ehemaligen Bergschule Aachen - eine Dauerleihgabe der NRW-Stiftung, die derzeit in rund 200 Kisten ruht - als Präsenzbibliothek aufbereitet und in drei Räumen des Erdgeschosses zugänglich gemacht werden. Die Bibliothek des Bergbaumuseumsvereins wird dort - kenntlich gemacht - integriert.

„Wir sind hier neben der Energeticon gGmbH mit Geschäftsführer Harald Richter an der Spitze in historischem Gemäuer sehr gut aufgehoben”, sagt Dr. Kehren. Das gilt auch für die umfangreiche mineralogische Sammlung. Die Bestände sollen für Besucher, für Schulen, Studenten, Vereine und interessierte Personen zugänglich gemacht werden. „Da gibt es ungeheure Möglichkeiten und viele Synergieeffekte mit dem Energeticon.”

Viel Arbeit braucht viele fleißige Hände und kluge Köpfe. Es gilt, die Erfahrungen der alten Bergleute noch möglichst umfassend für die Nachwelt zu sichern. Und mehr noch: Der Pädagoge will die (Sozial-)Geschichte, die Historie von Montan, vom Bergbau, ja des Steinkohlereviers und nicht zuletzt von Alsdorf selbst bewahren und zum Unterrichtsthema machen. Verstehen, was früher war, um daraus zu lernen. Regionalgeschichte pur.

Dr. Kehren will deshalb zum Einsatz im Unterricht in Geschichte, Erdkunde oder Gesellschaftslehre eine „Unterrichtskiste” zusammenstellen, deren Verbreitung nicht nur auf Alsdorf und Umgebung beschränkt sein soll. Dazu sucht er Lehrer, die mitziehen und mitmachen. Innerhalb des nächsten Schuljahres soll das Projekt laufen. Regionale Montangeschichte soll in den Lehrplan aufgenommen werden.

Natürlich wird auch die Vereinszeitschrift „Glück auf” weitergeführt. Der Arbeitskreis Fotografie hat bereits 10 000 Bilddokumente digitalisiert.

Im Probenraum ist die schon historische Bekleidung der singenden ehemaligen Bergleute aufbewahrt. Hochinteressante Pläne von Maschinen und von „unter Tage” ruhen in großen Schränken. Historische „Schätzchen”, die es zu heben - sprich auszuwerten - gilt.

Die Chancen, dass die legendäre Dampflok Anna 8 nochmals völlig aufgearbeitet und betriebsbereit gemacht wird - die Rede ist von rund 800 000 Euro Kosten - stehen schlecht. Aber das dahin rostende Prachtstück soll wenigstens optisch hergerichtet werden, sagt Dr. Kehren.

Bessere Aussichten gibt es für die so genannte „Feuerlose” - eine früher mit Prozessgas betriebene Lok - wieder über die vorhandenen Gleise zu rollen, angetrieben durch Druckluft.

Auch eine auf dem Gelände des Energeticon stehende alte Diesellok ließe sich wieder aktivieren - allerdings nicht zum Befahren der Hauptstrecke. Mit der Südlimburgischen Dampfzuggesellschaft in Simpelveld (NL) will man wieder in Kontakt treten. Die haben nämlich eine prima Werkstatt, sprich Betriebswerk.

Gut 650 Mitglieder zählt der Bergbaumuseumsverein Grube Anna 2 Alsdorf. Ehrenamtler und Helfer sind stets willkommen.

Wer sich für den Verein interessiert und mitmachen möchte, wende sich an die Geschäftsstelle in Alsdorf, Herzogenrather Straße 100, ? 02404/55878-0. Die Initiative hat auch einen eigenen Internetauftritt: www.bergbaumuseum-grube-anna2.de. Der muss aber noch aktualisiert werden, räumt Vorsitzender Dr. Georg Kehren ein. Das will er in den Sommerferien noch leisten. Es bleibt eben viel zu tun in Sachen Bergbaugeschichte in Alsdorf.
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