Nordkreis - Beim Sparen ist viel Kreativität gefragt

Beim Sparen ist viel Kreativität gefragt

Von: Sarah Sillius
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Teure Sanierung: Das neue Dach
Teure Sanierung: Das neue Dach der Markuskirche in Herzogenrath hat ein Loch in die Gemeindekasse in Herzogenrath gerissen. Foto: Stefan Schaum

Nordkreis. Ohne Spenden läuft gar nichts mehr. Das weiß Pfarrer Martin Dielmann genau. „Die Gemeinden können längst nicht mehr nur von den Kirchensteuern leben”, sagt der Vorsitzende des Presbyteriums in Herzogenrath.

„Die Situation ist bei uns allen schwierig.” Ein Satz, der nicht nur bei Dielmann fällt, wenn er an die finanzielle Lage denkt. „So dramatisch wie in Alsdorf ist sie aber noch nicht”, ist der Ausspruch, der meist im Anschluss zu hören ist.

Nach Angaben von Superintendent Hans-Peter Bruckhoff ist der Rückgang der Mitglieder und damit der Kirchensteuereinnahmen nirgendwo so drastisch wie in Alsdorf. Noch 4000 Protestanten zählt die Stadt. Dennoch verfügt sie über drei Gotteshäuser beziehungsweise Gemeindezentren. Zum Vergleich: Die Gemeinde in Würselen ist bei 3600 Mitgliedern auf nur ein Kirchengebäude angewiesen. Eine Umwandlung der Gebäude in Alsdorf wird daher in Betracht gezogen. Bei einer Mitgliederbefragung werden derzeit Meinungen zu möglichen Sparmaßnahmen eingeholt, die Auswertung wird Mitte Januar erwartet.

Unter den Gemeinden im gesamten Kirchenkreis Aachen zählt Herzogenrath mit rund 4500 Mitgliedern zu den finanziell besser gestellten. „Dennoch sind Sparmaßnahmen nötig”, sagt Pfarrer Dielmann. Er denkt unter anderem daran, sein Pfarrhaus aufzugeben: „Es ist eine Überlegung, die Dienstwohnungen der Pfarrstelleninhaber zu verkaufen.” Die Pfarrer müssten sich dann auf dem freien Wohnungsmarkt umsehen.

Dielmanns Gemeinde hat vor zwei Jahren per Flyer in Herzogenrath für die Taufe geworben - eine erfolgreiche Aktion. Und dennoch ist der Presbyter ständig auf der Suche nach kreativen Finanzierungsmöglichkeiten für Sanierungen, Personal und Material. Das neue Dach der Markuskirche musste mit Hilfe von Rücklagen finanziert werden und hat ein Loch in der Gemeindekasse hinterlassen. Behindertengerechte Toiletten im benachbarten Gemeindehaus neben der Markuskirche wurden durch den Verkauf eines Teilgrundstücks an die Roda-Schule möglich. Neue Gebetbücher konnten mit Hilfe einer Spendenaktion angeschafft werden. Auch für die Orgel werden Spenden gesammelt.

Nicht am Personal sparen

Wichtig ist Dielmann, dass bei all dem nicht am Personal gespart wird. Die Finanzierung der hauptamtlichen Sozialarbeiterin für die Flüchtlingsarbeit - das inhaltliche Alleinstellungsmerkmal der Gemeinde - wird mit privaten Spenden unterstützt. Im nächsten Jahr muss Dielmann wieder um die Vertragsverlängerung seiner Mitarbeiterin kämpfen.

Die Gemeinden in Baesweiler und Würselen haben nach Angaben der zuständigen Presbyter und Finanzbeauftragten mit weniger Problemen zu kämpfen. Baesweiler hat seit 2003 nur etwa 150 Mitglieder verloren und zählt heute rund 2900 Protestanten, die in der Friedenskirche und dem Gemeindehaus beheimatet sind. „Uns geht es nicht mehr so gut wie vor zehn Jahren, aber wir stehen auch nicht richtig schlecht da”, sagt Pfarrer Jochen Gürtler.

Die Würselener Finanzkirchmeisterin Gisela Voigt nennt ihre Gemeinde „vergleichbar finanziell gesund”. Diese frohe Kunde jedoch hat auch einen traurigen Hintergrund: Die Gemeinde hat bereits vor zehn Jahren ihre zweite Predigtstätte in Bardenberg aufgeben müssen. Ein Prozess, der eine lange Trauerzeit nach sich zog. Der die Situation, rein pragmatisch betrachtet, heute einfacher macht. „Mit dem Verkauf haben wir schon damals den Blick nach vorn gerichtet”, sagt Voigt.

Der demographische Wandel macht aber auch vor Würselen nicht Halt, was mit dem Rückgang von Spenden spürbar wird.

Immerhin ist die Zahl der Gemeindemitglieder geringfügig gestiegen. Das Kirchengebäude in der Bahnhofstraße und das angrenzende Familienzentrum sind voll ausgelastet. „Wir stoßen schon eher an die Grenze unserer Kapazitäten”, sagt Pfarrer Harry Haller.

Gebäude vermieten

Das Gemeindezentrum in Setterich-Siersdorf wurde 2011 renoviert, um für potenzielle Mieter attraktiver zu werden. „So wollen wir Gebäudekosten senken”, erklärt Klaus Rieger, stellvertretender Presbyteriumsvorsitzender. Die beiden Kirchengebäude in Setterich und Siersdorf sollen so lange wie möglich erhalten bleiben, auch das Angebot will man möglichst nicht einschränken. „Wir haben schließlich einen sozialen Auftrag”, erinnert Rieger. „Die Menschen sollen sich in den Gemeinden aufgehoben fühlen. Nur so können wir sie auch wieder in die Kirche zurückholen.”

Das Jahr 2012 wird für die Gemeinde Setterich-Siersdorf ein spannendes. Mitte des Jahres wird über die Pfarrernachfolge entschieden, bislang ist Pfarrer Ernst-Dieter Grode als Vertretung vor Ort. In welcher Form die Gemeinde sparen wird, hängt von den Ansichten des Nachfolgers ab. Und von dem neuen Haushaltsplan, der jetzt noch nicht steht.

Ein Hilfsmittel bei der besseren Planung und der Bildung von Rücklagen soll für die Gemeinden im Kirchenkreis ein neues technisches Finanzwesen sein. Mehr noch als gute Buchhaltung soll aber in Zukunft eine Zusammenarbeit der Gemeinden helfen. „Wir müssen schauen: Wie können sich Gemeinden gegenseitig unterstützen? Wo können sie sich ergänzen?”, sagt Bruckhoff. „Die Arbeit vor Ort ist nur noch so zu gewährleisten”, meint Pfarrer Dielmann.

Der Prozess hat in seiner Gemeinde im Kleinen schon begonnen. Viermal im Jahr gibt es zwischen Herzogenrath und Merkstein einen „Kanzelaustausch”. Die Pfarrer wechseln sich ab, um sich in den jeweils „fremden” Gemeinden bekannter zu machen. Das allein reicht jedoch noch nicht, um die Zukunft der Evangelischen Kirche im Nordkreis sicherzustellen. Dielmann: „Die Arbeit muss noch viel stärker miteinander verwoben werden.”

Ob es in naher Zukunft Fusionen geben wird, dazu möchte sich bislang noch niemand äußern.
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